FeedUrwald
PflanzenreichBrockhaus 1882

Urwald wird derjenige Waldzustand genannt, in welchem das freie Walten der Natur in keiner Weise durch Eingriffe der Menschen gestört oder beschränkt worden ist. Dort sieht man die mächtigsten Bäume durch Orkane oder dadurch, daß sie das Ziel ihres Lebens erreicht haben, zusammengestürzt übereinander liegend, langsam verwesend neuen Generationen wieder Platz machend. Auf den modernden, wirr übereinander liegenden Stämmen haben die Samen anderer Bäume gekeimt, weshalb solche Stämme häufig mit jungen Bäumen verschiedenen Alters besetzt sind. Auf dem Stamme trocken gewordene Baumriesen stehen zwischen dem neuen Anwuchse, massig ist der Waldhumus aufgehäuft und gibt reichliche Nahrung für die üppigste Vegetation. Des Menschen Fuß ist dieser Waldeinsamkeit fern; nur wilde Tiere hausen dort im sichern Schutze der natürlichen Verhaue. In Deutschland finden sich nur noch wenige Urwälder, z. B. im Böhmerwalde (zum großen Teil vernichtet durch Sturm und Borkenkäfer in den J. 1870—74) und im Bayrischen Walde, in den schwer zugänglichen höhern Regionen der Alpen (3. B. der Wettersteinwald bei Partenkirchen); mehr aber in den weniger bevölkerten Ländern, wie Polen und Rußland, und in Amerika sind noch überaus große Flächen damit bedeckt. Besonders ausgezeichnet und einen eigentümlichen landschaftlichen Charakter gewährend ist der tropische U. durch die mächtigen, bis zu den äußersten Spitzen der größten Bäume reichenden und sie oft ganz bedeckenden Schlingpflanzen (Lianen) und wegen der zahllosen, oft schön blühenden Gewächse (Orchideen u. a.) und Farnkräuter, die sich an den Stämmen der ältern Bäume angesiedelt haben.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 82Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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