Vicetor Emaunnel II., König von Italien (1849 —61 König von Sardinien), ältester Sohn und Nachfolger des Königs Karl Albert (s. d.) von Sardinien. Geb. 14. März 1820, führte er als Kronprinz den Titel Herzog von Savoyenꝰ und vermählte sich 12. April 1842 mit der zweiten Tochter des Erzherzogs Rainer von Osterreich, der Erzherzogin Adelheid (geb. 3. Juni 1822, gest. 20. Jan. 1855). Von Jugend auf vorzugsweise den militärischen Übungen zugeneigt, machte er an der Seite seines Vaters die Feldzüge von 1848 und 1849 gegen Osterreich mit und zeichnete sich durch seine ungestüme Tapferkeit aus. Unmittelbar nach der Riederlage bei Novara 23. März 1849 legte Karl Albert die Krone zu Gunsten des Kronprinzen nieder und zog sich nach der Pyrenäischen Halbinsel zurück, wo er die mündliche Abdankung durch eine u Tolosa (Spanien) 3. April 1849 ausgestellte rkunde wiederholte und bestätigte. So bestieg B. unter höchst peinlichen Verhältnissen den sardin. Thron; er hatte einen unglücklichen Krieg zu beendigen und im Innern die seit 1848 entfesselten Faktionen zu bewältigen; La Marmora beendigte rasch den Aufstand in Genua. Während der Friedensvertrag 6. Aug. 1849 unterzeichnet wurde, Bar⸗ der König bereits 29. März die von seinem ater gegebene Staatsverfassung beschworen. Sein ganzes Leben lang ist er dem Grundsatze, sich nach dem im Parlament deutlich ausgesprochenen Voltswillen zu richten, treu geblieben. Gleich das vom König sanktionierte Gesetz über die Abschaffung des geistlichen Forums (1850) bewies, daß der im Grunde seines Herzens fromm kath. Monarch den Geist der Neuzeit begriff. Während ganz Italien wieder dem österr. Einflusse und einer gewallsamen Reaktion verfiel, genoß Sardinien allein einer wohl-Aaund gesetzlichen und freiheitlichen Entwickeug und bereitete sich im stillen vor, die große nationale Aufgabe der Befreiung Italiens von der Fremdherrschaft, wie sie Karl Albert der sardin. Politik vorgezeichnet hatte, wieder aufzunehmen. Dabei ließ sich V. von dem patriotischen und genialen Staatsmann, Graf Cavour, leiten, der 1852— 59 und 1860 —61 als Premierminister fungierte. Je mehr sich der Gegensatz gegen Osterreich verschärfte, um so eifriger suchte Sardinien eine Stütze an den Westmächten, mit denen während des Orientkriegs ein Kriegsbund gegen Rußland abgeschlossen ward. Der König selbst, von Cavour begleitet, besuchte im Nov. 1855 die Höfe von Paris und London und ward sehr freundschaftlich empfangen. Zu thatkräftiger Unterstützung der sardin. Politik Neß sich jedoch nur Napoleon III. bereit finden. Um das Bündnis zu befestigen, gab V. seine älteste Tochter Clotilde dem Prinzen Napoleon zur Ehe (30. Jan. 1859); gleichzeitig ward ein Familienpakt zwischen Frankreich und Sardinien unterzeichnet. Gleich darauf entbrannte der ital. Krieg von 1859, in welchem der König abermals Gelegenheit hatte, seine persönliche Tapferkeit gegen die Osterreicher zu bethätigen. Am 8. Juni 1859 zog er, an der Seite Napoleons III., in Mailand ein, und durch die Friedensschlüsse von Villafranca und Zürich erhielt er die Lombardei ohne Mantua. Auch das Großherzogtum Toscana und das Gouvernement Emilia (Parma, Modena, Romagna) wurden im Frühjahr 1860 mit Sardinien vereinigt. Freilich mußte er für die Zustimmung Napoleons III. zu diesen Annexionen zwei alte Erblande seines Hauses, Savoyen und die 860 woibebinll mittels Vertrags vom 24. März 1860, vorbehaltlich einer allgemeinen Volksabstimmung, an Frankreich abtreten. Im Mai begann Garibaldi auf eigene Hand die Eroberung des Königreichs beider Sicilien, indem er dabei den Namen des Königs V. auf seine Fahne schrieb. Doch seine Macht reichte nicht aus, um die lehte Zuflucht des neapolit. Königtums, Gasta, zu bezwingen. Gleichzeitig waren im Kirchenstaat, trotz großer militärischer Rüstungen, Unruhen ausgebrochen. Die gemäßigte Nationalpartei hier wie dort erbat die Intervention Sardiniens, welche bereitwillig gewahrt wurde. Nachdem die sardin. Armee zunächst Sept. 1860 den Kirchenstaat, mit Ausnahme des sog. Patrimonium Petri, occupiert, übernahm der König selbst das Kommando und überschritt die neapolit. Grenze. Am 7. Nov. hielt er seinen Einzug in die Hauptstadt Neapel, wo Garibaldi die Diktatur in seine Hände niederlegte, und 1. Dez. besuchte er auch Palermo, die Hauptstadt der Insel Sicilien. Noch vor Ausgang des J. 1860 wurde ganz Unteritalien und Sicilien, wie alle Annexionen vom März 1860 an, nach vorausgegangener Volksabstimmung mit dem Königreich Sardinien vereinigt. Nunmehr nahm V. durch Gesetz vom 17. März 1861 den Titel «König von Italien v» an. Bald darauf starb plötzlich Cavour, und seitdem konnte die ital. Politik nicht mehr wie früher ihre feste, konsequente Haltung behaupten. Obwohl der König sich von jeder direkten und inkonstitutionellen Einmischung in den parlamentarischen Parteikampf zurückhielt (und gerade wegen dieses Verhaltens hatte er den Beinamen: il Ré Galantuomo [der König-⸗Ehrenmann! bekommen, als welchen er sich einmal in dem Census der Stadt Turin unter der Rubrik des Berufs bezeichnete), galt er doch als entschiedener Anhänger der franz. Allianz, und die verschiedenen erfolglosen Versuche zu einer Aussöhnung mit der päpstl. Kurie wurden seinem persönlichen Einfluß zugeschrieben. In Gemäßheit der ital.⸗ franz. Konvention vom 15. Sept. 1864 siedelte V. aus der alten Residenz seines Hauses, Turin, im Frühjahr 1865 nach Florenz über, das zur Hanptstadt Italiens erklärt wurde. Beim Ausbruch des Deutschen Kriegs 1866 überschritt V. als Bundesgenosse Preußens den österr. Grenzfluß Mincio, ward jedoch bei Custozza 24. Juni nach tapferer Gegenwehr geschlagen und mußte über den Fluß zurückgehen. Nach der Niederlage bei Königgrätz erklärte sich Osterreich zu einem Separatfrieden unter Abtretung Venetiens bereit. Doch V. bewahrte Preußen seine Bundestreue und setzte trotz der franz. Abmahnungen den Krieg fort. Im Frieden zu Wien (Oktober) erlangte er die vollständige Abtretung Venetiens und Mantuas und die Auslieferung der lombard. Eisernen Krone, worauf er 7. Nov. unter enthusiastischem Festjubel in die Stadt Venedig einzog. Im Dez. 1866 räumte die franz. Besatzung den Kirchenstaat. Als aber im Herbst 1867 ein ital. Freischarenzug unter Garibaldi Rom bedrohte, kehrten die Franzosen dahin urück. Nun wurde Garibaldi 3. Nov. 1867 bei tentana von den vereinigten franz. und päpstl. Truppen mit großem Verlust geschlagen und aus dem 84, die der Dewraung eis fr Die ital. Regierung, die der Bewegung erst freien Spielraum gelassen, fügte sich dem Machtgebot Frankreichs und sah diesem Ausgang unthätig zu. Dies veranlaßte eine allgemeine Aufregung, und die Demonstrationen in AIond Turin u. s. w. richteten sich zum Teil direkt gegen die Person des Königs. Während der J. 1868 und 1869 hatte der König lebhaften Anteil an Verhandlungen, die zu einer Tripleallianz zwischen Italien, Ssterreich und Frankreich fuhren sollten. V. verlangte vergeblich die Zurückberufung der franz. Truppen aus dem Kirchenstaat, einfache Rückkehr zu der September-Konvention und Verzicht auf jedes Einmischungselüst. Die entscheidenden Schlachten des J. 1870 fuhrten endlich, da die Verhandlungen mit Pius IX. erfolglos blieben, zur Besetzung des Kirchenstaats, nachdem auch die letzten franz. Truppen aus Civitavecchia abgezogen waren. Am 20. Sept. drangen die ital. Truppen durch die Bresche der Porta Pia in Rom ein. Der König, der nur durch die Mehrheit im Ministerrat abgehalten worden war, dem ihm eng befreundeten Napoleon militärische Hilfe 10 leisten, begab sich, als Rom von einer Tiberüberchwemmung heimgesucht wurde, gegen das Jahresende in seine definitive Hauptstadt, wo er mit leaung ubel aufgenommen wurde. Die Veregung des Regierungssitzes erfolgte erst 1. Juli des nächsten Jahres, nachdem noch in Florenz das sog. Garantiegesetz zum Schutze der geistlichen Unabhängigkeit des Papstes zu Stande gekommen war. Am 16. Sept. 1873 unternahm V. eine Reise an die Höfe von Wien und Berlin, nachdem in Frankreich Ereignisse eingetreten waren, welche in Italien als Vorläufer einer klerikalen Reaktion betrachtet werden mußten. Der Kaiser von Ssterreich erwiderte den Besuch des Königs 5. April 1875 in Venedig, am darauf folgenden 18. Okt. kam der Deutsche Kaiser nach Mailand. V. konnte in seiner Thronrede vom 6. März 1876 konstatieren, daß zum ersten mal der Staatsh aushalt ohne Defizit und Steuererhöhung abschloß. Der Übergang der Regierungsgewalt aus den Händen der Rechten an die Linke, welche 18. März 1876 zur Mehrheit wurde, erfolgte ohne die geringste Erschütterung des Staatskredits und trug wesentlich zur Konsolidierung der Dynastie bei. V. starb 9. Jan. 1878 nach kurzer Krankheit zu Rom und wurde 17. Jan. im Pantheon daselbst beigesetzt. Die Üübertragung seiner Leiche nach einer neuen, in der Nische des rechten Mittelaltars befindlichen Gruft fand 5. Jan. 1884 schw Als der König Ende 1869 in Lebensgefahr chwebte, ließ er sich mit der Gräfin Mirafiore kirchlich trauen. Aus seiner Ehe mit der Königin Adelheid überlebten den König vier Kinder: 1) Prinzessin Clotilde, geb. 2. März 1843, vermählt 30. Jan. 1859 mit dem Prinzen Napoleon; 2) König Humbert; Prinz Amadeus, 1870—73 König von Spanien; Prinzessin Maria Pia, geb. 16. Okt. 1847, vermählt durch Prokuration 27. Sept. und persönlich 6. Okt. 1862 mit dem König Ludwig J. von Portugal. Vgl. Rüffer, «König V.» (Wien 1878); Massari, „La vita ed il regno di Vittorio Emmanule II.v (3. Aufl., Mail. 1880); Bersezio, II regno di Vittorio Emmanuele II. (3 Bde., Tur. 1878— 81); Hahn, «V., König von Italien» (in Unsere Zeito, Jahrg. 1878, 1. Hälfte).