FeedWitz ist das Talent
Sitten & ModeBrockhaus 1882

Witz ist das Talent, zwischen zwei scheinbar völlig fremden und weit voneinander entlegenen Vorstellungen unvermutete Ahnlichkeiten zu entdecken, im Gegensatz zu Scharfsinn, welcher zwischen Gleichem oder Ahnlichem das Ungleichartige, Unähnliche auffindet. Das Unvermutete des Zusammentreffens bildet das Frappante oder Pikante des W.; seine psychophysische Wirkung ist jene plötzliche und mehr oder minder andauernde Innervation gewisser Muskelgruppen, deren Gesamtwirkung als Lachen bezeichnet wird. Doch muß dabei der Punkt der Ahnlichkeit (die Spitze oder Pointe) leicht und ungesucht ins Auge springen, sonst ist der W. stumpf und verfehlt seine Wirkung der angenehmen überraschung. Die gemeinste Art des W. ist der Wortwitz, welcher sich an der Ahnlichkeit der Wortklänge von verschiedener Bedeutung ergötzt. Höher steht der bildliche W., welcher nicht Worte, sondern Dinge, Handlungen und Zustände höchst verschiedener Art aneinanderknüpft. Witzige Handlungen oder Dinge sind solche, in welchen derartige frappierende Gegensätze in unvermuteter Vereinigung zu Tage treten. Der W. macht Spaß, er ist ein Einfall, ein Spiel der Phantasie. Im frühern Sprachgebrauche hatte das Wort W. eine weitere Bedeutung. Man gebrauchte es überhaupt für Geist (esprit) im Sinne einer raschen und beweglichen Auffassungs-und Beurteilungsgabe. Als Rest dieses Gebrauchs hat sich der Ausdruck Mutterwitz als Bezeichnung geistiger Begabung zu scharfer Auffassung der Wirklichkeit erhalten.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 713Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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