Turgenjew (Iwan Sergejewitsch), der bedeutendste russ. Dichter der neuern Zeit, geb. 28. Okt. (9. Nov.) 1818 in der Stadt Orel, brachte seine Jugend auf dem Gute seiner Mutter im gleichnamigen Gouvernement zu. Mit dem 12. Jahre kam er in eine Pension nach Moskau, besuchte die dortige Universität, dann die petersburger, und begab sich nach Erlangung des Grades eines Kandidaten 1837 zu weitern Studien nach Verlin. Hier hörte er die Vorlesungen Rankes, Böckhs, Zumpis und machte sich namentlich unter Werder mit der Hegelschen Philosophie bekannt. Im J. 1841 kehrte er nach Petersbur zurück, publizierte unter den Buchstaben T. L. urgenjew-Lutinow) kleine lyrische Lieder, dann zwei größere Dichtungen in Lermontowscher (pessimistischer) Tendenz: 4519 und einige Erzählungen (Andrej Kolossowo, Drei Porträtse u. a.), deren Gegenstand unglückliche Liebe ist. Schließlich aber wandte er sich den wirklichen Lebensinteressen Rußlands zu und veröffentlichte 1847 in der Zeitf rift Sovremenniko die Stizze Chor und Kalinitf „„ mit der eine Reihe prächtiger Bilder aus dem russ. Volksleben eröffnet wurde, die unter dem Gesamtnamen Qapislei ochotnikas (Skizzen aus dem Tagebuche eines Jägerse) bekannt sind und nacheinander is 1851 erschienen. Sie geben ein lebendiges Bild von den traurigen Zuständen des russ. Bauernstandes vor der Aufhebung der Leibeigenschaft, zu deren Aufhebung sie selbst nicht wenig beigetragen haben. Im J. 1852 wurde T. wegen eines Aufsatzes uber Gogol auf mehrere Jahre ins Innere von Rußland verbannt. Seit 1863 lebte er fast ganz im Auslande, in Beziehungen zu der Familie Viardot. erst in Baden-Baden, dann in Paris. Er starb 3. Sept. 1883 zu Bougival bei Paris; seine Leiche wurde nach Petersburg übergeführt und 9. Okt. auf dem Wolkower Friedhof daselbst zwischen den Gräbern Bielinskijs und Dobroljubows feierlich bestattet. Die Zustände Rußlands blieben nach den «Skizzeno der Gegenstand fortwährender Aufmerksamkeit T.s, und er brachte in einer Reihe Novellen und Romanen das in der russ. Gesellschaft erwachte Bestreben nach Beseitigung der Starrheit und des Druckes der heimatlichen Verhältnisse lebenswahr un Darstellung, angefangen von der unbewußten Inzufriedenheit (eTagebuch eines überflüssigen Menschenv, 1850) und vom kosmopolitischen Doktrinarismus (Rudin⸗, 185) bis zum Erwachen des Pflichtbewußtseins der ++½ Klassen und ihrer Annäherung an das Volk (Das adelige Neste, 1859) und zum begeisterten Patriotismus (Am Vorabende, 1860), der jedoch aus Uberstürzung und weil er nicht Raum genug zur Bethätigung findet, im Nihilismus verkümmert (die Romane Väter und Söhnes, 1862, «Rauche, 1867) und mit tragischer Selbstaufopferung endigt, indem zugleich neue Leute mit bescheidenern Aufgaben als Repräsentanten der Zukunft auftreten (der Roman-Neulando, 1876). Diese sozialpolitische Tendenz seiner Poesie bildet eigentlich auch den Hauptruhm des Dichters in seiner Heimat; er galt dort als Führer der fortschrittlichen öffentlichen Meinung. Seine künstlerischen Vorzüge: gewissenhafter Realismus, Knappheit der Darstellung, feines ästhetisches und psychologisches Gefühl, wurden dagegen weit mehr im Auslande bewundert und anerkannt als in Rußland selbst, und stellen ihn, nachdem seine Werke durch Übersetzungen eine weite Verbreitung in Europa und Amerika gefunden haben, in die Reihe der ersten europ. Schriftsteller. T.s Novelle, das Hauptgebiet seiner Meisterschaft, hat durch ihre Eigenart in der Einfachheit der Fabel, aber scharfer Charakteristik von Person und Situation und malerischer Anschaulichkeit der Landschaft (Wald und Steppes, »Der Todo, „Die Bjeschin-Wiesey u. a.), dies alles verbunden mit größter Naturwahrheit, einen tiefen Einfluß auf die Novellenlitteratur aller Völker gewonnen; einen eigentümlichen Reiz haben auch T.s Frauencharaktere Natalie, Wjera, Helena, Asja). Von Tis Arbeiten sind noch zu nennen; die Novellen Erste Liebes (1860), „Die Unglückliches, „Lieutenant Jergunowe (1867), König Lear der und Baburino u. a.; endlich die halbmythische Erzählung Triumphgesang der Liebe⸗ (1882) im Stil der altitalienischen Novellisten, die Novelle «Klara Militsche (1883) und die hochpoetischen Gedichte in Prosas (1883). Außerdem verfaßte T. noch einige Dramen, die sich aber zur e Abhaud wenig eignen, und einige litterarische Abhandlungen. Eine vollständige Sammlung seiner Werke erschien in Moskau (2. Aufl., 10 Bde., 1884). In deutscher einzelner Werke in Reclams «Universalbibliotheku. . w. «Ausgewählte Werke T.sv (12 Bde., Mitau und Hamb. 1869—84). Litterarhistorisch wertvoll sind T.s 4Briefen (1. Sammlung, Petersb. 1884; deutsch von H. Ruhe, Lpz. 1886). Vgl. Glagau, »Die russ. Litteratur und Iwan T.» (Berl. 1872); die Biographien T.s von Zabel (Lpz. 1881) und Thorsch (Lpz. 1886); Vogue, 4Le roman russes (Par. 1886); die litterar.⸗krit. Artikel über T. von Aug. Scholz, Julian Schmidt etc.