FeedWashington (George)
GeschichteBrockhaus 1882

Washington (George), der Begründer der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika und deren erster Präsident, wurde 22. Febr. 1732 in der Grafschaft Westmoreland in Virginien geboren. Sein Vater, Augustin W., dessen Vorfahren 1657 aus England einwanderten, war ein reicher Pflanzer, der aber frühzeitig starb. George, von fünf Kindern das dritte, wurde von seiner Mutter, einer sehr tüchtigen Frau, einfach erzogen und sehr bald deren Stütze. Als junger Mann trieb er das Geschäft eines Feldmessers, später aber widmete er sich ganz dem Landbau, zumal als er von seinem früh verstorbenen Bruder das schöne Gut Mount-Vernon am Potomac ererbt hatte. Er trat zuerst 1755 in die Offentlichkeit, indem er als Milizen-Oberstlieutenant den Zug Braddocks gegen Fort 28cl. Ger mitmachte und in die Niederlage dieses engl. Generals bei Great-Meadows verwickelt wurde. In Virginien ehrte man W. durch Ernennung zum Obersten, welchen Posten er aber nach dem übrigens erfolglosen Kriege niederlegte. Er verheiratete sich nun mit Martha Custis, einer jungen Witwe, und lebte auf Mount-Vernon als Pflanzer. Durch Fleiß und Ordnung brachte er seine Güter zu hohem Ertrage und wurde einer der reichsten und angesehensten Eigentümer der Provinz. Man wählte ihn in die Gesetzgebende Versammlung von Virginien, wo er sich zwar nicht durch Beredsamkeit, aber durch Scharfsinn und Festigkeit auszeichnete. Als der Streit mit dem Mutterlande ausbrach, erklärte er sich für das Selbstbesteuerungsrecht der Kolonien und bewies sich als aufrichtiger Patriot. Seine Mitbürger wählten ihn zum Deputierten auf dem Generalkongreß der vereinigten Kolonien, welcher am 14. Sept. 1774 zu Philadelphia eröffnet wurde. Nachdem die Feindseligkeiten zwischen den Amerikanern und den Engländern bei Lexington begonnen, beschloß der Konvent die Errichtung eines stehenden Heeres und wählte 14. Juni 1775 einmütig W. zum Obergeneral. Nur mit Mißtrauen gegen sich selbst übernahm W. die schwierige Stellung, auch wies er jeden Gehalt zurück. Er fand die etwa 14000 Mann starke, aus den Kolonialkontingenten und Milizen zusammengesetzte Armee vor Boston ohne Waffen und Munition, ohne irgend eine Organisation. Unter den größten Anstrengungen brachte er zwar einige Ordnung und Disciplin in die Masse, begriff aber bald, daß er sich nur auf Verteidigung, auf Beobachtung und überraschung des Feindes beschränken müsse. Durch dieses System wurde er der Befreier seines Vaterlandes. (S. Vereinigte Staaten von Amerika.) Er sorgte für Befestigung der Küsten und drängte im März 1776 die Engländer aus Boston. Als der auf 35000 Mann verstärkte Feind im August Neuyork besetzte, ging W. nach einer Reihe unglücklicher Gefechte aus einer festen Stellung in die andere in das nördl. Gebirge zurück. Hunger, Kälte, Seuchen, Mangel an Kleidung rafften einen Teil seiner Streitkräfte hin. Ein anderer Teil benutzte den Ablauf der auf ein Jahr festgestellten Dienstzeit und verließ die Fahnen. Mit dem Reste von 2000 Mann mußte sich W. im Winter hinter den Delaware zurückziehen, wo er 1 Armee wieder auf 6000 Mann brachte. Der ongreß führte jetzt eine dreijährige Dienstzeit ein und verlieh W. eine Art Diktatur. Am 25. Dez. 1776 nahm er durch einen kühnen Überfall die engl.⸗deutschen Truppen bei Trenton gefangen, und 3. Jan. 1777 schlug er Cornwallis bei Princetown. Diese Erfolge hoben die Zuversicht der Amerikaner. Dennoch vermochte W. nicht, der Not und Schwäche seines Heeres abzuhelfen. Am 13. Sept. schlug ihn Howe am Brandywinefluß, und als er letztern 4. Okt. bei Germantown angriff, mußte er ebenfalls der Geübtheit und Stärke der Engländer unterliegen. Während ein amerik. Korps unter Gates mehr als 6000 Engländer bei Saratoga zur Kapitulation wang, war W. genötigt, mit der Hauptmacht ein ager in der Eindde von Valley-Forge, 6 Stunden von Philadelphia, dem damaligen engl. Hauptquartier, zu beziehen und alle Leiden des Winters, des Hungers und Mangels jeder Art zu erdulden. Sein Heer Wider hier vollends durch Verräterei, Abfall und Widerspenstigkeit auf ein kleines, aber erprobtes Häuflein zusammen, welches jetzt erst durch den zum Generalinspektor ernannten deutschen General Steuben tüchtig organisiert und discipliniert wurde. W. bewährte damals die ganze Größe und Stärke seines Charakters, indem er auf seinem Posten ausharrte. Das Bündnis der Kolonien mit Frankreich und des letztern Kriegserklärung an England gab der Sache der Amerikaner eine günstigere Wendung. Im Juni 1778 brach W. aus seiner Einöde hervor und überfiel den neuen engl. Oberbefehlshaber, Clinton, 28. Juni auf dem Rückzuge von Philadelphia nach Neuyork bei Monmouth. Hierauf nahm er eine Stellung bei Westpoint und hinderte dadurch die Engländer, sich ins Innere auszubreiten. Clinton spielte deshalb mit dem Frühjahr 1780 den Aeß sih weis in die südl. Kolonien; allein W. ließ sich weis ich nicht nachziehen. Er setzte mit seinen wenigen Mann-Weunor die Einschließung der engl. Hauptmacht in Reuyork fort, bis er endlich, durch die Ankunft Rochambeaus mit 6000 Franzosen verstärkt, aus der Rolle des Beobachters heraustreten und den Plan zu einem entscheidenden S lage fassen konnte. Während er Clinton durch täuschende Bewegungen im Norden festhielt, wendete er sich, von dem franz. Admiral Grasse zur See unterstützt, nach Vorktown und zwang 19. Ott. 1781 7000 Engländer, die dasselbe besetzt hielten, zur Kapitulation. W. hatte im Laufe des Kriegs die Engländer zwar nicht im offenen Felde geschlagen, aber ihre Kräfte durch sein zähes Wobachtungesystem so geschwächt, daß sie nach dieser Niederlage keine Unternehmung mehr wagten. Nachdem 30. Nov. 1782 in einem provisorischen Frieden die Unabhängigkeit der Amerikaner anerkannt worden, war es der innere Feind, gegen welchen sich die Aufmerksamkeit W.s richten mu te. Im Heere, für dessen Zukunft der en, 80 nicht die versprochene Sorge zu tragen schien, gab sich eine tiefe Unzufriedenheit kund, die jeden Augenblick in Empörung auszubrechen drohte. Sogar machte man W. von dieser Seite aus den Vorschlag zu Staatsstreichen, die auf Gründung einer Monarchie hinausliefen, die er aber energisch zurückwies. Als endlich die Engländer 25. Nov. 1783 Neuyork räumten, entließ er die Reste seines Heeres in einem herzlichen Abschiede und begab sich nach Annapolis, wo er im Kongreß sein Amt als Oberbefehlshaber niederlegte. Er zog sich dann als einfacher Pflanzer nach Mount-Vernon zurück und widmete sich mit Eifer der Melioration seiner Besitzung. Wohl niemand wußte besser als er, wie höchst notwendig dem jungen Staatenverein eine Verfassung und Centralregierung war. W. schloß sich deshalb der sog. Föderalistenpartei an und half als Deputierter der Generalversammlung von 1787 die noch jetzt geltende Bundesakte entwerfen. Als 4. März 1789 die neue Verfassung in Wirksamkeit trat, übernahm er nach einstimmiger Wahl das Amt des Präsidenten. Inmitten des Parteikampfes, der die Union zu zerreißen drohte, ordnete er die Staatsschuld, die Landesverteidigung, den Verwaltungsorganismus und legte den Grund zu dem Straßen- und Kanalsystem des innern Verkehrs. Nach außen stellte er das Prinzip der Neutralität auf und begünstigte dadurch die Erneuerung des Handelsverkehrs mit England, der einen ungeheuern Aufschwung nahm. Nachdem die Präsidentenwahl 1793 nochmals auf ihn gefallen, steigerten sich für ihn die Schwierigkeiten durch das Verhältnis der Union zu dem revolutionären Frankreich. Gegen die Absichten der Demokraten,‚ welche die Unterstützung Frankreichs gegen England forderten, schloß W. einen vorteilhaften Handelsvertrag mit England und schickte sogar die Agenten des franz. Direktoriums aus dem Lande, die das Volk offen für eine Empörung gegen den Präsidenten bearbeiteten. Der verbafe mit welchen man ihn überschüttete, müde, verbat er sich jedoch die abermalige Wiedererwählung zum Präsidenten und legte sein Amt mit einer herrlichen Ansprache an die Nation im März 1797 für immer nieder. Als aber im folgenden Jahre der Krieg mit Frankreich ernstlich drohte, bewog ihn der neue Präsident Adams, die Stelle eines Oberbefehlshabers nochmals anzunehmen. W. starb während der Spannung mit Frankreich 14. Dez. 1799 zu Mount-Vernon an akuter Laryngitis. Erst nach seinem Hintritt fühlte man den ganzen Verlust dieses Mannes, der ader erste im Kriege, der erste im Frieden und der erste in den Herzen seiner Landsleutes und einer der größten und edelsten Helden und Staatsmänner aller Zeiten war, als Mensch wie als öffentlicher Charakter ebenso groß und hochherzig als makellos und unantastbar, dabei von tiefem religiösen Gefühl und den Lehren des Christentums aus Überzeugung ergeben. Alle Trune; der Union ehrten ihn durch eine feierliche Trauer. W. führte eine glückliche, aber kinderlose Ehe. In seinem Testament gab er seine Sklaven frei; er stiftete ansehnliche Vermächtnisse für Schulen und hinterließ den Rest des Vermögens einem Neffen. Seine Gebeine Chre zu Mount-Vernon. Ihm sind eine Anzahl Ehrendenkmäler errichtet worden, so eine von Canova gefertigte Statue in Raleigh in Nordearolina, eine andere in Boston, eine dritte in Baltimore und eine vierte in Washington. Sparks gab im Auftrage des Kongresses eine Sammlung von Wes offiziellen und privaten Papieren nebst Lebensbeschreibung (The works of W.„, 12 Bde., 1834—37) heraus, die Guizot französisch (6 Bde., Par. 1840) und Raumer deutsch (2 Bde., Lpz. 1845) bearbeitete. Vgl. Marshall, Lite of W.» (3. Aufl., 2 Bde., Philadelphia 1832): A. Bancroft, Essay on the life of W.» (neue Aufl., Boston 1851); Redding, „Life of W.y (2 Bde., Lond. 1835); Edmond, The life and times of W.„ (3. Aufl., 2 Bde., Lond. 1839); Venedey, »Georg W. Ein Lebensbild Barhe i. Br. 1862). Das populärste Werk ist ashington Irvings Life of W.„ (5 Bde., Neuyork 1855 —58 u. öfter; deutsch, Lpz. 1856—59). inseln.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 458Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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