Chanson (frz.) hieß sonst in Frankreich jedes singbare epische oder lyrische Gedicht. So waren in der ältern nordfranz. Poesie die Chansons de geste aus Volksliedern erwachsene größere epische Dichtungen (6. B. die Chanson de Roland), welche wenigstens in der Weise der Opernrecitative unter Instrumentenbegleitung von Spielleuten (Jongleurs) vorurischen wurden. Vorzugsweise gilt C. jedoch von hrischen Gedichten, die anfangs, vom 12. bis 13. Jahrh., von der Art der Canzone (s. d.) waren und nach eigens dazu komponierten Melodien vorgetragen wurden, später den Namen C. auch dann trugen, wenn sie überhaupt strophische Gliederung so- wie singbare Form und heitern Inhalt hatten, mit Schlußreimen (retrains) versehen waren oder nicht. Die C. der letztern Art ist nationalfranzösisch und als Nationallied auch franz. Volkslied. Bis zum 16. Jahrh. hatte die volksmäßige, heitere oder ernste C. in Frankreich vorherrschend den Charakter des Liebesliedes. Später wurde diese Form gewählt, um das Volk zu erregen und seinen Gefühlen über öffentliche Personen und Begebenheiten, von wel—⸗ chen es Schaden oder Vorteil hatte, Sprache und Ton zu verleihen. Anekdoten und Vorfälle des Tags, Glückswechsel in Kriegs- und Friedensangelegenheiten, große Dinge von der scherzhaften Seite genommen lanen darin Rüge oder Lob, meistens Rüge. Zu den Zeiten der Ligue und Fronde war Paris und ganz Frankreich voll von solchen satirischen Liedern, die bei allem Wechsel der Parteien und bei aller Beschränkung der Preßfreiheit auch später nie gusgingen und handschriftlich oder durch den Druck Verbreitung fanden. Die Anfänge der Revolution wurden ebenso lustig in C. besungen als vorher die Freuden-und Leidensgeschichten unter dem Maitressenregiment. Als dann die Dinge eine blutige Wendung nahmen, kam der revolutionäre Geist auch im Volksgesange zum Durchbruch und ließ einige Lieder aufkommen, z. B. die 4Carmagnolen und das «Qa irav, welche auf das Volk eine fanatisierende Wirkung ausübten, bis unter Napoleon I. die C. ihren alten Charakter fröhlicher Laune wieder annahm. Der tragische Sturz des Kaiserreichs und die darauf erfolgende kirchliche und polit. Restauration brachten in die Liedergattung einen sentimental-elegischen oder leidenschaftlich gereizten Ton, wie ihn Beéranger anstimmte, dessen ungemein populäre C. mit dem tiefsten Haß gegen das alte Priester⸗ und Königtum die glühendste Liebe des in der Revolution errungenen neuen Staatsrechts und Waffenruhms atmen. Bei seinen meist sozialistischen Schwärmereien zugethanen Nachfolgern, wie bei dem pariser Chansonnier Pierre Dupont, erhielt rten Den C. den Aufdruck eines düstern und erbitterten Demokratismus.