Urgeschichte hat man denjenigen Teil der Geschichte des Menschengeschlechts genannt, der die Vorzeit behandelt, über welche keine direkten Nachrichten vorliegen, deren Vorgänge vielmehr nur aus verschiedenen hinterlassenen Spuren erschlossen werden können. Größere zusammenhängende Untersuchungen über dieses weite und schwierige Feld hat erst die jüngste Zeit gebracht, seitdem man das absurde Vorurteil eines auf höchstens 6— 8000 Jahre bestimmten Alters des Menschengeschlechts auf der Erde abgestreift hatte. Zu wiederholten malen hatte man sowohl in Anschwemmungen als in Höhlen die überzeugendsten Beweise gefunden, daß der Mensch mit Arten wilder Tiere, die jetzt entweder ausgestorben (Höhlenlöwe, Höhlenbär, Höhlenhyäne, Mammut, Knochennashorn u. s. w.) oder nach dem Norden ausgewandert sind (Renntier, Moschusochse, Vielfraß, Eisfuchs und aus neuerer Zeit Elen und Auerochse), in Centraleuropa zusammen gelebt habe, und daß zu diesen Tieren noch diejenigen der Hochgebirge (Steinbock, Gemse, Murmeltier, Schneehuhn u. s. w.) kamen, welche damals in den Ebenen hausten. Die von Schmerling, Abbe Frere u. a. früher gemachten Beobachtungen wurden auf Grund gewisser wissenschaftlicher Theorien und religiöser Anschauungen zurückewiesen, bis es endlich in der Neuzeit Boucher de Perthes gelang, nicht nur selbst überzeugende Thatsachen herzustellen, sondern auch einer Menge Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XVI. von Untersuchungen den Weg zu bahnen, sodaß jetzt die Thatsache feststeht, daß die U. wenigstens bis zu dem Zeitpunkte, wo die oben erwähnten Tiere in Europa hausten, zurückzuführen sei. Diese fällt aber im größten Teile ihres Verlaufs mit der sog. Eiszeit oder quaternären Periode zusammen, umfaßt also eine außerordentlich lange Periode, während welcher die bedeutendsten Veränderungen im Klima unserer nördl. Erdhälfte und in der gegenseitigen Begrenzung von Land und Meer vor sich gegangen sind. Ob diejenigen Spuren, die im wesil. Frankreich in Schächten gefunden wurden und der Molasseperiode oder mitteltertiären Zeit (Miocen) angehören, wirklich auf die Gegenwart des Menschen zu schließen berechtigen, ist eine noch ungelöste Frage. Aus der Natur der Sache geht hervor, daß die U. nur Kulturgeschichte sein und daß sie über die Thaten und Schicksale einzelner Individuen gar nichts, über die Wanderungen und Wandlungen einzelner Völker und Stämme nur indirekte Nachweise beibringen kann. In den ersten Zeiten, welche sie behandelt, treten uns die Uranfänge der Kultur bei offenbar wilden Menschen in ihrer primitivsten Gestalt entgegen, und erst in den spätern Perioden, wo die Anknüpfungen an die historische, durch direkte überlieferungen aufgeklärte Zeit sich häufen, kann davon die Rede sein, die U. allmählich in diese histor. Zeit selbst überzuführen und mehr vereinzelte Erscheinungen nachzuweisen. Durch diese unzähligen Beziehungen zu Kulturzuständen, welche denen der heutigen Wilden nahe kommen oder selbst noch unter denselben stehen, tritt aber die U. in das engste Verhältnis zu der Völkerkunde (Ethnologie und ethnolog. Kulturgeschichte), welche die Vergleichungspunkte zur Erklärung der aufgefundenen Instrumente, Waffen u. s. w. liefert und dadurch die Grundlagen zu weitern Schlüssen herstellt. Die Reste selbst, aus welchen die U. ihre Grundlagen aufbaut, sind verschiedener Art und beziehen sich teils, wie die Instrumente, Waffen, Kleidungsstücke, Wohnungen u. s. w., auf das Leben, teils, wie die Gräber, Denkmale u. s. w., auf den Tod der ursprünglich wilden Bewohner. Nicht minder greifen die Beziehungen zur Außenwelt bedeutend ein, da der Kampf um das Leben, welchen der Mensch wie jeder andere Organismus kämpfen muß, um so wilder und tierischer ist, je mehr er der frühesten Periode angehört. Der Mensch kämpft hier mit dem Tiere um das Leben, und wo er letzteres überwältigt, läßt er an den harten Teilen desselben, Knochen und Klauen, die Spuren seines Kampfes und seiner Arbeit zurück. Je mehr die Kulturzustände sich vervollkommnen, die Bedürfnisse sich mehren und zu ihrer Befriedigung die weitere Ausbildung der Arbeitsprodukte beanspruchen, desto mehr tritt diese ursprüngliche Seite der urgeschichtlichen Forschung in den Hintergrund, um mehr Untersuchungen von kulturgeschichtlichem Charakter Platz zu machen. Die urgeschichtliche Forschung findet demnach ihre urkundlichen Quellen bei einer Menge von andern Wissenschaftszweigen. Von der Geologie erhält sie aus den ältern Schwemmgebilden, den Höhlen, Seen und Torfmooren die Angaben über die Lagerung der Reste, welche wieder Schlüsse auf die Art der Anhäufung, sowie über das relative Alter derselben erlauben. Die Durchforschung der Anschwemmungen, des Löß, der Höhlen und Knochenspalten ist namentlich für die ältere, die der Seer und Torfmoore für die spätern Perioden der U wichtig. Nicht minder ist die Geologie zu Rate zi ziehen, wenn es sich um die Unterscheidung vor noch jungfräulichen, unveränderten und von durchwühlten Ablagerungen handelt, in welchen Produkte späterer Perioden mit denen früherer ver mengt wurden. Hiermit eng verbunden sind die Untersuchungen der Versteinerungskunde oder Paläontologie (s. Petrefakten „ welche sich mit den Überresten von Tieren und Pflanzen beschäftigt, die mit den Menschenspuren gefunden werden und die weitgreifendsten Schlüsse auf den Kulturzustand ermöglichen. Die Hörner, Klauen, Zähne und Knochen der Tiere, welche der Mensch jagte, der Haustiere, welche er züchtete; die Art und Weise, wie er diese Knochen benagte, ihr Mark als Nahrung, ihre Substanz als Schmuck oder zur Fertigung von Instrumenten benutzte, geben nicht minder reiche Aufklärungen als die wilden Pflanzen, die er zur Nahrung und als Baumaterial, die Kulturpflanzen, welche er zu gleichem Zwecke, zur Fertigung von Kleidungsstoffen, von Instrumenten u. s. w. benutzte. Eine dritte Richtung der Untersuchung basiert sich auf die Anthropologie und zieht speziell die menschlichen überreste selbst in Betracht, besonders die Schädel, indem sie teils aus deren Bildung im allgemeinen Schlüsse auf den höhern oder niedern Grad der Ausbildung der Individuen, Bölkerstämme und Rassen zu einer gewissen Zeit zieht, teils aber ganz besonders die gefundenen ypen und Formen mit denjenigen der jetzt lebenden Völker und Rassen vergleicht. Ferner ist es die Ethnologie, welche durch die Vergleichung mit den jetzigen Kulturzuständen besonders die Bedeutung der verschiedenen Gegenstände,‚ Instrumente, Waffen, Schmuck, Symbole und Kultusobjekte, sowie der Baudenkmale, wie Wohnungen, Tempel, Gräber und Grabstätten, Hünengräber u. f. w. erörtert und mit der vergleichenden Sprachforschung den engsten Anschluß an die histor. Periode vermittelt. Endlich kann noch als wichtige Quelle die Sagenforschung, die Ergründung der noch im Volksleben fortdauernden Gebräuche, Mythen und Sagen bezeichnet werden. Man hat die U. in verschiedene Perioden eingeteilt, die allmählich ineinander übergehen und ebenso wenig scharfe Grenzen haben als die Kulturperioden der eigentlichen Geschichte, wobei an verschiedenen Orten in derselben Zeit sehr verschiedene Kulturperioden sich abgesponnen haben. Während z. B. am Mittelmeere schon eine weit vorgeschrittene Entwickelung der Civilisation platzgegriffen hatte, herrschten an den Ufern der Nord⸗ und Ostsee noch Zustände, welche an diejenigen heutiger Naturvölker erinnern. Ebenso darf nicht vergessen werden, daß einzelne Kulturperioden, die an bestimmten Orten sich in regelmäßiger Reihenfolge abwickeln, an andern Orten durch Eroberung, Einwanderung etc. ausfallen, sodaß sich dort sprungweise Entwickelung findet. Hiernach kann man die in folgende Perioden teilen, die jetzt in ihren Grundzügen fast allgemein angenommen sind: 1)Steinzeit. Der Mensch kennt den Gebrauch der Metalle noch nicht; er verfertigt sich seine Instrumente aus Stein, Horn, Knochen, Holz u. s. w. Man hat diese Periode wieder in Unterabteilungen getrennt, bald zwei, drei oder mehrere; meistens hat man folgende drei angenommen: a) Periode ndes Mammut, des Höhlenbären, der geschlagenen I. Steinwaffen. Die ausgestorbenen Arten überwiegen uin der mitteleurop. Fauna; die Waffen und Innstrumente bestehen aus roh geschlagenen Kiesel⸗ )⸗ärten. Hauptfundorte: Amiens, Abbeville in ⸗Frankreich, Spiennes und die Höhlen um Lüttich „in Belgien, Horne in England, Höhle von Dur in eMähren, Löß von Egisheim im Elsaß, Hohlefels „bei Blaubeuren u. s. w. b) Periode des Renntiers fHund der nordischen Tiere. Die ausgestorbenen „Tiere leben noch, sind aber an Zahl sehr vermind dert, die Steinwassen besser gearbeitet; die Knodsschen, besonders das Renntiergeweih, werden zu dkunstvollen Arbeiten benutzt, erste Entwickelung der rKunst durch Gravierung und Modellierung, be⸗ „sonders von Tiergestalten, indessen wird diese „Thatsache von gewichtiger Seite (Lindenschmit) bestritten; rohe Töpfe, halbgebrannt. Hauptfundhorte: Höhlen und Grotten im Perigord, in Bel⸗ „gien, Veyrier bei Genf, Schussenried bei Ravensburg, Thayingen im Kanton Schaffhausen. Beide Unterabteilungen werden auch unter dem Namen der paläolithischen Periode zusammengefaßt. e) Periode der geschliffenen Steinwaffen, der Haustiere und Nutzpflanzen und der festen Wohnungen. (Neolithische Periode.) Kulturzustände ähnlich denen, welche man in Oceanien, Neuseeland zur Zeit der Entdeckung antraf. Die Steininstrumente sind fein geschliffen, Holz und Horn Eirschgeweih) geschickt bearbeitet. Die nordischen Tiere sind ebenso verschwunden wie die ausgestorbenen Tierarten und durch Haustiere, zuerst den Hund, dann Ochsen, Schweine, Ziegen, Schafe ersetzt. Der Ackerbau erstreckt sich auf Getreide (Weizen, Gerste, Hirse) und verschiedene Nutzpflanzen, wie Mohn, Flachs u. s. w. Es werden Gewebe auf hölzernen Webstühlen gefertigt. Die Wohnungen sind an vielen Orten Pfahlbauten in Seen und Torfmooren. Hauptfundorte: die Küchenabfälle (s. Kjökken-Mödding) im Norden, besonders in Dänemark; die Pfahlbauten der Schweiz, besonders der Ostschweiz; die ältern Hünengräber ([. Dolmen) Norddeutschlands, Dänemarks, Großbritanniens und Frankreichs; außerdem viele Fundorte in allen Ländern der Alten und Neuen Welt. 2) Metallzeit. Die Metalle kommen allmählich zur Kenntnis und Anwendung und ersetzen nach und nach den Gebrauch des Steins. Man hat auch diese Zeiten in mehrere Perioden zu gliedern unternommen, ohne indessen dafür eine genügende wissenschaftliche Grundlage schaffen zu können. Die Annahme einer großen Bronzeindustrie, welche der Verwendung des Eisens vorausgegangen, hat sich als unhaltbar erwiesen. Die Bronzegeräte wurden dem Norden von der Kultur des Südens zugeführt und erst später lernten die nordischen Völker, selbst einfache Geräte und Schmucksachen aus Bronze herzustellen. Zu den ältern Funden ist das Eisen (feiner leichtern Vergänglichkeit wegen) seltener vertreten; wenn man daher von einer Bronzezeit innerhalb der Metallzeit sprechen will, so kann das nur mit Berücksichtigung dieses Umstandes: eben weil die Bronze in den ältern Funden das am meisten vorkommende Metall ist, geschehen. Später überwiegt das Eisen, daher dann die (ebenfalls willkürliche) Annahme der Eisenzeit. Auf den Tafeln: Urge ch ichte Jund II wird eine Anzahl Altertümer in Abbildungen vorgeführt, welche aus den verschiedenen Perioden 2 charakteristischen Formen, besonders der Waffen und schneidenden Werkzeuge, von Stein, Bronze und Eisen, veranschaulichen. Die Förderung der U. liegt namentlich zahlreichen Gesellschaften ob, die meistens Anthropologie und U. miteinander verbinden. Der 1869 in Innsbruck egründeten allgemeinen Deutschen Anthropologichen Gesellschaft mit ihren Zweigvereinen, die auch Wanderversammlungen hält, gingen die londoner und pariser, sowie die Nordische Gesellschaft voraus, während in Osterreich, Ungarn, Rußland, Spanien, Portugal und Nordamerika ähnliche Gesellschaften sich bildeten. Ebenso versammelt sich von jetzt an nur alle zwei Jahre ein Internationaler Kongreß, dessen Sitzungen regelmäßig seit der ersten in Neuenburg in der Schweiz, in Paris, Bologna, Kopenhagen, Brüssel, Stockholm, Pest u. s. w. stattfanden. Alle diese Gesellschaften geben Verhandlungen heraus; außerdem sind der Wissenschaft noch besonders gewidmet das «Archiv für Anthropologie und U.» (Bd. 1 u. fg., Braunschw. 1866 fg.) in Deutschland; die Matériaux pour servir etc.v, gegründet von Mortillet, fortgesetzt von Cartailhac in Frankreich; das 4 Archivio per PAntropologia e I'Etnologias in Italien. Die besten Lehrbücher sind: K. Vogt, „Vorlesungen über den Menschen » (2 Bde., Gieß. 1863); Lyell, Geological evidences of the antiquity of mano (3. Aufl., Lond. 1863; deutsch von Büchner, Lpz. 1874); Le Hon, „L'homme fossiles (2. Aufl., Lond. 1869; deutsch von Passow, mit einer Einleitung von Virchow, 2 Bde., Jena 1873—74); W. Baer, «Der urgeschichtliche Menscho (Opz. 1874; 2. völlig umgearbeitete Aufl. von Friedr. von Hellwald, Lpz. 1880); Ratzel, «Die Vorgeschichte der europ. Menschheite (Münch. 1874); Caspari, «Die U. der Menschheit mit Rücksicht auf die natürliche Entwickelung des frühesten Geisteslebens⸗ (2. Aufl., 2 Bde., Lpz. 1877); A. Rauber, «Urgeschichte des Menschen, ein Handbuch für Studierende (2 Bde., Lpz. 1884); L. Lindenschmit, «Handbuch der deutschen Altertumskunde ⸗(Tl. 1, Braunschw. 1885).