Karl VI., der Wahnsinnige, König von Frankreich, 1380—1422, Sohn des vorigen, wurde 3. a 1368 zu Paris geboren. Seine Oheime, von väterlicher Seite die Herzöge Ludwig von Anjou, Johann von Berri und Philipp der Kühne von Burgund, von mütterlicher der Herzog von Bourbon, gerieten bei dem Tode Karls V. sogleich in Streit über die Regentschaft. Man ließ den zwölfjährigen König schon im Nov. 1380 krönen und gedachte die Regierung unter dessen Namen gemeinsam zu führen. Allein der Herzog von Anjou, der in der Zwischenzeit die Regentschaft geführt, behielt die Gewalt. Er hatte sich außerdem nicht nur des Schatzes und der königl. Verlassenschaft bemächtigt, sondern bereicherte sich auch durch Erpressungen und die Aufrechthaltung der drückenden Lasten, unter welchen das Reich schmachtete. Zu Paris, Rouen und Compiegne brachen darum 1382 furchtbare Aufstände aus, in welchen das mit Hämmern bewaffnete Volk eteeng die Steuerbeamten erschlug. Nach Herstellung der Ruhe ⁰ der junge König an der Spitze des franz. Adels nach Flandern, dessen Bevölkerung das Joch des Grafen Ludwig, Schwiegersohns des Herzogs von Burgund, abgeschüttelt und den Genter Philipp van Artevelde zum Oberhaupt gewählt hatte. Der entscheidende Sieg 27. Nov. 1382 über die Flandrer bei Rosebeke gab dem Hofe Mut, die demokratischen Bewegungen in Frankreich durch Entwaffnung und Hinrichtungen vollends zu erdrücken. Während der Herzog von Anjou mit 60000 Franzosen und seinen Schätzen nach Neapel zog, wo ihn die Königin Jo: hanna zu ihrem Nachfolger erklärt hatte, riß der Herzog von Burgund zu Paris die Regierungsgewalt an sich und begann einen fruchtlosen Land- und Seekrieg gegen England. Der König vermählte sich 1385 mit Isabella, der Tochter des Herzogs Stephan III. von Bayern, und wagte 1388 auf einer Versammlung der Großen zu Rheims seinen Regierungsantritt zu erklären. Sein Bruder, der Herzog Ludwig von Orléans, und der Connetable Clisson gelangten damit ans Ruder, vertrieben die burgund. Partei und umgaben den jungen König mit einer Menge Kreaturen (Marmouseéts). Auf einem Zuge gegen einen bretagn. Edelmann, Craon, brach indessen 5. Aug. 1392 bei dem König der Wahnsinn aus. In der Meinung, man wolle ihn ermorden, fiel er über seine Begleiter her und tötete vier Pagen, sodaß man ihn gebunden nach Mans schaffen mußte. Die Anfälle wiederholten sich und endeten später mit gänzlichem Irrsinn. In diesen Verhältnissen wußte sich der Herzog Philipp von Burgund, unter dem heftigen Widerstande des Herzogs von Orléans, der Gewalt zu bemächtigen. Er schloß im März 1396 mit England einen Waffenstillstand auf 28 Jahre, starb aber schon 1404, und sein Sohn, Johann der Unerschrockene, bemächtigte sich sogleich zu Paris der Regierung. Schon griffen die Parteien zu den Waffen, als Johann den Herzog von Orléans 23. Nov. 1407 auf offener Straße ermorden ließ. Johann entfernte sich zwar, kehrte aber 1408 nach Paris zurück, bewaffnete das Volk und begann gegen den nach Tours geflohenen Hof Feindseligkeiten, die erst mit dem Vertrage zu Chartres (paix fourrée) im März 1409 endeten. Um dem Regiment Johanns entgegenzutreten, verbanden sich 1410 die Söhne K.s mit dem jungen Herzog von Orléans. Letzterer rief seinen Schwiegervater, den Grafen von Armagnac, herbei, der mit wilden Scharen aus den Pyrenäen herabkam und schreckliche Verwüstungen anrichtete. Der Herzog von Burgund hingegen verstärkte seine Macht durch eine aus Parisern, meist Fleischerknechten, gebildete Miliz (Cabochiens). Da die Partei Orléans die Engländer um Hilfe anrief, so erschien der erbitterte König ebenfalls mit einem Heere und zwang die Parteien 1412 zum Frieden. Als jedoch der Herzog von Burgund im nächsten Jahre wieder zu den Waffen griff, erklärte ihn der König für einen Landesverräter und nötigte ihn 16. Okt. 1414 zum Frieden von Arras. Unterdes war auch Heinrich V. von England in Frankreich gelandet. Man stellte demselben ein starkes Heer entgegen, das aber 25. Okt. 1415 bei Azincourt geschlagen wurde. Der Kern des franz. Adels blieb oder geriet in Gefangenschaft; auch der Herzog von Orléans hatte letzteres Schicksal. Doch konnten die Engländer den Sieg nicht verfolgen. Um sich gegen den Burgunder sicherzustellen, rief der Hof den Grafen Armagnac nach Paris und ernannte denselben zum Connétable. In dieser Lage starb 18. Dez. 1415 der Dauphin Ludwig; an seine Stelle trat sein Bruder Johann, nach dessen Tode, 6. April 1416, K.s dritter Sohn, der spätere Karl VII., Dauphin wurde. Der 14jährige Prinz überließ sich ganz den Armagnaes, sodaß sich nun der Herzog von Burgund mit den Engländern zur Eroberung und Teilung Frankreichs verband. Die Königin Isabeau, die sich durch den Connétable von der Regierung ausgeschlossen sah und Umtriebe anzettelte, wurde endlich, indem man ihren leichtsinnigen Lebenswandel zum Vorwande nahm, vom Dauphin und dem König nach Tours in Leiapnit Gefangenschaft geschickt. Hier trat sie sogleich mit den Burgundern in Verbindung. Der Herzog von Burgund wiegelte in ihrem Interesse die Städte in Champagne, Picardie und Isle-⸗de-France auf, befreite sie und führte sie nach Troyes, wo sie eine Regierung ernannte und sich als Regentin proklamierte. Während der König von England das nördl. Frankreich unterwarf, bemächtigte sich der Herzog von Burgund 28. Mai 1418 durch List der Stadt Paris. Der König fiel dabei in seine Gewalt, der Dauphin rettete sich nach Melun. Die Hauptstadt wurde nun der Schauplatz unglaublicher Pöbel-⸗ und Parteiwut. Gegen 2000 Armagnacs, darunter der Conneétable, fielen durch Mord. Bei dem Andringen der Engländer hätte der Herzog von Burgund gern umgelenkt. Er trat mit dem Dauphin in Verbindung, söhnte sich mit demselben im Juli 1419 zu Melun aus, wurde aber bei einer zweiten Zusammenkunft 10. Sept. 1419 auf der Brücke bei Montereau, vielleicht nicht ohne Anstiften des Dauphin, in dessen Gegenwart ermordet. Der Herzog Philipp der Gütige von Burgund erhob sich nun, seinen Vater zu rächen. Er schloß sich sogleich den Engländern an und brachte 21. Mai 1420 den berühmten Vertrag zwischen Heinrich V. und dem unzurechnungsfähigen König zu Troyes zu Stande. Hiernach sollten die Kronen von Frankreich und England, unbeschadet der Sonderrechte beider Völker, auf einem Haupte vereinigt werden. Heinrich übernahm . die Regentschaft, erhielt das Recht, nach K.s VI. Tode den franz. Thron zu besteigen, und heiratete K.s Tochter, Katharina, deren Kinder in die.Erbfolge eintreten sollten. Die Stände mußten 10. Dez. diesen schmählichen Vertrag, zu dem besonders die Königin aus Haß gegen ihren Sohn beigetragen, bestätigen. Der Dauphin Karl aber, den man als den Mörder Johanns von Burgund aächtete, gab sein Recht nicht auf. Er berief das Parlament und die Universität nach Poitiers, errichtete unter dem Titel des Regenten einen Hof und eine Regierung und begann, von zahlreichen Anhängern, den südl. Provinzen und 3000 Schotten unterstützt, einen Kampf, bei welchem er eine offene Schlacht vermied. Sieben Wochen nach Heinrichs V. Tode starb 21. Okt. 1422 der wahnsinnige König. Litteratur. Monstrelet, «Chroniques de I'histoire de France, 1400 — 67 (3 Bde., 1572); Laboureur, Ilistoire de Charles VIY (2 Bde., 1663); Duval-Pineu, Histoire de France sous le règne de Charles VI˖ (2 Bde., Par. 1842); Douet d'Areg, (Choix de pièces inédites relatives au règne de Charles VIo (Par. 1863 fg.); Du Fresne de Beaucourt, Histoire de Charles VII, Tome I. Le dauphin 1403—227 (Par. 1881).