FeedVarianten
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Varianten, lat. variae lectiones, auch varietas lectionis, nennt man die abweichenden oder verschiedenen Lesarten in den Handschriften eines und desselben alten Schriftstellers, welche von den Abschreibern bald durch Unkunde der Sprache, bald durch Fahrlässigkeit beim Schreiben oder durch falsches Hören beim Diktieren eines Zweiten, bald endlich durch Verbesserungsversuche veranlaßt wurden. Zugleich begreift man darunter die Zusätze und Auslassungen einzelner Wörter oder ganzer Sätze und Stellen, mag dies von den Abschreibern aus Versehen oder mit Absicht geschehen sein. Eine Sammlung solcher V., die sich in den Handschriften finden, welche für die ÜUberlieferung des Textes von Wichtigkeit sind, heißt der kritische Apparat (apparatus criticus), die Sichtung und Würdigung elben aber und die dadurch bedingte Wahl der echten und ursprünglichen Lesart ist die Aufgabe der sog. niedern oder Wortkritik. Den mit Benutzung dieser handschriftlichen Hilfsmittel neukonstruierten Text einer Schrift bezeichnet man als Recension. Während man früher eine derartige Arbeit nur auf die griechischen und römischen alten Schriftsteller verwandt hat, geschieht dies neuerdings in den Ausgaben aller ältern und neuern Autoren, welche für wissenschaftliche Zwecke Verwendung finden oder solchen Ansprüchen genügen sollen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 119Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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