FeedWindthorst (Ludw.)
GeschichteBrockhaus 1882

Windthorst (Ludw.), Führer der kath. Centrumspartei, früherer hannov. Minister, geb. am 17. Jan. 1812 zu Kaldenhof, Kirchspiel Ostercappeln im Osnabrückischen, von bäuerlicher Abkunft, erhielt auf dem kath. Gymnasium Carolinum zu Osnabrück Vorbildung für den geistlichen Stand, widmete sich jedoch in Göttingen und Heidelberg dem Rechtsstudium. Er ließ sich als Anwalt in Osnabruck nieder, wurde ritterschaftlicher Syndikus und vorsitzender Rat des Konsistoriums zu Osnabrück, 1848 Oberapellationsrat in Celle, 1849 Mitglied der Zweiten hannov. Kammer, in welcher er seinen bisherigen Gegner, den Minister Stüve, in dessen partitularistischen Bestrebungen unterstützte, und suchte alles aufzubieten, um das damalige deutsche Einheitsstreben scheitern zu machen. Nachdem er seit Anfang 1851 als Führer der ministeriellen Partei zum Präsidenten der hannov. Zweiten Kammer ernannt worden war, trat er 22. Nov. 1851 in das Ministerium Schele. Als Minister setzte W. die Errichtung eines Bischofssitzes in Osnabrück und die Berufung kath. Personen in die Umgebung des hannov. Hofs durch. Nach seinem Austritt aus dem Ministerium 1853 beschäftigte er sich mit staatsrechtlichen Arbeiten fürstl. Häuser und trat im Dez. 1862 in das verfassungsfeindliche Ministerium Brandis-Graf Platen, in welchem er das Departement der Justiz übernahm und durch seinen Einfluß das Auswärtige Amt zu einem immer engern Anschluß Hannovers an Osterreich bestimmte. Am 21. Okt. 1865 schied er aus dem Ministerium und wurde Kronoberanwalt in Celle. Nach der Annexion Hannovers legte er dieses Amt nieder und suchte alle mißvergnügten Elemente in der Provinz Hannover zu vereinigen. Vom Wahlkreise Lingen-Meppen wurde er in den konstituierenden und dann in den ordentlichen Norddeutschen Reichstag gewählt und nahm, abweichend von dem am 10. Okt. 1867 gesaßten Beschluß seiner polit. Freunde in Hannover, auch ein Mandat zum preuß. Abgeordnetenhause an. Im Interesse des Exkönigs von Hannover entfaltete W. als Vermittler große Thätigkeit hinsichtlich der Herausgabe des welfischen Hausschatzes und schloß 29. Sept. 1867 ein Abkommen hierüber ab. Am 17. Juni 1869 nahm er an dem anti-infallibilistischen Laienkonzil zu Berlin teil, dessen Mehrzahl sich in einer Adresse an die deutschen Bischofe gegen die päpstl. Unfehlbarkeitslehre aussprach. Als aber gegen das Ende des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870 und 1871 die ultramontane Centrumspartei im Reichstage sich bildete, trat W. an deren Spitze und bekämpfte alles, was den innern Ausbau des Deutschen Reichs fördern konnte. In diesem Sinne sprach er 1872 gegen die Verlängerung der Diktatur in Elsaß-Lothringen, gegen das Jesuitengesetz, gegen Einführung der obligatorischen Civilehe, gegen die Ernennung des Kardinals Hohenlohe zum Botschafter im Vatikan, 1873 gegen die preuß. Kirchengesetze, für Gewährung eines elsaß-lothring. Landtags, für Einführung des direkten und allgemeinen Wahlrechts in Preußen, 1874 gegen die Bewilligung geheimer Ausgaben, zur Hir des Kullmannschen Attentats, 1875 gegen das Sperrgesetz und Klostergesetz, für Errichtung eines kath. Kultusministeriums, 1876 gegen die Kompromißanträge bei Beratung der Reichsjustizgesetze, 1878 gegen das Sozialistengesetz und für Beibehaltung der noch bestehenden preuß. Klöster, 1880 gegen das Reichsmilitärgesetz, 1882 gegen das Tabaksmonopol, 1885 gegen die dritte Direktorstelle im Auswärtigen Amt, gegen die Dampfervorlage, für Zulassung franz. Jesuitenmissionare in Kamerun, gegen die Ausweisung nicht preuß. Unterthanen poln. Nationalität. Immer schlagfertig, sei es zur Offensive, sei es zur Defensive, Meister in der leichtern Satire und in der sophistischen Dialektik, war er ein Gegner von Bedeutung, der besonders auch dem Fürsten Bismarck viel zu schaffen machte. Bei dem Auftreten des Herzogs von Cumberland 1878 als hannoverscher und 1884 als braunschweigischer Prätendent war W. dessen Hauptratgeber. Im Frühjahr 1879, als nach langen Jahren wieder eine momentane Annäherung zwischen W. und Bismarck stattfand, trat er vermittelnd für die Königin Marie von Hannover ein, um ihr die Ausbezahlung eines Witwengehalts auszuwirken. Eduard W., Neffe des vorigen, preuß. Abgeordneter, geb. 25. Aug. 1834 zu Halle in Westfalen, war 1867—80 Mitglied des preuß. Abgeordnetenhauses, 1871 —73 Mitglied des Deutschen Reichstags, schloß sich in beiden Versammlungen der Fortschrittspartei an und war in der Kirchenpolitik ein Gegner seines Oheims.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 684Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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