FeedVoß (Joh. Heinr.)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Voß (Joh. Heinr.), deutscher Dichter, übersetzer und Altertumsforscher, geb. 20. Febr. 1751 zu Sommersdorf bei Waren in Mecklenburg, von wo sein Vater, ein Landwirt, noch in demselben Jahre nach Penzlin übersiedelte, kam 1766 auf die Schule nach Neubrandenburg, sah sich aber schon 1769 genöthigt, infolge der Verarmung seines Vaters eine Hauslehrerstelle bei einem Gutsbesitzer unweit Penzlin anzunehmen, um später seine Studien fortsetzen zu können. Durch Gedichte, die er für den göttinger ⸗Musenalmanacho eingesandt hatte, kam er mit Boie in Briefwechsel und ging zu Ostern 1772 auf dessen Einladung nach Göttingen. Hier widmete er sich mit großem Eifer dem Studium des klassischen Altertums und der neuern Sprachen und wurde einer der Gründer des Göttinger Dichterbundes. Um die ihm von Boie übertragene Herausgabe des bisherigen göttinger Musenalmanachso in ungestörter ländlicher Stille zu besorgen, zog er 1775 nach Wandsbeck, kam hier mit Claudius und mehrern andern edeln Männern Hamburgs und Altonas in freundschaftliche Verbindungen und vermählte sich 1777 mit Boies Schwester, Ernestine. Einen festen Wirkungskreis erhielt er 1778 durch Übernahme des Rektorats zu Otterndorf im Hannoverischen, und von hier aus kündigte er zuerst seine übersetzung der Odyssee an. Des seiner Gesundheit nachteiligen Klimas wegen verließ er 1782 Otterndorf und ging als Rektor nach Eutin. Nachdem seine Homerische Übersetzung und die von Virgils Gedicht über den Landbau vollendet, wendete er sich mit allem Eifer der Untersuchung über griech. Mythologie zu, um den Ansichten entgegenzuarbeiten, die auf diesem Felde Heyne (s. d.) begünstigte und förderte, gegen den er freilich, besonders in den „(Mytholog. Briefeno, eines ziemlich heftigen Tons sich bediente. Zugleich war er in poetischer Beziehung thätig gewesen und hatte durch seine Luises, sowie durch die vieljährige Herausgabe seines »Musenalmanach (1776—1800) einen hohen Ruf auch in dieser Hinsicht sich erworben. Im J. 1802 begab er sich mit einem Gnadengehalt nach Jena, wo er eine vielfach besprochene Recension der Heyneschen Ilias in der Allgemeinen Litteraturzeitunge (Maiheft 1803) erscheinen ließ, folgte aber é1805 einem Rufe als Professor nach Heidelberg, wo er im Gegensatze zu Creuzer seine «Antisymboliko verfaßte, in der er die symbolisch-mystische Auslegung der antiken Mythologie bekämpfte. Fast zu gleicher Zeit entbrannte der Kampf über Katholizismus und hierarchische Anmaßungen, den er durch einen Aufsatz im Sophronizono über den Abfall seines Freundes Friedrich von Stolberg von der prot. Kirche ent—⸗ zündete. Bis an seinen Tod als entschlossener Streiter Stand haltend, starb er 29. März 1826 zu Heidelberg. Vgl. Paulus, «Lebens- und Todeskunden über Johann Heinrich V.y (Heidelb. 1826); Herbst, „Johann Heinrich V. (2 Bde., Lpz. 1872—76); Heußner, «V. als Schulmann in Eutine (Eutin 1882). Am 6. Juli 1883 wurde sein Denkmal (Bronzebüste auf einem Sockel von schwed. Granit), ein Werk von Täger in Hannover, vor dem eutiner Gymnasium enthüllt. In mehrern Zweigen der Altertumswissenschaft verdankt man V. die Anbahnung ganz neuer Wege. So erwarb er sich das Verdienst, daß er in seinen Untersuchungen über die älteste Geographie die Zeiten und Momente der geogr. Kenntnisse unterschied, die Quellen sichtete und eine Fülle von Aufschlüssen über den Verkehr und die Produktionen der alten Länder gab. In der Behandlung der Mythologie drang er, im Widerspruche gegen Heyne, auf eine strenge Methodik mit Beweis und kritischer Sichtung der Mythenstoffe, daher er nicht nur die Gewähr der Schriftsteller und den histor. Fortschritt jedes Mythus, sondern auch einen naturgemäßen Gang der Geistesentwickelung von Homer an als leitendes Prinzip aufstellte. Indes gelangten seine Ansichten zum Teil erst später zu unbefangener Schätzung. Als übersetzer entwickelte er eine außerordentliche formale Gewandtheit. Er war ein feiner Kenner des Versbaues und hatte die Sprache völlig in seiner Gewalt, zu deren Bereicherung er wesentlich beitrug. Endlich gebührt ihm auch als Dichter ein ehrenvoller Platz, da er klassischen Geschmack mit Genialität, Leichtigkeit des Schwungs mit Wirnreit der Hand und eine Diktion voll Kraft und ärme in sich vereinigte. Unter seinen verschiedenen übersetzungen behauptet entschieden den ersten Rang die der Werke Homers (zuerst zusammen 4 Bde., Altona 1793; 5. stark verbesserte Aufl. 1833). Es wird indessen die erste Ausgabe der Odyssee (Hamb. 1781) wegen größerer Treue und Natürlichkeit den spätern vorezogen, und diese ist deshalb auch in ihrer ursprunglichen Gestalt, mit erläuternden Anmerkungen aus den hinterlassenen Papieren des übersetzers vermehrt, durch Abrah. Voß in neuerer Zeit (zuerst Lyz. 1837) wieder abgedrucktworden. Vgl. Heußner, „Die Voßsche Übersetzung des Homero (Eutin 1882). Außerdem übersetzte er von alten Dichtern den Virgil ((Landbaus, Eutin u. Hamb. 1789;: Ländliche Gedichten, 4 Bde., Altona 1797— 1800; ⸗Werkey, 3 Bde., Braunschw. 1799; 2. verbesserte Ausg. 1821), Ausgewählte Verwandlungeno des Ovid (2 Bde., Braunschw. 1798; 2. Aufl. 1829), die Werke des Hesiod und die Argonautikap des Orpheus (Heidelb. 1806), den Horaz (2 Bde., Heidelb. 1806; 2. Aufl. 1820), den Theokrit, Bion und Moschus (Stuttg. 1806), den Tibull (Heidelb. 1810), den Aristophanes, mit erläuternden Anmerkungen von seinem Sohne Heinrich (3 Bde., Braunschw. 1821), die Sternerscheinungen und Wetterzeicheno des Aratus (Heidelb. 1824), den Homerischen Hymnus an Demetero (Heidelb. 1826) und den Properz (Braunschw. 1830). Auch gab er eine kritische Bearbeitung des Tibull nach Handschriften (Heidelb. 1811), sowie er fast sämtliche von den genannten Übersetzungen mit gediegenen kritischen und erläuternden Anmerkungen ausgestattet hat. Seine übersetzungen der Schauspiele Shakespeares, die er zugleich mit seinen Söhnen, Heinrich und Abraham, vollendete (9 Bde., Lpz. u. Stuttg. 1818—29), zeugten von der immer noch rüstigen Kraft des Greises. Seine Forschungen über die Mythologie enthalten theils die Mytholog. Briefer (2 Bde., Königsb. 1794; 2. vermehrte Aufl., 3 Bde., Stuttg. 1827), teils die «Antisymboliko⸗ (2 Bde., Stuttg. 1824—26). Seine Gedichte sind nach ihrem ersten Erscheinen (2 Bde., Hamb. 1785 u. Königsb. 1795) von dem Verfasser selbst vielfach verbessert und vermehrt worden (neue Ausg., 4Bde., Königsb. 1825). Seine «Sämtlichen Werker erschienen in 6 Bänden (Königsb. 1802), seine Poetischen Werkes später auch in 5 Bänden (Berl. 1879). Unter diesen ist in der idyllischen Gattung das ausgezeichnetste und berühmteste Werk die «Luises (Königsb. 1795; vollendete Ausg., Tüb. 1807; Ausg. letzter Hand, 1823; in der «Bibliothek der deutschen Nationalliteratur des 18. und 19. Jahrh.v, mit Einleitung herausg. von Goedeke, Bd. 26, Lpz. 1872), in welchem er Geist und Stil der antiken Idylle mit Nachklängen [des Homerischen Epos auf deutsches Land⸗ und Familienleben übertragen hat. Seine kleinern Schriften erschienen unter dem Titel «Kritische Blätter, nebst geogr. Abhandlungen » (2 Bde., Stuttg. 1829). Die „Briefe von Johann Heinrich V., nebst erläuternden Beilagendo gab Abrah. Voß heraus (3 Bde., Halberst. 1829—33). Zuletzt erschienen noch von ihm Anmerkungen und Randglossen zu Griechen und Römerno (Lpz. 1838). Für seine spätern litterarischen Unternehmungen hatte sich V. in zweien von seinen Söhnen tüchtige, vielseitig gebildete Mitarbeiter erzogen, die seine Ansichten über Kunst und Leben wie seine Richtungen teilten. Der älteste, Heinrich V., geb. zu Otterndorf 29. Okt. 1779, studierte zu Halle Philologie und erhielt 1804 eine Anstellung als Lehrer am Gymnasium zu Weimar. Schon 1806 folgte er seinem Vater nach Heidelberg als Professor der Philologie und unterstützte diesen in den übersetzungen des Aristophanes und Shakespeare. Mit einer an Leidenschaft grenzenden Verehrung und Liebe schloß er sich in den letzten Jahren seines Lebens an Jean Paul an, der ihn zum Herausgeber seines litterarischen Nachlasses bestimmte. V. starb jedoch schon 20. Okt. 1822 zu Heidelberg. Seine Übersetzung des Äschylus, zum Teil vollendet von seinem Vater, erschien nach beider Tode (Heidelb. 1826). Seine Briefed, darunter besonders sein (Briefwechsel mit Jean Paulo und die Mitteilungen über Goethe und Schiller, in Briefen von Heinrich V.» (3 Bde., Heidelb. 1833 —38), sind von seinem jüngern Bruder, Abraham V., herausgegeben worden, der, zu Eutin 1785 geboren und ebenfalls philologisch gebildet, seit 1810 Professor an dem Gymnasium zu Rudolstadt war, dann, als fördernder Gehülfe seines Vaters, eine Zeit lang in Heidelberg lebte und 1821 als Professor ans Gymnasium zu Kreuznach kam. Er starb 13. Nov. 1847 zu Düsseldorf. Nach seinem Tode erschienen von ihm Deutschlands Dichterinneno (Düsseld. 1848).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 346Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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