FeedVespasianus (Titus Flavius)
GeschichteBrockhaus 1882

Vespasianus (Titus Flavius), röm. Kaiser 69—79 n. Chr., geb. im J. 9 n. Chr. bei Reate in Mittelitalien als Sohn eines Zollpächters in Asien, der nachmals in Helvetien Geldgeschäfte betrieb, und Enkel eines Centurio. Seine Mutter, die aus einer vornehmern umbrischen Familie stammte, brachte ihn dazu, die höhere Amtscarrieère einzuschlagen. Er war 51 Konsul und erhielt dann den hohen Statthalterposten in Afrika. Im J. 65 zog er sich, als er bei musikalischen Leistungen des Kaisers einschlief, dessen Ungnade zu und mußte sich vom Hofe entfernen. Indessen nahm ihn Nero doch das Jahr nachher 66 mit auf seine Kunstreise nach Griechenland und stellte ihn dann noch im Winter 66/67 an die Spitze der Kriegführung gegen die aufständischen Juden. Im Laufe von zwei Sommern war es V. gelungen, Judäa, mit Ausnahme Jerusalems und einiger weniger fester kleinerer Orte, niederzuwerfen, als Nero fiel und zuerst Galba, dann Otho und Vitellius als Kaiser auftraten. V. hatte dem Galba und dann dem Otho gehuldigt. Nach Othos Sturz jedoch ließ er sich, namentlich auf Betreiben des Statthalters Mucianus in Syrien, selbst zum Kaiser ausrufen. Die pannonischen und mösischen Truppen fielen ihm zu und diese eroberten ihm, während er selbst noch im Orient blieb, bis Ende 69 den Thron. (S. Vitellius.) Doch war damit das Reich noch nicht sofort beruhigt. Jerusalem, dessen Belagerung V. seinem Sohne Titus (s. d.) überließ, leistete noch hartnäckigen Widerstand, und im Norden hatten sich die Bataver unter Civilis erhoben, mit denen sich hernach auch ein großer Teil Gallier verbündet hatte in der Absicht, ein Arbaltend B. gallisches uch zu gründen. Indessen, während V. langsam nach Rom reiste, wo er erst im Sommer 70 anlangte, brachte Titus die Eroberung Jerusalems zu Stande, und mit Gallien wurde Petilius Cerialis fertig, wie es ihm dann auch gelang, die Bataver wenigstens zu der frühern, freilich wenig strengen Abhängigkeit zurückzuführen. V. selbst stellte vor allem die militärische Disciplin her. Ferner brachte er die arg zerrüttete Reichsverwaltung durch äußerste Sparsamkeit, die gleich sehr seiner Natur wie den Zuständen des Reichs ents prach, wieder in Ordnung. Daneben entwickelte er gleichwohl eine großartige Bauthätigkeit; er unternahm außer vielen andern Bauten den Wiederaufbau des Kapitols und den Bau des Friedenstempels auf dem Forum und des Amphitheatrum Flavium (sog. Kolosseum). Auch die rhetorischen Studien förderte er durch Anstellung von Lehrern, wie Quintilian. Insbesondere aber erwarb er sich noch ein hohes Verdienst um Hebung und Verbesserung der sittlichen Zustände. Dabei war V. im ganzen ein sehr milder Herrscher, wenn auch unter ihm harte Maßregeln nicht ausblieben. Namentlich verfuhr er gegen die freilich vielfach in unverständigster Weise zur Schau getragene Opposition der Anhänger der stoischen Philosophie mit Strenge. Helvidius Priscus mußte dieselbe schließlich sogar mit dem Tode büßen. V. starb 23. Juni 2)mit Hinterlassung von zwei Söhnen, Titus und Domitianus, die ihm nacheinander als Kaiser folgten. Die Regierung des V. ist monumental nicht nur dadurch wichtig, daß namentlich von dem ihm zu Ehren erbauten Tempel unter dem Kapitol und von dem Kolosseum noch bedeutende Reste sich erhalten haben, sondern noch mehr dadurch, daß man auf einer, kurz vor 1347 gefundenen, jetzt im kapitolinischen Museum befindlichen Bronzetafel, wenn auch nicht vollständig, die Urkunde besitzt, mittels deren dem V. die Regierungsgewalt übertragen wurde (die sog. lex de imperio Vespasiani, die auch unter dem ganz verkehrten Namen lex regia bekannt ist). Aus dieser für die Geschichte des röm. Staatsrechts wichtigen Urkunde suchte der Tribun Rienzi (. d.) dem mittelalterlichen Römervolk seine althergebrachten Rechte zu erweisen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 237Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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