FeedUrtioa I.
PflanzenreichBrockhaus 1882

Urtioa I., Nessel, Pflanzengattung aus der Familie der Urticaceen. Man kennt gegen 30 Arten, die in den gemäßigten Zonen eine weite Verbreitung besitzen. Es sind einjährige oder perennierende Kräuter mit ein-oder zweihäusigen, unansehnlichen grünlichen Blüten, von denen die männlichen eine vierteilige Blütenhülle und vier, anfangs eingeschlagene, dann elastisch aufschnellende Staubgefäße, die weiblichen aber eine zweiteilige Blütenhülle und einen Fruchtknoten mit sitzender, kopfförmig-pinseliger Narbe haben. Die opponiert stehenden Blätter, sowie die Zweige und Blüten sind mit Brennhaaren besetzt, die bei der Berührung an der Spitze abbrechen, die Haut ritzen, einen brennend—⸗ scharfen Saft in die kleine Wunde fließen lassen und dadurch Brennen und Entzündung erregen. Das von in Deutschland einheimischen Nesseln verursachte Brennen ist zwar lästig, aber nur sehr unbedeutend im Vergleich mit einigen südasiat. Nesseln. Unter diesen zeichnet sich vorzüglich die in Bengalen einheimische feingekerbte Nessel (U. erenulata Hoæb.) durch heftiges Brennen aus, indem sie auch bei nur leiser Berührung mit einem Finger ein anfangs schwaches Brennen erregt, das sich jedoch binnen einer Stunde zu einem wutenden Schmerze steigert, ohne daß Geschwulst oder Röte erscheint. Der Schmerz verbreitet sich bald uber das Glied, z. B. den ganzen Arm, erregt fast Kinnbackenkrampf und dauert in gleicher Heftigleit an 24 Stunden. Derselbe läßt die folgenden Tage zwar nach, verschwindet aber erst am achten oder neunten Tage, kehrt indes in dieser Zeit bei Benetzung mit kaltem Wasser sogleich in voller Heftigkeit wieder. Überhaupt werden alle durch Nesseln verursachte Entzuündungen durch hinzugebrachte Nässe nur verlängert; noch stärker wirkt die auf den Sunda-Inseln einheimische U. urentissima Bl., deren Brennhaare sehr starke, jahrelang andauernde Schmerzen hervorrufen. Von der in Deutschland überall gemein wachsenden ausdauernden zweihäusigen oder roßen Nessel (U. dioica L.) und der einjährigen leinen Nessel (U. urens J.) war sonst Kraut und Samen als Heilmittel gebräuchlich. Die jungen Triebe der erstern werden hier und da als Salat und die jungen Pflanzen wie Spinat oder Kohl als Gemüse gegessen. Die festen Fasern des Stengels können von allen etwas stärkern Arten zu Gespinsten und Geweben sowohl von der seinsten als auch gröbsten Art verwendet werden, und zwar nennt man das aus den Bastfasern der Nesselstengel produzierte zarte Gespinst Nesselgarn, das Gewebe Nesseltuch. Vor Einführung der Baumwolle wurden in Deutschland und in der Picardie diese Fabrikate regelmäßig hergestellt; auch ist seit 1875 eine Agitation zur Wiederaufnahme der Nesselfaserindustrie von Berlin aus in Gang gekommen, doch bisher fast gänzlich ohne Erfolg geblieben. Dagegen werden mehrere Arten der verwandten Gattung Böhmeria Jacg. (s. d.) in China und andern Ländern als wichtige Gespinstfaserpflanzen im Großen angebaut. der Gruppe der Dikotyledonen. Man kennt gegen 1500 Arten, die über die ganze Erde verbreitet vorkommen. Es sind Bäume, Sträucher oder krautartige Gewächse von sehr verschiedenem Habitus. Die Blüten sind eingeschlechtig und regelmäßig gebaut; sie bestehen aus einem einfachen, kelchartig entwickelten Perianthium mit mehrern Lappen, meist vier Staubgefäßen in der männlichen und einem einfächerigen Fruchtknoten in den weiblichen Blüten. Die Früchte sind in der Regel Nüßchen, seltener mit fleischiger Fruchthülle versehen, in einigen Fällen zu Scheinfrüchten vereinigt. Viele Arten der U. enthalten reichlich Milchsaft, der technische Verwendung findet, so der bekannte Gummibaum, Lieus elastica, andere werden zur Gewinnung von Fasern benutzt, wie einige Böhmeria-Arten und der Hanf, wieder andere liefern wichtige Früchte, wie der Brotfruchtbaum (Artocarpus) und der Feigenbaum (Eicus carica). Neuerdings rechnet man unter die U. eine Reihe Familien, die früher als besondere Familien betrachtet wurden, nämlich die Ulmaceen, Celtideen, Moreen, Artocarpeen, Cannabineen. Man hatte sie schon früher unter dem Namen Urtieineen mit den U. in eine Abteilung zusammengefaßt, doch ist es natürlicher, sie als eine zusammengehörige Familie zu betrachten.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 76Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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