FeedWörterbuch
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Wörterbuch (Lexikon) im weitern Sinne heißt jedes Buch, welches ein nach einer bestimmten Folge geordnetes Verzeichnis von Wörtern einer oder mehrerer Sprachen enthält; im engern und eigentlichen Sinne aber versteht man darunter ein alphabetisch geordnetes Verzeichnis der Wörter einer oder mehrerer Sprachen, welches den gesamten betreffenden Wortschatz zu erschöpfen strebt. Vom W. unterscheiden sich als Unter⸗ und Abarten, welche besondere Zwecke verfolgen, das Glossarium, welches nur aus irgend einem Grunde auffällige, merkwürdige, veraltete u. s. w. Wörter erklärt; das Idiotikon, welches mundartliche oder sonst einem speziellen Zweck dienende Wörter und Redensarten verzeichnet; das Onomastikon, welches nur die Substantiva und zwar gewöhnlich nach den Namen erklärt. Weiter sondern sich nach ihren eigentümlichen Zwecken ab: das etymologische W., welches vorzugsweise die Abstammung und Verwandtschaft der Wörter verfolgt; das Synonymenwörterbuch, welches die Unterschiede der Bedeutungen aufweist und erklärt; das Spezialwörterbuch, welches den Sprachschatz eines einzelnen Schriftstellers darlegt, und endlich die verschiedenen Realwörterbücher, welche nur durch ihre alphabetische Anordnung unter diesen Begriff fallen, sofern sie nicht auf Sammlung und Erklärung des Sprachlichen, sondern des Sachlichen hinstreben. Die Griechen und Römer hatten keine Vorstellung von einem wirklichen W. Sie beschränkten sich auf Glossaria, Etymologica, Synonymica, Onomastica, die aber sämtlich keineswegs auf erschöpfende Vollständigkeit ausgingen. Dagegen wurden schon im Altertum Werke encyklopädischer Art verfaßt. (S. Encyklopädie.) Ein wirkliches W. ward erst möglich durch die Buchdruckerkunst. Für das Griechische legte nach den Vorarbeiten von Budäus, Camerarius u. a. eine breite und feste Grundlage Henricus Stephanus durch seinen Thesaurus linguae Graccaer (1572), auf welchem dann die Hemsterhusische Schule weiter baute bis herab zu den neuesten Leistungen von Schneider, Passow, Seiler, Jakobitz, Rost, Pape u. a. Die lat. Wörterbücher heben an mit Perottis «Cornu copiae (1489) und dem &Thesauruso des Robert Stephanus (1531) und wurden weiter gefördert durch die umfassenden Arbeiten von Joh. Matth. Gesner, Forcellini, Du Cange (mittelalterliches Latein), Scheller, Freund, Georges, Mühlmann u. a. Die ersten Anfänge der deutschen Lexikographie reichen hinauf bis ins 7. Jahrh. Außer den Interlinear- und Randglossen entstanden im althochdeutschen Zeitraume zahlreiche, bald sachlich, bald alphabetisch geordnete, sowohl kleinere als umfänglichere Verzeichnisse deutscher Wörter mit nebengesetzter lat. Bedeukung, die, mannigfach unter sich verwandt, durch fortgesetztes Abschreiben bis tief in den mittelhochdeutschen Zeitraum hinein immer mehr miteinander verschmolzen und durch neue Zusätze erweitert wurden. Im 15. Jahrh. tauchen dann neben ienen ältern noch eine ziemliche Anzahl neuer Vokabularien auf, die auch bald unter verschiedenen Titeln in den Druck übergehen und wiederholt aufgelegt werden, als der «Vocabularius ex quoy, «V. breviloquusv, V. rerumv, «V. praedicantiumv, «V. gemma gemmarumo und «V. incipiens Teutonicum ante Latinumo. Alle diese für die erste Entwickelungsstufe der neuhochdeutschen Sprache wichtigen Vokabularien sind ziemlich selten heworden und noch so wenig untersucht, daß man von ihnen kaum etwas mehr als einige nackte Verfassernamen kennt, wie Wenzeslaus Brack und Johannes Melber de Geroltshofen. Verdienten Ruf erwarb sich Gherard van der Schuerens Teutonista of Duytschlendero (Köln 1477; herausgeg. von Clignett, Leid. 1804), eine reiche, einsichtige und noch jetzt nutzbare, aus der niederrhein-klevischen Mundart geschöpfte Auswahl, welche „ihr Beispiel die alphabetische Ordnung für alle folgenden zur Regel machte. Ihm folgte des aus der „Schweiz stammenden straßburger Arztes Petrus Dasypodius (Hase oder Häslein) Dictionarium Latino-Germanicum et Germanico-Latinum Straßb. 1535 u. öfter), zwar noch wenig über den Charakter eines Schulbuchs Aundareceone aber ebenfalls frisch aus der elsass. Mundart gezogen und alphabetisch geordnet. Nach des Robert Stephanus Dictionarium Latino-Gallicums hatte der Züricher Joannes Frisius ein Dictionarium Latino-Germanicumo ausgearbeitet (Zür. 1541), welches dann Josua Maaler (Pictorius), ein züricher Geistlicher, auf Gesners Rat in ein deutsch-⸗lateinisches W. mit alphabetischer Folge umgoß und mit einem so reichen, aus der lebendigen Schweizersprache gehobenen Schatze von Wörtern und Redensarten ausstattete, daß es als das erste wirkliche deutsche M. gelten darf (Die teutsch Sprachs, Zür. 1561). Überaus fleißig und lehrreich, nur zu überladen, ist des augsburger Arztes Georg Henisch in einem Foliobande bis zum Buchstaben gediehenes W. (Deutsche Sprach und Weißheito, Augsb. 1616). Ebenfalls reich und verdienstlich ist das Werk Kaspar von Stielers (Der deutschen Sprach Stammbaum und Fortwachs oder deutscher Sprachschatz. Von dem Spatenv, Nürnb. 1691). Das erste dem Forscher noch jetzt unentbehrliche gelehrte deutsche W. schrieb der gründliche und besonnene Frisch (Deutsch⸗-lateinisches W.v, Berl. 1741), nicht mehr aus der Mundart einer besondern Gegend, sondern aus reichen und oft weit entlegenen Quellen. Ausgezeichnet durch Wortvorrat, umsichtige Entwickelung der Bedeutungen und wohlgewählte Belegstellen ist das W. Adelungs (4 Bde., Lpz. 1774 —80; 2. Aufl., von geringerm wissenschastlichen Werte, 5 Bde., Lpz. u. Berl. 1793— 1817); jedoch ist es auf diejenige Redeweise beschränkt, welche der Verfasser «verfeinertes obersächs. Hochdeutscho nannte. Tiefer steht das durch Überladung und übertriebenen Purismus beeinträchtigte deutsche W. Campes (5 Bde., Braunschw. 1807—11). Dagegen läßt alle Vorgänger weit hinter sich zurück das Deutsche W. » von Jakob und Wilhelm Grimm (Bd. 1—7, Lpz. 1854 fg.), dessen Belege in reicher Fülle aus den bedeutendern Schriftstellern des gesamten neuhochdeutschen Zeitraums eschöpft und dessen Erläuterungen mit der umfassendsten und eindringendsten Sprachkenntnis abgehandelt sind. Eigentümlichen Wert besitzt Sanders' «W. der deutschen Spracher (2 Bde., Lpz. 1859 —65; Ergänzungswörterbuchv, 3 Lieferungen, Berl. 1879—84). Alles, was die got. Sprachdenkmäler darbieten, haben erschöpfend verzeichnet und erläutert von der Gabelentz und Löbe (Glossarium der got. Spracher, Lpz. 1843) und Schulze ((Got. Glossarv, Magdeb. 1848); den althochdeutschen Eprachc umspannt Grafsfs «Althochdeutscher prachschatz (7 Bde., Berl. 1834—46), den mittelhochdeutschen das reiche, auf Grund des Beneckeschen Nachlasses von Wilh. Müller bearbeitete Mittelhochdeutsche W.y (3 Bde., Lpz. 1854—66), und unter den zahlreichen mundartlichen Wörterbüchern sind das „Bayrische W.y von Schmeller 4 Bde., Stuttg. u. Tüb. 1827—37; 2. vermehrte usg., 2 Bde., Münch. 1869 — 78), sowie Lexers „Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. Zugleich als Supplement zum mittelhochdeutschen W. von Benecke-Müller-Zarnckes (3 Bde., Lpz. 1869 — 78) unerreicht geblieben. (S. Deutsche Sprache.) Die beiden berühmtesten Wörterbücher der ital. und franz. Sprache sind das Vocabolario degli accademici della Cruscas und das Dictionnaire de PAcadémie françaises. Jenes ist aber eigentlich nur ein Idiotikon der florentin. Mundart, dieses nicht ein W. im oben angegebenen Sinne, sondern nur ein Dictionnaire oder Lexikon der feinern Umangssprache des siècle de Louis XIV. Ein umassendes französisches W. von wissenschaftlichem Wert hat Littré (4 Bde. und Supplement, Par. 1863—78) verfaßt. Neuerdings haben auch die Niederländer in dem Woordenboek der Nederlandsche taale (Leid. 1865 fg.) von de Vries und te Winkel ein vorzügliches W. erhalten. Von deutschen Gelehrten ist auch für fremde Sprachen Treffliches geleistet worden, wie z. B. durch den hebr. Thesaurus von Gesenius, durch Freytags arabisches W., durch Vullers für das Persische, durch Zenker für das Türkische, Dillmann für das Äthiopische u. s. w. Die wissenschaftliche Grundlage für die roman. Lexikographie ist gelegt worden durch das & Aufl., Bom W. der roman. Spracheno von Diez (4. Aufl., Bonn 1878). Vgl. Vater, «Litteratur der Grammatiken, Lexika und Wörtersammlungen aller Sprachen der Erder (2. Aufl., gänzlich umgearbeitet von Jülg, Berl. 1847). Wesentlich verschieden von den W. ihrem Zwecke und ihrer Anlage nach sind die Fremdwörterbücher. (S. Fremdwörter.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 756Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Literatur & Sprache 6