FeedWalpole (Sir Robert)
GeschichteBrockhaus 1882

Walpole (Sir Robert), Graf von Orford, berühmter engl. Staatsmann, der dritte Sohn eines Landedelmanns, geb. 26. Aug. 1676 zu Houghton in Norfolk, studierte in Cambridge Theologie. Nach dem Tode seiner beiden Brüder verließ er jedoch 1698 die Universität und ging auf die Güter seines Vaters. Im J. 1700 heiratete er die Tochter des reichen Sir John Shorter, Lordmayors von London. Nachdem im folgenden Jahre sein Vater gestorben war, nahm er dessen Stuhl im Unterhause auf der Whigseite ein. Seine Gewandtheit und Beredsamkeit brachten ihn bald bei Marlborough in Gunst, durch dessen Einfluß er 1708 Staatssekretär im Kriegsdepartement und 1709 Schatzmeister der Marine wurde. Als 1711 die Tories am Hofe der Königin Anna die Oberhand erhielten, mußte W. nicht nur sein Amt niederlegen, sondern wurde der Korruption angeklagt, in den Tower gesetzt und aus dem Parlament gestoßen. Nach der Thronbesteigung Georgs J. erhielt W. die Geheimratswürde und das Amt eines Zahlmeisters bei der Land⸗ und Seemacht, und wurde 1715 erster Lord der Schatzkammer. Als Hauptführer der Whigs wurde er das Opfer des Zwiespalts, der 1717 im Kabinett ausbrach. Der Bestechung angeklagt, zog er sich zurück, um im April 1721, wieder zum ersten Lord des Schatzes und Kanzler der Schatzkammer ernannt, seine Macht desto fester zu begründen. Er führte die größte Sparsamkeit im Staatshaushalt ein, verminderte im Laufe von 18 Jahren die Schuld um 7 Mill. und die Zinsen durch Herabsetzung und kluge Manöver um die Hälfte. Den König hielt er im Finanzinteresse vom Kriege zurück und suchte die auswärtigen Verwickelungen diplomatisch zu ebnen, Industrie und Handel blühten auf. Als der König 1723 nach Hannover reiste, übertrug er W. die Regierung und wollte ihm auch die Peerswürde verleihen, die dieser jedoch seinem Sohne zuwandte. Obwohl von zahllosen polit. Gegnern umgeben, blieb W., dem die neue Dynastie ihre Befestigung wesentlich zu danken hatte, in der Gunst des Hofs. Auch unter Georg II. (seit 1727) behielt W. sein Amt und übte die ersten fünf Jahre ungeschmälert den alten Einfluß. In den dreißiger Jahren erstarkte aber die dem Frieden mit Frankreich und Spanien, dem Fundament der Walpoleschen Politik, abgeneigte, von den Tories vertretene Partei. Als er endlich dem allgemeinen Wunsche nach Krieg nachzugeben schien, geschahen die Vorbereitungen so langsam, daß seine Feinde neue Vorwürfe gegen ihn richteten und es 1738 sogar zu einer freilich erfolglosen Anklage brachten. Die geringen Erfolge des 1739 mit Spanien begonnenen Kriegs, zu dem noch 1741 der Krieg mit Frankreich kam, und die Vermehrung der Abgaben, die damit verbunden war, vollendeten die Unpopularität des Ministers. Zu seinen Gegnern gesellten sich auch die strengern Whigs, mit ihnen der Prinz von Wales. Bei Eröffnung des Parlaments von 1742 von allen Seiten bedroht, führte W. schon in der Adreßdebatte eine entscheidende Abstimmung herbei, wobei er nur eine Majorität von vier Stimmen erhielt. Er legte deshalb im Februar alle seine Amter und Würden nieder, der König ernannte ihn zum Grafen von Orford und bewilligte ihm ein Jahrgeld von 4000 Pfd. St. Als ihm dennoch das Unterhaus mit einer Untersuchung drohte, wurde das Parlament prorogiert. W. starb 29. März 1745. Vgl. Coxe, Memoirs of the life and administration of Sir Robert W.o (3 Bde., Lond. 1798 u. öfter); Ewald, «Sir Robert W., a political biographys (Lond. 1877).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 420Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 3

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Geschichte 6