FeedWenzel (Wenceslaus)
GeschichteBrockhaus 1882

Wenzel (Wenceslaus), deutscher König, 1378 —1400, ältester Sohn Kaiser Karls IV., aus dem Hause Luxemburg, geb. 1361, wurde schon als dreijähriges Kind zum König von Böhmen gekrönt und 1376 zum röm. König erwählt. Dann folgte er seinem Vater w1378 auf dem böhm. und deutschen Königsthron. Sein Regierungsantritt siel in eine Zeit, wo die bürgerlichen und kirchlichen Elemente eutschlands in einem Zustande der Gärung und Auflösung sich befanden. Zwar versuchte W. auf dem Reichstage zu Nürnberg 1383 den für die Ruhe Deutschlands verderblichen Städtebündnissen und Adelsvereinen entgegenzutreten; allein weder dieser Plan noch ein 1384 zu Heidelberg gemachter und 1387 zu Mergentheim wiederholter Versuch einer Gesamteinigung aller Fürsten und Städte war von Erfolg. Auf dem Reichstage in Eger 1389 gelang es endlich einen Landfrieden, allerdings auf Kosten der Selbständigkeit der Städte, herzustellen. Vergeblich bemühte er sich ferner, das päpstl. Schisma beizulegen, sowie denn seine Pläne im Reiche und der Kurie gegenüber nur von Mißerfolgen begleitet waren. In der Verstimmung hierüber überließ er sich immer mehr seiner Neigung zum Trunke, zur Jagd und vernachlässigte die Regierungsgeschäfte nicht nur Deutschlands, sondern auch Böhmens. Seine jähzornige Natur verleitete ihn zu mancherlei Gewaltthaten. Den Priester Johann von Nepomuk (s. d.), welcher als Generalvikar des Erzbischofs Wis kirchenpolitische Pläne vielfach durchkreuzte, ließ er zu Tode foltern und von der prager Brücke in die Moldau werfen. Der hohe Adel und der Klerus empfanden insbesondere die Strenge seiner Maßregeln, denen übrigens meist ein gewisser Gerechtigkeitssinn zu Grunde lag. Die böhm. Großen verbanden sich deswegen mit W.s Bruder, dem König Sigismund von Ungarn, und seinem Vetter, dem Markgrafen Jobst von Mähren, durch deren Veranstaltung W. auf einer Reise 1393 überfallen und auf dem prager Schloß mehrere Monate in geheimer Haft gehalten wurde, bis auf seines Bruders, des Herzogs Johann von Görlitz, Betrieb die deutschen Fürsten 1394 seine Freilassung bewirkten. Er suchte nun zwar durch Gewaltthaten sich im Besitz seiner Macht wieder festzusetzen; aber neue Empörungen zwangen ihn, unter Vermittelung seines Bruders Sigismund und des Markgrafen Jobst einen Frieden einzugehen, durch welchen seine königl. Autorität auf eine Schattenherrschaft herabgesetzt wurde. Auch in Deutschland sank sein Ansehen immer mehr. Während er in steter Geldnot sich verleiten ließ, an Johann Galeazzo Visconti 1395 die Würde eines Herzogs von Mailand für 100000 Goldgülden zu verkaufen, benutzten die Ritter⸗ und Städtebündnisse die Unthätigkeit W.s zu Gewaltthätigkeiten, denen ein neues Landfriedensgebot 1398 auf dem Reichstage zu Frankfurt nicht zu stenern vermochte. Als W. sich endlich zur Beseitigung der Kirchenspaltung mit Frankreich vereinigt und in die Absetzung der Gegenpäpste Bonifacius IX. und Benedikt XIII. eingewilligt, verfeindete er sich dadurch mit dem Kurfürst-Erzbischof Johann von Mainz. Die vier Kurfürsten von Mainz, Köln, Trier und Pfalz beschlossen darauf in sehr formloser Weise die Absetzung W.s zu Oberlahnstein 20. Aug. 1400. An seine Stelle wurde der Kurfürst Ruprecht (s d.) von der Pfalz gewählt, der jedoch nie zu allgemeiner Anerkennung kam. Unterdessen war W. mit den Böhmen in neue Zwistigkeiten geraten, die Sigismund benutzte, um seinen Bruder gefangen zu nehmen und 19 Monate zu Wien in Haft zu halten. Auch hatte Bonifacius IX. W.s Absetzung 1403 förmlich ausgesprochen. In Böhmen herrschte W. mit größter Willkür und Laune fort, begünstigte aus Haß gegen die kath. Geistlichkeit die Anhänger von Huß und trug durch seine Hinneigung zur czech.⸗ nationalen Partei nicht wenig zur Schwächung des Deutschtums im Lande bei. Verhängnisvoll in dieser Beziehung war sein Dekret vom 18. Jan. 1409, durch welches die prager Universität czechisiert und der Auszug der deutschen Professoren und Studenten veranlaßt wurde. Als nach Ruprechts Tode 1410 Sigismund (s. d.) zum röm. König gewählt wurde, trat W. zu dessen Gunsten seine Rechte auf die Kaiserwürde ab, führte jedoch den röm. Königstitel fort. Noch mußte er den durch Huß' Hinrichtung bewirkten Aufstand zu Prag, der den Hussitenkrieg zur Folge hatte, erleben, ehe er 16. Aug. 1419 am Schlagfluß starb. Vgl. Pelzel, «Lebensgeschichte des röm. und böhm. Königs W.v (2 Bde., Prag 1788—90); Weizsäcker, Deutsche Reichstagsakten unter König W.» (2 Bde., Münch. 1868—74); Lindner, „Geschichte des Deutschen Reichs unter König W.y (Braunschw. 1875).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 551Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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