FeedVöluspä
Sagen & MythenBrockhaus 1882

Völuspä, d. h. die Weissagung der Völva, ist das großartigste Gedicht der Eddalieder, die vielumstrittene Hauptquelle germanischer Mythologie. Die Völva, d. h. die Stabträgerin, genannt nach dem Zauberstabe der Zauberinnen, tritt auf und erheischt Schweigen. Sie berichtet alsdann den Menschen von dem Urgeschlecht der Riesen, von dem goldenen Zeitalter der Götter auf dem Idhafelde, vom ersten Kriege, von dem Weltenbaum Yggdrasil; darauf wendet sie sich zu dem Treiben der Götter und zu den Stätten, wo die denselben feindlichen CICemente wohnen. Endlich bricht das Göttergeschick herein: der Höllenhund entledigt sich seiner Fesseln, der gebundene Loki wird frei, alle sittliche Bande auf Erden lösen sich, der Weltbaum erbebt, die Götter gehen zur Versammlung. In dem großen Kampfe, welcher darauf stattfindet, fallen Odhin, Frey und Thor; Surt verbrennt mit Feuer Himmel und Erde. Allein eine neue Erde taucht verjüngt aus dem Meere auf, gute, friedliebende Götter kehren zurück und regieren dieselbe, in der Böses, Tod und Zerstörung nicht mehr sein wird. Mancherlei in dem Gedicht ist nicht leicht verständlich und daher ist dasselbe Veranlassung wissenschaftlichen Streits gewesen. Nachdem man schon mehrfach christlichen Einfluß auf das Gedicht nachzuweisen gesucht hatte, suchte es Bang (Völuspa und die Sibyllinischen Orakelo, aus dem Dänischen von Poestion, Wien 1880) als eine Nachbildung eines Sibyllenliedes zu erklären. Die Unhaltbarkeit dieser Auslegung wurde von verschiedenen Seiten klar gelegt, und das Gedicht namentlich von Müllenhoff als ein echt heidnisches Erzeugnis erwiesen, das in seiner ursprünglichen Gestalt im 9. Jahrh. in Norwegen entstanden ist.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 338Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 10

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Sagen & Mythen 6