FeedKarl der Kühne
GeschichteBrockhaus 1882

Karl der Kühne, Herzog von Burgund, 1467 —77, der Sohn Philipps des Guten aus dem Hause Valois und der Isabella von Portugal, geb. 10.Nov. 1433 zu Dijon, führte anfangs den Namen eines Grafen von Charolais. Ludwig XI. (s. d.). von Frankreich, der auf die Unterdrückung des mächtigen Hauses Burgund (s. d.) ausging, zwang gleich nach seiner Thronbesteigung den alten Herzog Philipp zur Auslieferung der Städte an der Somme, die im Frieden von Arras abgetreten worden waren. Unwillig darüber, stiftete K. mit dem Herzog Franz II. von Bretagne, den franz. Prinzen und vielen Großen einen Bund (Ligue du bien public), der die Feudalrechte gegen die Krone aufrecht erhalten sollte. Er drang zugleich mit seinen Streitkräften in die Picardie und Isle-de-France ein, bedrohte Paris und schlug den König 16. Juli 1465 bei Montlheéry. Das Heer der Verbündeten vereinigte sich nun zu 100000 Mann, und Ludwig sah sich 4. Okt. zum Frieden von Conflans und St.⸗Maur genötigt, durch welchen K. die Städte an der Somme und auch die Grafschaften Boulogne, Guines und Ponthieu für sich erhielt. Im J. 1467 folgte er seinem Vater in den burgund. Gesamtstaaten. Reicher und mächtiger als irgend ein damaliger Fürst, trug er sich mit dem Plane, das alte Königreich Burgund Lehaleren Während er sich aufs neue gegen den ehnsherrn rüstete, lud ihn Ludwig XI. im Okt. 1468 zu einer Ausgleichung nach Péronne. Der Herzog zögerte, und der König ließ aus Rache durch seine Agenten die Lütticher zur Empörung aufreizen. Indessen besann sich K. und erschien. Als er aber während der Verhandlungen den Aufstand der Lütticher erfuhr, nahm er sogleich den König gefangen. Vertragsmäßig mußte Ludwig dem Zuge gegen die Lütticher beiwohnen und die Grausamkeiten, welche sein Vasall an der Stadt verübte, sogar öffentlich beloben. Nachdem der König die Freiheit erlangt, lud er auf Betrieb des Connétable Grafen von Saint-Pol den Herzog vor das Parlament von Paris und ließ denselben, da er natürlich nicht erschien, 3. Dez. 1470 von den Ständen zu Amboise als Majestätsverbrecher ächten. Zugleich fiel Ludwig in die burgund. Staaten ein, und K., der darauf nicht vorbereitet war, mußte 1471 um einen Stillstand bitten. Die Rache war jedoch nur aufgeschoben. Um diese Zeit starb der Herzog von Guyenne, des Königs Bruder, aber des Herzogs Freund und Bundesgenosse, an Gift, das ihm der König durch einen Benediktiner hatte reichen lassen. K., über dieses Verbrechen entrüstet, griffim Juni 1472 wohlgerüstet zu den Waffen, verwüstete die Picardie, erstürmte Nesle, dessen Bevölkerung er niedermachte, nahm Roye, belagerte Beauvais und kehrte, nachdem er zuvor die Normandie ebenfalls verheert, im Herbst nach Flandern zurück. Ludwig vergalt diese Zerstörungen in den burgund. Ländern mit gleichem Maße und brachte den Herzog noch im Dezember zum Waffenstillstand. Beide suchten sich nun durch Bundesgenossen zu verstärken. Der König gewann die (bedrohten Schweizer und Lothringer; K. hatte schon 1473 zu Trier eine Zusammenkunft mit dem Kaiser Friedrich III. gehabt, den er durch seine Pracht verdunkelte, und schloß im Juli 1474 mit Eduard IV. pvon England einen Bund zur Eroberung Frankreichs. Doch war es dem Herzoge mit diesem Vertrage nicht Ernst, vielmehr wollte er Eduard zu einer Diversion benutzen. Ungeachtet seiner weitern Entwürfe mischte sich der Herzog auch in die Kölner Händel, weil er als Schußherr des Stifts gelten wollte. Er zog dem abgesetzten Kurfürsten Ruprecht mit einem starken Korps zu Hilfe und belagerte elf Monate das vom Landgrafen Hermann von Hessen tapfer verteidigte Neuß, bis der Kaiser mit dem Reichsheere herbeikam. Unterdessen war auch Eduard IV. mit einer Streitmacht zu Calais gelandet und drang auf die Picardie los. Den Engländern mißtrauend, vorderhand erschöpft und auf Rache gegen die Lothringer und Schweizer sinnend, die während des kölner Zugs seine Staaten verwüstet, mochte der Herzog seinem Bundesgenossen keine Hilfe zuführen. Der König von England ließ sich darum von Ludwig XI. 29. Aug. 1475 zu Amiens einen Waffenstillstand (Trève marchande) abkaufen, in welchem die Herzöge von Burgund und Bretagne eingeschlossen waren. m so mehr kam es für K. nun auf den Kaiser an: er verlobte seine Erbtochter Maria 1475 mit dessen Sohn Maximilian und bot dann alle Streitkräfte auf, um seine Eroberungspläne auszuführen. Er überfiel im Sept. 1475 mit 40000 Mann Lothringen und eroberte das Land innerhalb eines Monats. Zu Anfang des folgenden Jahres drang er durch die Zuranase in die Schweiz, eroberte Grandson mit Sturm und ließ die Besatzung 1 herauf und ertränken. Die Eidgenossen erschienen hierauf in der Stärke von 18 000 Mann. Sie schlugen den Herzog 3. März bei Grandson und nahmen ihm sein Gepäck und seine für damalige Zeit unermeßlichen Schätze ab. K. erschien nach drei Monaten mit einem neuen Heere von 60000 Mann und unternahm die Belagerung von Murten. Vor dieser Stadt wurde er aber 22. Juni 1476 in einer furchtbaren Schlacht von den Schweizern völlig vernichtet; 20000 Burgunder kamen im Murtenersee oder auf dem Schlachtselde um. Dieses Unglück beugte den Herzog an Geist und Körper; in tiefe Schwermut Dorsunten. blieb er längere Zeit völlig unthätig. Erst auf die Nachricht, daß der junge Herzog René von Lothringen sein Land wiedererobert, drang er im Okt. 1476 mit einem schwachen Korps in Lothringen ein und belagerte Nancy, wurde aber hier 5. Jan. 1477 geschlagen und auf der Flucht getötet. Er wurde zu Nancy beigesetzt, und 1550 ließ sein Urenkel, Karl V., die Gebeine nach Brügge bringen. Vgl. Barante, Uistoire des dues de Bourgogne de la maison de Valoiso (13 Bde., Par. 1824) Huguenin, «Histoire de la guerre de Lorraine (Metz 1837), Rodt, «Die Feldzüge K.s des Kühnen) nißt, sind unter C aufzusuchen. Karl III. der Große (Herzog von Lothringe (2 Bde., Schaffh. 1844—45); Foster Kirk, History ot Charles the Bolde (2 Bde., Lond. 1863); Hoch, „Murten und K. der Kühnes (deutsch von Born, Bas. 1876).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 128Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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