FeedVerrenkung
HeilkundeBrockhaus 1882

Verrenkung (Iuxatio) nennt man das Austreten eines Knochens aus seiner natürlichen Gelenkverbindung, welches teils durch vorher vorhandene Krankheitszustände (spontane Luxation), teils durch mechanisch auf den Knochen einwirkende Gewalt (traumatische Luxation) erfolgen kann. Bei ersterer V. findet Entartung einer oder beider sich berührenden Gelenkflächen statt; letztere kann die Gelenkflächen selbst vollkommen unverletzt lassen und nur zerstörend auf die Gelenkbänder und benachbarten Muskeln und andern Organe einwirken. Eine V. dieser Art tritt am leichtesten da ein, wo die sich berührenden Gelenkflächen im Verhältnis zu den Knochen, denen sie angehören, am kleinsten sind, wo wenig und schlaffe Gelenkbänder und überhaupt viel Beweglichkeit im Gelenke vorhanden. Bei der Einwirkung mechan. Gewalt hängt besonders viel davon ab, in welcher Richtung der Knochen gerade zu dem Gelenke steht: Stoß, Fall und übermäßig starke Muskelbewegung sind die gewöhnlichen Ursachen. Eine große Menge Arten von V. ergeben sich aus der Verschiedenheit der Knochen und ihrer Gelenkverbindungen selbst, dem Grade der Abweichung vorher sich berührender Knochen, der Stellung, welche das verrenkte Glied einnimmt, dem Orte, an dem sich der ausgetretene Gelenkteil befindet, der Gegenwart oder Abwesenheit anderer Verletzungen u. s. w. Obschon an und für sich fast nie lebensgefährlich, ist die V. dennoch oft von sehr traurigen Folgen begleitet, wenn durch Vernachlässigung oder schlechte Behandlung die Gelenke sich nicht wieder verbinden und so das Glied selbst in seinen Verrichtungen mehr oder weniger beeinträchtigt wird und auch benachbarte Organe in ihren Verrichtungen beschränkt. Bei den V. findet eine mehr oder minder ausgedehnte Zerreißung der Gelenkkapsel und der benachbarten Gewebe statt, infolge dessen Geschwulst und Schmerz im verletzten Gelenk eintritt, und zwar um so stärker, je größer die Verletzung und je länger sie besteht. Die V. muß daher sobald als möglich wieder eingerichtet (reponiert) werden. Dies geschieht in der Weise, daß man den ausgetretenen Gelenkkopf vermittelst methodischer Manipulationen wieder auf demselben Wege in das Gelenk zurückführt, auf welchem er ausgetreten ist. Um den Widerstand der Muskeln aufzuheben, welche sich der Reposition widersetzen, und um die Schmeren zu lindern, pflegt man den Kranken in schweren Fällen zuschloroformieren. Nach der gelungenen Einrichtung muß man das Glied noch eine Zeit lang durch zweckmäßige Verbände fixieren, bis die Zerreißungen geheilt sind. Gleichwohl bleibt mitunter der Knochen nicht in seiner Lage, was von dem Bau des Gelenks oder von Brüchen in der Gelenkhöhle abhängt. Meist erlangt das Gelenk erst nach längerer Zeit seine ursprüngliche Brauchbarkeit wieder. Gegen die oft lange zurückbleibende Gelenksteifigkeit erweisen sich spirituöse Einreibungen, passive Bewegungen, Elektricität und Massage (s. d.) nützlich. Hat eine V. so lange bestanden, daß bereits Verwachsungen eingetreten sind, wozu schon einige Wochen hinreichen, so ist oft nur von der operativen Entfernung (Resektion) des verrenkten Gelenkkopfes die Wiederherstellung eines brauchbaren Gelenks zu erwarten.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 222Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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