Wesen heißt in der gewöhnlichen Sprache alles, was ist oder existiert, z. B. in den Ausdrücken Naturwesen, lebendige und vernünftige Wesen u. s. w. In der wissenschaftlichen Sprache bildet den Gegensatz für den Begriff des W. die Erscheinung. Denn eine genauere Betrachtung der Dinge zeigt, daß an ihnen viele Eigenschaften »erscheinenv, welche teils veränderlichen Charakters, teils nur auf Beziehungen der Dinge zu andern, besonders zu unserer Auffassungsweise begründet sind. Es entsteht daher das Bedürfnis, zu den Erscheinungen das W. zu finden und jene auf dieses zurückzuführen, womöglich aus ihm abzuleiten. Innerhalb der Erscheinung gibt sich das W. zu erkennen als das Beharrliche und sich selbst immer Gleichbleibende im Gegensatz zu dem Veränderlichen und Zufälligen. Daher sind die wesentlichen Merkmale eines Begriffs die unveränderlichen, welche man nicht von ihm hinwegnehmen darf, ohne ihn selbst zu zerstören; die unwesentlichen hingegen die veränderlichen oder vertauschbaren. Derselbe Gegensatz findet statt bei dem, was an Naturdingen sowie auch an moralischen Institutionen, wie Familien, Staaten u. s. w., als das notwendige W. derselben, ohne welches sie nicht bestehen können, von ihren zufälligen, veränderlichen, wechselnden oder auch beliebigen und vertauschbaren Erscheinungsformen unterschieden wird. Man pflegt die Erscheinung auch das Außere, das W. aber das Innere einer Sache zu nennen. Da jedoch die wissenschaftliche Analyse der Wirklichkeit immer mehr aufgedeckt hat, wieviel von den Eigenschaften der Dinge auf wechselnden Beziehungen beruht, so lag der Philo-⸗ sophie von jeher die Tendenz nahe, das W. der Dinge hinter allen Erscheinungen als ein Ding-ansich (. Ding) zu suchen, welches entweder uberhaupt nicht, oder nur auf besonderm, philos., mystischem oder gläubigem Wege zu erkennen sei.