FeedXenöphon
GeschichteBrockhaus 1882

Xenöphon, der Sohn des Gryllos aus Athen, bekannt als Verfasser zahlreicher histor. und philos. Schriften, geb. nach einigen um 445, eher nach andern um 430 v. Chr., schloß sich frühzeitig an Sokrates an, dessen treuer und dankbarer Schüler er sein ganzes Leben lang blieb, ohne zu einer selbständigen philos. Entwickelung und Anschauung zu gelangen. In der Schlacht bei Delion (424 v. Chr.) wurde er, nach einer von Strabon und Diogenes Laertius berichteten, aber ohne Zweifel falschen Erählung, von Sokrates, als er auf der Flucht vom Pferde stürzte, gerettet. Im J. 401 wurde er durch seinen Gastfreund Proxenos aus Böotien, der sich in Sardes beim jüngern Cyrus aufhielt, bewogen, dorthin zu gehen und den Cyrus auf dessen angeblich gegen die Pisider, in Wahrheit gegen seinen Bruder, den Perserkönig Artaxerxes Mnemon, gerichteten Heerzuge zu begleiten. Nach der unglücklichen Schlacht bei Kunaxa und dem Tode des Cyrus wurde er von den etwa 10000 Mann starken griech. Hilfstruppen, deren Offiziere größtenteils durch Verrat ins pers. Lager gelockt und getötet worden waren, zum Anführer gewählt. Unter den größten Mühseligkeiten und Gefahren führte er diese Trup9508 aus dem innern Asien mitten durch feindliche ölkerschaften und schwer zugängliche, zum Teil unwirtliche Landschaften nach Byzanz zurück, wo er mit ihnen in die Dienste des thrakischen Fürsten Seuthes trat. Da dieser aber das Heer um einen Teil des Soldes betrog, führte X. die Söldnerschar wieder nach Pergamos und übergab sie dem spart. Feldherrn Thibron, da die Spartaner sie zur Fortführung des Kriegs gegen die pers. Satrapen Pharnabazos und Thissaphernes in Sold genommen hatten. (Vgl. außer Moltkes „Briefen aus dem Oriente Koch, Der Zug der Zehntausend nach X.8 Anabasisv, Lpz. 1850; Hertzberg, Der Feldzug der 10000 Griechen nach X.s Anabasis dargestellte, Halle 1861; 2. Aufl. 1870; Strecker und Kiepert, „Beiträge zur geogr. Erklärung des Rückzugs der Dix-miller, Par. 1873.) Hernach begleitete X. im Frühjahr 396 den spart. König Agesilaos auf dessen Zuge nach Asien, kehrte mit ihm nach Griechenland zurück und war auch in der Schlacht bei Koronea (394) gegen seine eigenen Landsleute in dessen Gefolge. Wenn K. nicht schon früher aus Athen verbannt war, so geschah das damals. Er begleitete Agesilaos nach Sparta. Später ließ er sich in Skillos bei Olympia in Elis nieder und siedelte von da später nach Korinthüber, wo er auch nach Aufhebung des gegen ihn erlassenen Verbannungsdekrets aus Athen bis zu seinem, im höchsten Alter (um 354 v. Chr.) erfolgten Tode seinen Wohnsitz behielt. Er war eine einfache, etwas nüchterne, aber hochbegabte, vorzugsweise auf das Praktische gerichtete Natur, weder durch besondere Tiefe des Geistes noch durch Großartigkeit der Gedanken ausgezeichnet, aber ein uhr mit Co Schriftsteller, der sich durch den Verkehr mit Sokrates eine allgemeine, wenn auch nicht eben tiefe philos. Bildung angeeignet hatte. Seine zahlreichen Schriften, an welchen schon die Alten besonders die Einfachheit, Klarheit und Anmut der Darstellung rühmten, Vorzüge, die ihm den Beinamen der «attischen Bienes eingebracht haben, zerfallen in historische und historisch-politische, philosophische und praktische. Unter den historischen ist die bedeutendste die «Anabasiss», die Erzählung des von ihm selbst geleiteten Rückzugs der 10000 Griechen, welche er, um glaubwürdiger und unparteiischer zu erscheinen, unter einem fremden Namen (dem des Themistogenes) herausgab, wie er auch von sich immer in der dritten Person spricht. Ferner gehören dahin; die »Hellenikar, deren zwei erste Bücher das Geschichtswerk des Thukydides bis zum Ende des Peloponnesischen Kriegs fortsetzen, während Buch 3—7 die griech. Geschichte vom Ende dieses Kriegs bis zur Schlacht bei Mantinea (362) vom spart. Parteistandpunkt aus erzählen; die «Kyrupaideiaso (Cyropädie, d. i. Erziehung des ältern [(Cyrus), ein moralisch-polit. Roman, worin das Ideal eines nach Sokratischen Grundsätzen gebil⸗ [deten Monarchen dargestellt wird, und die kleinern Schriften 4Agesilaos o (Lobschrift auf diesen König), Vom Staate der Lacedämoniero und Vom Staate der Athenero, von denen aber wenigstens die erste höchst wahrscheinlich und die letztere sicher nicht von K. herrührte (diese ist von einem ältern Politiker bald nach dem Beginn des Peloponnesischen Kriegs verfaßt). Philos. Inhalts sind die »Apomnemoneumatas (Memorabilia Socratiso), denkwürdige Gespräche und Aussprüche des Sokrates, die X. größtenteils selbst aus seinem Munde vernommen hat, ein treuer Abdruck der Sokratischen Anschauungs- und Ausdrucksweise, wie sie im täglichen Leben den nicht mit tieferm philos. Geiste Begabten erschienen. Eine Art Anhang dazu ist die jedenfalls nicht von X. herrührende Apologie des Sokrateso. Echt Xenophontisch dagegen sind: das «Symposionv(Gastmahl), welches den Sokrates in heiterer und fröhlicher Geselligkeit vorführt; der „Oikonomikoso, ein Gespräch, in welchem Sokrates eine Unterhaltung erzählt, die er mit einem Ischomachos über die beste Art der Verwaltung des Hauswesens und des Vermögens gehabt habe, und der «Hierono, ein Gespräch zwischen dem Fürsten Hieron von Syrakus und dem Dichter Simonides über die Vorzüge des Fürsten⸗ und des Privatlebens und die Kunst des Herrschens. Rein praktischer Natur endlich sind die kleinen Abhandlungen über die athen. Finanzen und die Mittel zu ihrer Hebung, über die Reitkunst, über die Obliegenheiten eines Anführers der athen. Reiterei und über die Jagd. Die besten Gesamtausgaben der Werke X.s sind die von Schneider (neue Ausgabe, zum Teil von Bornemann und Sauppe bearbeitet, 6 Bde., Lpz. 1825—49); die von Bornemann, Kühner und Breitenbach (4 Bde., zum Teil in 2. Aufl., Gotha u. Erfurt c1838—63); die von L. Dindorf (Par. 1839), von Sauppe (Lpz. 1865—66) und die von Schenkl begonnene (Berl. 1869 fg.). Von Dindorf hat man auch kritische Spezialausgaben der einzelnen Werke, die in wiederholten Auflagen mit Kommentaren zu Orford, und ohne solche zu Berlin und Leipzig erschienen sind. Von Ausgaben einzelner Schriften mit erklärenden Anmerkungen sind zu nennen die der Anabasiso von Krüger (6. Aufl., Berl. 1871), Hertlein (3. Aufl., Lpz. 1855), Kühner (Gotha 1852), Vollbrecht (1. Bdchn., 7. Aufl., Lpz. 1882; 2.Bdchn., 6. Aufl. 1880), Rehdantz und Carnuth (65. Aufl., Berl. 1882—84); der Hellenikas von Büchsenschütz (1. Bdchn., 5. Aufl., Lpz. 1884; 2. Bdchn., 4. Aufl., 1880) und Breitenbach (Bd. 1, 2. Aufl., Berl. 1884; Bd. 2, 1874; Bd. 3, 1876); der (Cyropädie v von Hertlein und Nitsche (Bd. 1, 4. Aufl., Berl. 1886; Bd. 2, 3. Aufl. 1876) und Breitenbach (Bd. 1, 3. Aufl., Lpz. 1875; Bd. 2, 2. Aufl., Lpz. 1878); der Schrift KVom Staate der Lacedämoniero von Haase (Berl. 1833); der«Memorabilienovon Kühner (4. Aufl., Lpz. 1882), Breitenbach (5. Aufl., Berl. 1878) und Seyffert (4. Aufl., Lpz. 1883); von kritischen Ausgaben einzelner Schriften noch die der „Anabasis» (2. Aufl., Leid. 1873), «Cyropädiev (3. Aufl. 1881) und der «Hellenikap (2. Aufl., Leid. 1880) von Cobet und die der Anabasiso (Lpz. 1878) und der Cyropädies (Lpz. 1882) von Hug, sowie die der Schrift über die Finanzen der Athener von Zurborg (Berl. 1876). Wiederholt ist insbesondere die wichtige, sicher nicht von X. herrührende Schrift „Vom Staate der Athenere» bearbeitet und untersucht worden; so von Kirchhoff (Berl. 1874, 1878, 1881), Wachsmuth (Gött. 1874), Müller-Strubing (1880), Belot (Par. 1880), Lange (Lpz. 1882). Eine noch unvollendete Ausgabe des griech. Textes mit deutscher übersetzung und Anmerkungen von verschiedenen Bearbeitern erscheint in Leipzig seit 1855. Unter den deutschen übersetzungen ohne griech. Tert sind die von Walz, Campe, Hertlein, Fincke u. a. bearbeitete (Stuttg. 1854fg.) und die von Forbiger, Dörner u. a. (Stuttg. 1879) hervorzuheben. Eine NalGaufe Skizze schrieb Krüger (Halle 1822). Vgl. Ranke, „De Xenophontis vita et scriptiso (Berl. 1851), und Roquette, De Xenophontis vitao (Königsb. 1884). RXenophon von Ephesus nennt sich mit einem vielleicht erdichteten Namen ein griech. Erotiker, wahrscheinlich aus der Zeit um die Wende des 2. oder 3., nach andern des 4. oder 5. Jahrh. n. Chr., der einen Roman «Ephesiacas in fünf Büchern verfaßt hat, worin die Liebesabenteuer der Anthia und des Habrokomes in einer ziemlich leichten und einfachen Sprache erzählt werden. Herausgegeben wurde die Schrift von Locella (Wien 1796), Peerlkamp (Harlem 1818), Passow (Lpz. 1833/und in den Ausgaben der Erotiker (s. d.), ins Deutsche übersetzt von Bürger (Lpz. 1775) und Krabinger (Münch. 1820 u. 1831).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 803Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 5

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Geschichte 6