Volkslied ist das für den Gesang gedichtete und von seiner Entstehung an wirklich gesungene Erzeugnis der Volkspoesie. Schon in der ältesten Zeit waren die Germanen ein IIumen liederreiches Volk. Die Nächte vor dem Kampfe und nach dem Siege, die beginnende Schlacht, Feste, Gelage, Opfer, Volksversammlungen, Leichenbestattungen u. dgl. wurden mit Gesängen gefeiert, zu denen Götter⸗ und Heldensage, Tiersage, Rätsel, neckende Wechselschelte die Stoffe lieferten. Epische V. bildeten den alleinigen Bestand der deutschen Litteratur in jenen frühesten Jahrhunderten. Erhalten ist keins derselben. Durch das 6., 7. und 8. Jahrh. entsprang wiederum eine bedeutende Anzahl in allitterierender Form gedichteter und zur Harfe gesungener epischer V. aus der deutschen Heldensage (. d.) und aus der Tiersage, und weitern Liederstoff bot die Zeitgeschichte. Neben den ausdrücklich erwähnten Spottliedern muß es auch noch allerlei andere Lieder gegeben haben für die verschiedenen Feste und für mancherlei sonstige Zwecke. So erwähnen die Quellen sog. winileod, d. i. Liebeslieder, die so verbreitet und beliebt waren, daß noch Karl d. Gr. den Klosterfrauen verbieten mußte, solche Lieder niederzuschreiben und an andere zu senden. Werden auch in diesen Jahrhunderten Sänger erwähnt, die das Dichten und Singen wie einen Beruf ausübten, so gilt von ihnen dasselbe wie von denen der ältesten Zeit, daß nämlich ihre Lieder ganz den Charakter der gleichzeitigen V. getragen haben müssen. Erhalten ist von der Volksdichtung dieser Zeit außer den beiden kleinen merseburger Zauberliedern nur das Hildebrandslied (s. d.). Bis dahin war alle Dichtung in Deutschland Volkspoesie, alle Lieder V. im weitern Sinne gewesen. Im 9. Jahrh. tritt eine Wendung ein, indem durch die Geistlichen eine Kunstdichtung geschaffen wurde, die nach Inhalt und Form von dem volksmäßigen Gesange sich scharf unterscheidet. Otfried (s. d.) repräsentiert diese neue Schöpfung mit seiner Evangelienharmonie, einer Dichtung von einem Umfange, wie ihn die bisher volksmäßige Dichtung nicht haben konnte. Dadurch wird die Volkspoesie zurückgedrängt, indem Geistliche und Adel sich der neuen Kunstdichtung zuwenden und jene den ungebildeten Ständen überlassen. Auch in der Form geht eine Veränderung vor. An die Stelle der alten Allitteration tritt der Endreim. Trotz solcher Vernachlässigung blühte die Volkspoesie, wie in Ermangelung erhaltener Denkmäler die Kunstpoesie selbst beweist, im stillen fort, und wenn um die Mitte des 12. Jahrh. diese einen mächtigen Aufschwung erfährt, so ist vorzugsweise im Südosten Deutschlands gerade die Volkspoesie die eine und kräftigere Wurzel, aus der sich die neue Blüte erhebt, während von Westen her der Einfluß franz. Poesie sich geltend macht. Die epischen Lieder der altüberkommenen Heldensage fanden nun eine zusammenfassende Bearbeitung in größern Epen, den Nibelungeno, der Gudrund u. a., und die jetzt erst selbständig auftretende lyrische Poesie zeigt in ihren ersten Anfängen unverkennbar die Mutterzüge des V., für das man also für diese Zeit nach der epischen wie lyrischen Seite eine hohe und reiche Blüte voraussetzen muß, auch in formeller Beziehung. Aber auch jetzt drängt die Kunstdichtung sie bald wieder in den Hintergrund und in Verachtung und Vergessenheit, bis mit dem sinkenden 13. Jahrh. der Adel, der nunmehrige Träger der Litteratur, seine Bedeutung immer mehr verliert und die Blüte der höfischen Kunst abzufallen anfängt. Von da an blieb die deutsche Dichtung wieder mehr und mehr den niedern Ständen, dem Volke im engern Sinne überlassen. Die alten Sagen waren ahrh nicht gänzlich vergessen, aber seit dem 14. Jahrh. gingen nur noch solche ältere Sagenstoffe (und selbst sie nicht ohne Einbußen) in die V. ein, welche dem legendarischen, allegorischen und wundersüchtigen Geschmacke der Zeit oder der durch die höfische Kunst eingebürgerten Liebesromantik entsprachen, wie z. B. Albertus Magnus, der Tanhäuser, der Getreue Eckart, Möringer, Heinrich der Löwe, der Bremberger u. dgl. Teilweisen Ersatz für den absterbenden epischen Gesang boten die an histor. Begebenheiten und Personen sich lehnenden Balladen und Romanzen (wie z. B. von Epple von Geilingen, von Schüttensamen u. a.). Namentlich an den Grenzen des Reichs, unter den Freiheitskämpfen der Dithmarschen (um 1500) und der Schweizer (im 14., schwächer schon im 15. und 16. Jahrh.), erwachten kräftige historische