Karl I., König von Großbritannien und Irland, 1625 — 49, zweiter Sohn des Königs Jakob I. (s. d.), geb. 19. Nov. 1600 zu Dunfermline in Schottland, wurde mit dem Tode seines Bruders Heinrich 1612 Prinz von Wales. Wie sein Vater, nach dessen Ableben er 1625 den Thron bestieg, war K. von der Schrankenlosigkeit seines göttlichen Herrscherrechts überzeugt. Er begünstigte die bischöfl. Kirche, behandelte den Katholizismus mild und verfolgte die Presbyterianer und Puritaner. Nachdem er zusammen mit Buckingham (s. d.) vergeblich eine persönliche Brautwerbung in Madrid gemacht hatte, heiratete er 1625 Henriette Marie von Frankreich. Das Parlament, welches er 1625 zum ersten mal versammelte, zeigte sich in Bewilligung von Subsidien äußerst karg. K. hoffte durch eine Erpedition an die span. Küste die prot. Sympathien zu gewinnen, aber das Parlament von 1626 leitete, statt Geld zu bewilligen, gegen Buckingham den Staatsprozeß ein; der König löste die Versammlung 15. Juni auf, und die schlecht ausgerüstete Flotte wurde vor Cadiz schlimm zugerichtet. Zugleich lockerte sich das Verhältnis zu Frankreich, wo die zu Spanien neigende Partei ans Ruder kam, so welt, daß K. die Hugenotten unterstützte. Buckingham zog im Juni 1627 mit der Flotte dem belagerten Rochelle zu Hülfe, vermochte aber die Stadt nicht zu retten. Von Finanznot gedrängt, mußte sich K. 1628 doch wieder zur Einberufung des Parlaments entschließen. Beide Häuser aber entwarfen sogleich die sog. Petition of Right, welche sich gegen die finanziellen Unregelmäßigkeiten und die willkür. tlichen Verhaftungen erklärte. Seiner schlimmer Lage müde, bestätigte der König unter allgemeinen Jubel die Akte. Ehe jedoch das Parlament zu Be willigungen schritt, sprach es der Krone die eigen mächtige Erhebung des Pfund⸗ und Tonnengeldes ab. Wieder versuchte K. ein selbständiges Vor gehen; er prorogierte das Parlament und rüstet eine neue Erxpedition nach Rochelle. Aber die Er mordung Buckinghams und das Scheitern de— Kriegs zwangen ihn, das Parlament von neuem zt befragen. Hier erhob Eliot jeine fulminanten Anklagen, die zu seiner Verhaftung und zur Auflösung der Versammlung führten. K. regierte nun mit den Ministern Laud und Strafford 11 Jahre ohne Parlament und bestritt die Ausgaben aus willkürlichen Auflagen verschiedener Art. Die Urteile der Sternkammer sollten den fortgesetzten Erpressungen den Schein von Recht geben. Mit Frankreich wurde 1629, mit Spanien 1630 Frieden geschlossen, ohne daß die prot. Sache etwas gewann. Eine solche Regierung erweckte indes bald die tiefste Erbitterung. K. glaubte den Sturm zu beschwören, indem er die engl. Puritaner und den Presbyterianismus in Schottland verfolgte. Allein gerade dieser Druck auf die Gewissen reizte zum offenen Aufstande. Die Schotten, denen der König die bischöfl. Liturgie aufdringen wollte, setzten eine revolutionäre Regierung ein und unterschrieben Febr. 1638 den sog. Covenant (s. d.), einen Bund zum Schutze der presbyterian. Kirchenverfassung. Als K. Gewalt gebrauchen wollte, erschienen sie 1639 mit einem Heere in England und zwangen K. zur Pacifikation von Berwick, welche ihre Hauptforderungen bestätigte. Trotzdem blieb der Bruch unheilbar, und der König, der aus Mangel an Mitteln nicht einschreiten konnte, nahm im April 1640 seine Zuflucht zur Berufung des engl. Parlaments. Dasselbe bewies sich anfangs willfährig; doch der Hof erbitterte die Gemeinen durch Drohungen und hielt es danach für geraten, sie wieder zu entlassen. K. brachte nun durch ungesetzliche Mittel ein nicht unbedeutendes Heer zusammen, welches 28. Aug. am Tyne von den in England wieder einrückenden Schotten fast ohne Kampf geschlagen wurde. Mit Widerwillen mußte K. das engl. Parlament nochmals berufen. Diese verhängnisvolle Session wurde 3. Nov. 1640 eröffnet; beide Häuser waren gerüstet, den Kampf gegen die Krone zu beginnen. Zuvörderst setzten sie die Minister und andere Beamte, die dem Hofe während der 11 Jahre gedient, in Anklagestand und cassierten die Urteile der Sternkammer und der Hohen Kommission. K. war, nach einem mißglückten Reaktionsversuch, vom Volk, Beamten, den nächsten Freunden verlassen, völlig widerstandslos, bestätigte eine Bill für dreijährige Parlamentsdauer, entäußerte sich der wichtigsten Kronprärogative, des Rechts der Auflösung und Versammlung des Parlaments, bestätigte 13. Mai 1641 sogar das Todesurteil Straffords und hob die Sternkammer, die Hohe Kommission und das Schiffsgeld auf. Hierauf vertagte sich das Parlament vom 9. Sept. bis 20. Okt., und der König ging nach Schottland, um die dortigen Presbyterianer durch Nachgiebigkeit von den Engländern zu trennen; zugleich erhoben sich die kath. Iren zu blutigem Aufstand, welcher in England dem Hof zur Last gelegt wurde. Nach dem Zusammentritt des Parlaments setzte daher die Majorität 22. Nov. die ogroße Remonstranzo durch, welche in 200 Paragraphen alle Mißerfolge und Zwiespältigkeit im Staate auf den „Papismuso der Regierung zurückführte und als einzigen Ausweg die presbyteriale Kirche statt der Hochkirche forderte. K. antwortete unentschieden; als dann aber zwei seiner Minister angeklagt wurden, erhob er 3. Jan. 1642 Gegenklage gegen die Deputierten Pym, Hampden, Hollis, Haslerig und Stroud als Hochverräter und forderte, indem er ham nächsten Tage selbst im Hause erschien, deren ermißt, sind unter C aufzusuchen. Auslieferung. London, schon längst in tumultuari scher Bewegung, zeigte sich jetzt entschlossen, die Ab. geordneten des Volks mit Waffengewalt zu schützen K. verließ deshalb mit seiner Familie 10. Jan. Lon don und machte damit das Parlament zum Herrr der Hauptstadt. Dasselbe bemächtigte sich sogleich der Flotte, erklärte das Reich in Gefahr, rüstete ein Heer und befahl die Errichtung einer allgemeinen Landmiliz, wogegen K. den Adel, soweit er treu geblieben, aufrief und Anstalten traf, sein Ansehen mit den Waffen zu behaupten. Mit einem bedeutenden Heere begann er im August den Krieg und behauptete über die ungeühten Parlamentstruppen länger als ein Jahr das übergewicht. Unterdes verbanden sich aber die Schotten, die bei den Fortschritten des Königs für sich selbst fürchteten, mit dem Par—⸗ lament und rückten, 20000 Mann stark, im Nov. 1643 in England ein. Der König seinerseits hatte schon im April mit den irländ. Katholiken einen Vertrag geschlossen und berief im Jan. 1644 nach Nork ein Gegenparlament, das sich auch ziemlich zahlreich einfand und Subsidien bewilligte. Die Königlichen erlitten zwar 2. Juli bei Marstonmoor eine Niederlage, schlugen aber 1. Sept. die Parlamentstruppen in Cornwall. Die Unterhandlungen, welche die Parteien im Jan. 1645 zu Uxbridge eröffneten, zerschlugen sich nochmals. Man griff wieder zu den Waffen, und 15. Juni 1645 wurden die königl. Truppen bei Naseby vom Parlamentsheere unter Fairfax und Cromwell gänzlich vernichtet. Von allem Schutze entblößt, sah sich K. endlich genötigt, im Mai 1646 in das schott. Lager vor Newark zu flüchten. Man behandelte ihn hier als Gefangenen und lieferte ihn zuletzt, nach langen Verhandlungen, 16. Febr. 1647 gegen eine bedeutende Geldleistung an das engl. Parlament aus. Schon aber waren die Presbyterianer nicht mehr Herren der Situation. Während des Kriegs hatte sich die Partei der Independenten erhoben, die nicht nur die Hochkirche, sondern mehr oder weniger jede kirchlich-bindende Verfassungsnorm verwarfen. Diese fanatische Partei, die im Heere herrschte, die großen Siege entschieden hatte und an deren Spitze der gewaltige Oliver Cromwell (s. d.) stand, bemächtigte sich zuvörderst im Juni 1647 der Person des Königs und brachte denselben zum Heere. Hier suchte K. mit der neuen Partei einen Ausgleich zu schaffen; allein zugleich unterhandelte er auch mit dem Parlament und den Schotten und suchte, als alles vergeblich war, sein Heil in der Flucht; es gelang ihm, aus dem Lager zu entweichen (11. Nov.) und Wight zu erreichen. Der Gouverneur der Insel, Hammond, bemächtigte sich aber seiner und setzte ihn auf das feste Schloß Carisbrook. Das Heer legte ihm hier im November eine Art Ultimatum vor. Der König sollte demzufolge die Kriegsmacht dem Parlament 12 Jahre unterstellen, alle gegen die revolutionäre legierung gerichteten Proklamationen widerrufen und dem Parlament das unbedingte Recht gestatten, sich zu versammeln und aufzulösen. Die Verweigerung dieser Forderungen setzte das Heer und die Independenten in Wut, und man beschloß nun offen, den König als Staatsverbrecher vor Gericht zu stellen. Das Parlament wurde gezwungen, eine Bill zu erlassen, welche jede weitere Unterhandlung mit dem König als Staatsverrat erklärte. Diese Maßregel, womit die Independenten eigentlich den König vom Throne stießen, verbreitete zugleich unter den Presbyterianern Schrecken. Es erhoben sich in England bewaffnete Royalistenhaufen, die jedoch leicht zerstreut wurden. Aber auch die Schotten schlossen 26. Dez. 1647 mit dem König zu dessen Befreiung und Herstellung ein Bündniß und erschienen im Juli 1648 mit einem Heere in England. Während Cromwell die Schotten im August schlug und dann in Schottland selbst vordrang, benutzte das Parlament zu London diese Freiheit, widerrief die Bill und trat mit dem König persönlich in Unterhandlung. K. war jetzt zu jedem Opfer bereit, aber in dem Hauptpunkte, die Abschaffung der Bischofskirche, zeigte er sich unerschütterlich. So erhielten die Anführer des Heeres Zeit, sich noch dazwischenzuwerfen. Fairfax (s. d.) erschien im November zu London mit einem Teile des siegreichen Heeres, trieb die Presbyterianer mit Gewalt aus dem Parlament und bemächtigte sich des Königs. Cromwell, die Seele des Ganzen, betrieb nun bei dem Parlament die Einleitung eines richterlichen Verfahrens. Die Gemeinen brachten 2. Jan. 1649 eine Anklage. welche den König des Staatsverrats beschuldigte, vor das Oberhaus und setzten, da die wenigen Lords die Teilnahme an einem solchen Prozeß verweigerten, einen Gerichtshof von 133 Personen aus der Armee, dem Unterhause und den Bürgern von London ein, bei dem aber nur etwa 70 erschienen. Cromwell, Ireton, Harrison und die übrigen Offiziere übernahmen dabei die Hauptrollen. Das Gericht wurde 20. Jan. in Westminster-Hall eröffnet und K. 27. Jan. als Tyrann, Mörder und öffentlicher Feind der Nation zum Tode verurteilt. Am 30. Jan. 1649 wurde Karl vor dem Palast Whitehall zu London öffentlich enthauptet. Die Schriften K.s gab Browne (Haag 1651) heraus. Vgl. Brodie, History of the Britisbh empire from the accession of Charles I. to the restorationo (4 Bde., Edinb. 1827); die Werke über die engl. Revolution von Dahlmann (Lpz. 1844: 6. Aufl. 1853) und Guizot (4. Aufl., 2 Bde., Par. 1850; deutsch, 2 Bde., Jena 1849); Stern in Onckens 4Weltgeschichte in Einzeldarstellungen⸗ (Berl. 1881); vor allen Ranke, 4Engl. Geschichte⸗ (Bd. 2 und 3), und Gardiner, &A history of England under the Duke of Buckingham and Charles I. 1624—28 (2 Bde., Lond. 1875); derselbe, The personal government of Charles I. 1628 — 375 (2 Bde., Lond. 1877), und The fall of the monarchy of Charles I. 1637—47 (2 Bde., Lond. 1882).