FeedWiederkäuer
TierreichBrockhaus 1882

Wiederkäuer (Artiodactyla ruminantia) heißt eine Unterordnung der Huftiere mit der Eigentümlichkeit, daß ihr Pflanzenfutter nach einiger Zeit wieder in den Gaumen heraufgewürgt und von neuem gekaut wird. Dies ermöglicht eine besondere Einrichtung des Magens, der aus vier Abteilungen besteht. Die erste, der Pansen, dient nur zur vorläusigen Aufnahme der grobgekauten Nahrungsmittel. Findet das Tier später Muße zum sorgfältigen Durchkauen derselben, so werden sie in größern Brocken in die Gaumenhöhle zurückbefördert und gleiten zuletzt, in dunnen Brei verwandelt, indem sich die nach dem Pansen führende Offnung der Speiseröhre schließt, in die untern Abteilungen, den zelligen Netzmagen (Haube), den faltigen Blättermagen (Psalter, Guch, Löser) und den Labmagen hinab, wo die eigentliche Verdauung erfolgt. Der Darmkanal mißt das 12—24fache der Körperlänge bei den W. Den Kiefern fehlen die obern Vorderzähne, die durch einen knorpeligen Wulst ersetzt werden; die untern Vorderzähne sind meist acht an Zahl; die Eckzähne fehlen häufig. Die Backzähne haben —* der Oberfläche mahrere vorstehende Schmelzfa ten und können, um besser zum Zerreiben zu dienen, kreisförmig aufeinander herumgeschoben werden. Die Füße der W. sind zum Laufe sehr passend eingerichtet. Die beiden mittlern Zehen — in aneinander schließende Hufe eingehüllt (gepaltene Klauen), Aundera auch Zweihufer, während die verkümmerten äußern (Afterklauen) den Boden nicht berühren. Viele W. sind mit Hörnern oder Geweihen bewehrt. Obgleich von friedfertigem, gutmütigem, häufig etwas phlegmatischem Charakter, wissen die größern trefflich Gebrauch von ihren Waffen zu machen und scheuen den Kampf mit den gefährlichsten Raubtieren nicht. Die schwächern entgehen durch ihre Schnellfüßigkeit der Gefahr. Dem Menschen gewähren die W. durch Fleisch, Milch, Haare, Fell, Hörner, Klauen, als Haustiere auch durch ihren Mist unberechenbaren Nutzen. Die Ordnung der W. zerfällt in folgende Familien: 1) Kamele (Tylopoda s. Camelidae) mit der Vicußa (Tafel: Kamele und Kamelopardaliden, No. 1), dem Lama (Fig. 2), dem Dromedar und Trampeltier (Fig. 3und 4); 2) Bisam- oder Moschustiere (Tragulidac); 3) Hirsche (Cervidae) mit zahlreichen Arten der Alten und Neuen Welt (s. Tafel: Hirsche); 4) Giraffen (Camelopardalidae) mit der Giraffe (Tafel: Kamele und Kamelopardaliden, Fig. 6 und 9); hierher dürfte vielleicht auch das ausgestorbene Siratherium (ebend. Fig. 7 zu zählen sein; 5) Hohlhörner(Caxicornia) mit folgenden Unterfamilien: a) Rinder (Povinae, Tafel: Wiederkäuer, Fig. 5—7)/1 b) Schafe und Ziegen (Caprinae, ebend. Fig. 1—4); c) Gazellen und Antilopen (An⸗- tilopinae, Tafel: Antilopen Lund 11).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 610Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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