Velociped (vom lat. velox, d. i. schnell, und pes, d. i. Fuß), eine Maschine, welche die Ausnützung der menschlichen Muskelkraft zur selbständigen Fortbewegung in vorteilhafterer Weise, als dies beim Gehen möglich ist, gestattet. Die erste derartige Konstruktion war die Reitmaschine des Freiherrn Karl von Drais, Fig. 11 der Tafel (ogl. Draisine), weiche im J. 1817 an die Offentlichkeit trat. Dieselbe hatte zwei hintereinander befindliche Räder und wurde durch abwechselndes Aufstoßen der Füße auf den Erdboden bewegt. Zu Ende der sechziger Jahre wurden von Amerika aus die ersten zweiräderigen und dreiräderigen Gefährte unter dem Namen Velociped eingeführt. Diese Maschinen waren, wie die Maschine von Drais, aus Holz gebaut, die hintern Räder etwas kleiner als die vordern; die Bewegung erfolgte dadurch, daß zwei um einen gestreckten Winkel gegeneinander versetzte Kurbeln mit Pedalen, die an der Achse des Vorderrades befestigt waren, abwechselnd niedergetreten wurden, welche Eter .fer auch bei den neuern vervollkommneten V. die gleiche geblieben ist. Der Unterschied der heutigen von den ältern Konstruktionen beruht im wesentlichen darauf, daß sämtliche Teile außer den Lagerbüchsen aus Stahl gefertigt, die Lager selbst bei weitem sorgfältiger, meist aus Phosphorbronze und mit Friktionsrollen versehen, hergestellt werden, hauptfachlich aber auf der Anwendung sehr hoher Treibräder und kleiner Hinterräder, beide mit vielen äußerst dünnen Speichen, die ihrer Anordnung zufolge nur auf Zug beansprucht werden; auch sind zur bessern Ausnutzung der Muskelkraft die Tretkurbeln senkrecht unter dem Sitz angebracht. Das B. in seiner jetzigen Gestalt wurde zuerst in England gebaut und als Bicyele (Zweirad) eingeführt. Mit demselben legt ein geübter Fahrer auf ebenem Boden mit Leichtigkeit 30 Em in der Stunde zurück; bei kürzern Wettrennen übertrifft der Bicyclist zeitweise sogar die Schnellzugsgeschwindigkeit. Infolge dessen hat das V. nicht allein für den Sport große Verbreitung erlangt, sondern ist auch als Transportmittel von Bedeutung geworden. Das letztere gilt in besonderm Maße vom Tricyele (Dreirad), welches durch die Konzentration der Last auf zwei große nebeneinander befindliche Treibräder größere Stabilität besitzt und daher namentlich auch dann mit Vorteil Verwendung findet, wenn den fahrenden Personen die Übung fehlt, die beim Bicyclefahren stets vorausgesetzt werden muß. Bei entsprechender Konstruktion ist das Tricyele auch für den Gebrauch der Damen geeignet; stets aber sindet bei demselben wegen vermehrter Reibung in den Lagern und am Boden eine Verminderung der Beweglichkeit und Schnelligkeit statt. Je nach dem speziellen Zweck wird die Konstruktion der V. modifiziert. So zeigt Fig. 6 der Tafel das sehr leistungsfähige Renn-Bicycle, Invinciblep der Surrey Machinist's Company in London, bei welchem der Sattel sehr dicht auf dem Verbindungsbügel der beiden Räder sitzt, während dieser möglichst nahe an dem Iazun Rad vorbeigeht, um einerseits die Untertützungspunkte soviel als möglich einander nähern, andererseits dem Rad einen thunlichst großen Durchmesser geben zu können und auf diese Weise die leichte Beweglichkeit und größte Geschwindigkeit der Maschine zu sichern. Den Typus eines Touren-Bicyele gibt die Maschine „Leipzigo von Paul Focke in Leipzig, Fig. 3 der Tafel. Dieselbe ist nicht ganz so gedrängt gebaut wie die vorige. Sie besitzt gleich jener eine gekröpfte Lenkstange, an welcher das Vorderrad gewendet wird, sowie für beide auf Gummiringen laufende Räder ugellager; dagegen ist der Sattel auf einer besondern Feder aufgeschraubt, damit die Unebenheiten der Chausseen vom Fahrer weniger empfunden werden. Im Gegensatz hierzu stellt Fig. 8 der Tafel das Saal-Bic yele von M. Natho in Reud-Leipzig dar, welches namentlich bei dem sog. Kunstfahren, also in geschlossenen Räumen, weniger bei Wettfahrten, zur Anwendung kommt. Dasselbe hat besonders breite Gummiringe, ist sehr leicht und dabei solid gebaut und ermöglicht das Kurvenfahren in ausgedehntester Weise. n Fig. 12 der Tafel ist Starley u. Suttons Sicherheits-Bicyele aRover⸗ abgebildet, welches das bei den hohen Rädern so gefürchtete Vornüberfallen ausschließt. Bei dieser sehr kräftig konstruierten Maschine stehen die fast gleich großen Räder weit auseinander, wodurch ein Gleiten selbst auf schlechten Straßen vermieden wird: der Antrieb erfolgt nicht an der Achse eines der Laufräder, sondern zwischen beiden und die Bewegung wird durch eine Gallesche Gelenkkette auf das Hinterrad übertragen. Da hier der Fahrer bei seitlichen Schwankungen sofort auf dem Fußboden festen Halt findet, ist die Konstruktion besonders auch für Anfänger sehr geeignet. Den libergang vom Bicycle zum Tricycle bildet das Otto-Bicyele der Otto Safety-Bicyele Company in London, Fig. 9 der Tafel. Dasselbe hat auf einer Achse nebeneinander zwei gleich große Räder, die ihren Antrieb von einer gesondert gelagerten gekröpften Welle erhalten, wobei der Fahrende seinen Sitz über der Achse zwischen den beiden Rädern hat. Durch die sinnreiche Einrichtung der Maschine bietet es keine allzu großen Schwierigkeiten, auf derselben das Gleichgewicht zu bewahren, und bezüglich der Lenkbarkeit übertrifft dieselbe alle andern Bicyeles und Tricycles. Die Stahlbänder, welche die Bewegung übertragen, können unabhängig voneinander augenblicklich angespannt oder gelockertwerden, wodurch man, dem Vorwärtslaufen, resp. der Drehung des Fahrzeugs entsprechend, zeitweilig entweder beide Räder oder nur ein Rad antreiben kann. Während die ältern amerik. Dreiradsysteme sich von den zweiräderigen V. nur dadurch unterschieden, daß die nach hinten geführte Verbindungsstange gegabelt war und statt des einen Rades eine längere Achse mit zwei kleinen Hinterrädern trug, sind bei den neuen engl. Tricycles die an derselben Achse sitzenden Räder als große Treibräder ausgebildet, wogegen das dritte kleine Rad nur als Steuerrad dient und bei manchen Konstruktionen vor, bei andern hinter den beiden Haupträdern angeordnet ist. Eine derartige Konstruktion zeigt das in Fig. 13 der Tafel abgebildete „Genuine Humber-Tricycleo von Humber u. Comp. in Beeston, welches zum Schnellfahren vorzüglich geeignet ist. Wie bei den Bicyeles liegen die Tretkurbeln senkrecht unter dem Sattel und die Bewegungsübertragung von der gesondert gelagerten Kurbelwelle auf die Treibräderachse erfolgt durch Kette und Kettenräder. Die dicht vor dem Sitz angebrachte Lenkstange ist hier mit der Achse der Treibräder fest verbunden, sodaß beim Drehen der Stange die Treibräder mitgenommen werden, während das hinten befindliche kleine Laufrad als Gegenstütze dient. Von diesem V. unterscheidet sich das Touren-Tricyele „Invincible“ der Surrey Machinist's Company in London, Fig. 1 der Tafel, in der Hauptsache dadurch, daß das kleine, hier gleichfalls als Steuerrad dienende dritte Rad vor den Treibrädern liegt und das Lenken von einem der beiden Handgriffe neben dem auf einer kräftigen Feder sitzenden Sattel aus mittels einer nach dem Vorderrad führenden Steuerstange geschieht. Mit vorn nach unten gebogenem Gestell und durch einen schützenden Blechmantel verdecktem Getriebe wird diese Maschine auch für Damen angewendet. Fig. 7 der Tafel veranschaulicht Singers Gepäck-Transport-Dreirad. Dasselbe hat ähnliche Steuerung wie das eben angeführte, doch liegt das Steuerrad auf der Hinterseite des Wagens der Maschine, während das Vordergestell einen Korb aus Weidengeflecht zur Aufnahme der zu transportierenden Gegenstände trägt. Zur Bewegung hat die Maschine Doppel-Kettentriebmechanismus. Das «Sociabley von D. Rudge u. Comp. in Coventry, Fig. 5 der Tafel, ist ein V. fur zwei nebeneinander sitzende Personen; es kann jedoch in kürzester Zeit in ein Tricyele für eine Person mit einem großen Rad und zwei seitlich stehenden kleinen Rädern verwandelt werden, da die Treibachse aus zwei auseinanderziehbaren Teilen besteht. Fig.14 zeigt das Invincibles Renn-Tandem-⸗Tricyele, ein Dreirad, welches durch zwei hintereinander sitzende Personen bewegt wird. Dasselbe trägt auf der die Treibräderachse mit dem vorn befindlichen Steuerrad verbindenden Stange einen Sitz mit senkrecht darunter liegenden Tretkurbeln und einen ebensolchen hinter der Treibräderachse: die Steuerung und der Mechanismus für die Bewegungsübertragung sind die gleichen wie bei dem Touren-Tricyele, Fig. 1. In Fig. 2 ist ein anderes Landem-Trichele, dasjenige von Humber u. Comp. in Beeston, dargestellt, welches mit einem Blechmantel über dem vordern Triebmechanismus versehen ist, sodaß es von einer Dame und einem Herrn benutzt werden kann. Ein vorn angebrachtes Sicherheitsrädchen leistet namentlich beim Auf- und Absteigen gute Dienste; der Verbindungsbügel zwischen der Treibräderachse und dem kleinen Steuerrad trägt ein Gestell zur Befestigung von Gepäck. Nach Abnahme des Vorderteils erhält man das Humber-Tricyele, Fig. 13. Durch Kombination der Tandems nach Art des Sociable, Fig. 5, entsteht ein viersitziges Velociped; auch hat man Maschinen mit fünf Sitzen oder durch andere Variationen solche für zwei sitzende und zwei stehende Personen u. s. w. erhalten. Außerdem sind Dreiräder gebaut worden, bei denen Hände und Füße gleichzeitig oder auch nur die Hände zum Antrieb der Maschinen thätig sind. Ein solches ist das von Singer u. Comp. in Coventry ausgeführte Manuped, Fig. 10, dessen Steuerung durch ein kleines Hinterrad erfolgt, welches derart mit der Rückenlehne in Verbindung steht, daß die Maschine durch das Hin- und Herdrehen des Oberkörpers gelenkt wird. Ein Bicyele ohne Hinterrad ist das in Fig. 4 abgebildete Einrad oder Monocyele von Naul Focke in Leipzig, wohl theoretisch das vorteilhafteste Vehikel in Bezug auf Geschwindigkeit und leichte Lenkbarkeit, aber voraussichtlich seiner allzu geringen Stabilität halber nur für Velocipedkünstler geeignet.