Vitalianer oder Vitalienbrüder. Nach dem Tode des Königs Waldemar Atterdag von Dänemark standen die Ansprüche seiner beiden Tochtersöhne, Olafs von Norwegen und Albrechts von Mecklenburg, auf die dän. Krone einander gegenüber (1375). Die dadurch veranlaßten Irrungen begünstigten das Aufkommen größerer Seeräuberscharen, welche bald von mecklenb., bald von dän. Seite gehegt wurden, während die Hansestädte durch Aussendung bewaffneter Kreuzer, sog. Friedeschiffe, dem Unwesen zu steuern suchten. Einen neuen Impuls erhielt der Seeraub, als Königin Margareta von Dänemark und Norwegen den König Albrecht von Schweden 1389 gefangen nahm und seines Reichs beraubte. Albrechts Verwandte, die Herzöge von Mecklenburg, im Verein mit den Städten Rostock und Wismar riefen 1391 Freibeuter auf gegen die nordischen Reiche. Jetzt wurden diese Scharen V. genannt, weil sie Stockholm und andere feste Schlösser, die dem König Albrecht treu geblieben waren, mit Viktualien und Kriegsbedarf versahen. Auch nannten sie sich Likedeler, d. h. Gleichteiler, weil die Beute gleichmäßig verteilt ward. Als 1395 König Albrecht freigelassen und Stockholm vorläufig den Hansestädten übergeben wurde, ward die Insel Gottland, welche die mecklenb. Herzöge behaupteten, der Haupthafenplatz der V., bis 1398 eine Flotte des Hochmeisters von Preußen sie von da vertrieb. Nachdem die Hansa, da König Albrecht das bedungene Lösegeld nicht zahlen konnte, vertragsmäßig 1398 Stockholm der Königin Margareta überliefert und auch Rostock und Wismar sich mit dieser 1399 ausgesöhnt hatten, wurden die V. aus ihren letzten Schlupfwinkeln in Finland u. s. w. vertrieben und hatten ihre Rolle in der Ostsee ausgespielt. Dagegen hatten sich schon seit 1395 größere Scharen nach der Nordsee gewandt, wo ihnen die Kämpfe der fries. Häuptlinge unter sich und mit den benachbarten Landesherren Gelegenheit boten, an der Küste festen Fuß zu fassen. Indem sie bald dieser, bald jener Partei dienten und Handelsschiffe aller Nationen verfolgten, pflegten sie sich selbst als aaller Welt Feinde zu bezeichnen. Die Hansestädte schickten wiederholt Schiffe, um die V. zu verfolgen. Am meisten durch Lied und Sage verherrlicht sind die beiden Siege, welche die Hamburger im Frühjahr 1401 bei Helgoland über Klaus Störtebeker und gegen Ende desselben Jahres auf der Weser und Jade über Gödeke Michels und seine Gesellen erfochten. Aber trotzdem dauerte das Unwesen der V. noch viele Jahre, bis in Ostfriesland In 1430 geordnetere Zustände hergestellt wurden. n dem langwierigen Kriege, den König Erich von Dänemark, Schweden und Norwegen bis 1435 gegen Schleswig-Holstein führte, dienten V. als Parteigänger auf deutscher Seite, darunter namentlich Bartholomäus Vot aus Wismar, der zweimal, 1428 und 1429, die Stadt Bergen in Norwegen plünderte und verheerte. Solange König Erich nach seiner Entthronung sich auf der Insel Gottland (1439—49) behauptete, fanden die Seeräuber daselbst wieder eine Freistätte, aber sie hatten nicht mehr die frühere Bedeutung und der Name der V. geriet allmählich in Vergessenheit. Vgl. Voigt, «Die V.v, in Raumers „Histor. Taschenbuch» (zweite Folge, Bd. 2, Lpz. 1841); Koppmann, «Die V.» (in der Einleitung zu Bd. 4 der Hanserezesser, Lpz. 1877) und «Klaus Störtebeker in Geschichte und Sager (in den Hansischen Geschichtsblättern», Jahrg. 1877).