Kartoffel (Solanum tuberosum L.), auch Erdbirne, Grundbirne, Grübling, Erdtoffel oder Erdapfel genannt, eine Knollenpflanze aus der Familie der Solangceen, ist eine der wichtigsten Kulturpflanzen gemäßigter Himmelsstriche und wird in diesen allenthalben in großer Ausdehnung angebaut. Sie stammt aus den gemäßigten Gegenden des westl. Südamerika, hauptsächlich aus Chile und Peru, und wurde daselbst seit ältester Zeit von den Eingeborenen als Nahrungsmittel verwendet. Die in Südamerika noch jetzt an steilen, felsigen, meist in der Nähe der Seeküste gelegenen Hängen wild wachsende Kartoffelpflanze bringt nur kleine, unschmackhafte, wässerige Knollen hervor und hat immer weiße und zwar, im Gagenrat zu der kultivierten, wohlriechende Blumen. Nach Europa gelangte sie zuerst nach der Eroberung Perus durch die Spanier und ward von diesen schon in der Mitte des 16. Jahrh. in den Niederlanden, Burgund und Italien verbreitet. Im J. 1584 führte Sir W. Raleigh, 1586 der Sklavenhändler John Hawkins (nach andern dessen Verwandter Sir Francis Drake) die K. in Irland ein. In Deutschland taucht sie zum ersten mal als Seltenheit schon unter der Regierung Karls V. auf. Als Walter Raleigh sie 1623 aus Virginien zum dritten mal mit größerm Erfolg als seine Vorgänger nach England brachte, waren die K. schon in Italien und Spanien wohlbekannt und wurden daselbst Tartufoli oder Erdtrüffeln genannt. Nach A. von Humboldt wird die K. im großen angebaut seit 1684 in Lancashire, seit 1717 in Sachsen, seit 1728 in Schottland, seit 1738 in Preußen, seit 1783, hauptsächlich durch Parmentiers Bemühungen, in Frankreich. In Deutschland, wo sich besonders die preuß. Könige Friedrich Wilhelm J. und Friedrich d. Gr. für deren Kultur interessierten, kam die K. erst seit den letzten hundert Jahren zu allgemeinen Ehren, und es ist bekannt, daß die Regierungen ihren Anbau teilweise sogar durch Zwangsmaßregeln einzuführen suchten. Die K. ist sowohl direkt als Nahrungsmittel für Menschen und Tiere wie als technische Pflanze hochwichtig. Das Mehl ihrer Knollen wird häufig mit Getreidemiehl vermischt zu Brot benutzt; ihr Stärkemehl ist fast ebenso gut wie dasjenige der Getreidearten; sie wird in Dextrin, in Sirup, Zucker und Spiritus verwandelt; hauptsächlich aber ist sie das verbreitetste Nahrungsmittel, in vielen Ländern sogar das einzige der Bevölkerung. Endlich wird sie entweder roh oder gekocht zur Fütterung und Mästung des Viehs verwendet. Die Einführung des Kartoffelbaues in den Landwirtschaftsbetrieb ist daher eins der wichtigsten Ereignisse 1 der Geschihte Volkswirtschaft gewesen. Die K. erweist sich nicht so nahrhaft als das Getreide, weil ihr Stärkemehl mit einer nur geringen Menge Protein verbunden ist. Daher kann auch die K. allein keineswegs zur Ernährung hinreichen; mindestens muß ihr Genuß mit demjenigen stick-Gehalt der Nahrungsmittel verbunden sein. Der Gehalt der K. an Trockensubstanz wechselt zwischen 18 und 32 Proz. und beträgt im Mittel 25 Proz. Die feste Substanz besteht aus 9—25 Proz. Stärkemehl (im Mittel 18 Proz.), aus 0,3—2,7, im Mittel 1/1 Proz. Holzfaser, aus 0,6 — 4,4, im Mittel 2,0 Proz. Proteinstoffen, endlich aus 0,3—3, im Mittel 1,0 Proz. Gummi und Salzen. Von leiner Nutz-N. e existieren so viele Abarten wie von der K.; bei der internationalen Kartoffelausstellung zu Altenburg 1875 waren deren 2644 vertreten. Sie lassen sich in folgende drei Klassen stellen: 1) runde oder Laärchenkartoffeln; 2) srite oder Hornkartoffeln; 3) lange oder Nierenkartoffeln. Außerdem unterscheidet man nach der Farbe der Schale weiße, gelbe, rote und blaue; nach der Reife frühe und späte K. Die K. liebt einen tiefgründigen, lockern, etwas sandigen Boden und verträgt frische Stallmistdüngung. Der Anbau geschieht als Hackfrucht, meistens in Reihen. Sie wird in Knollen oder deren Stücken mit dem Spaten, der Hacke oder hinter dem Pfluge gelegt. behadt der Vegetation wird sie ein⸗ bis zweimal behackt und dann mit dem Doppelstreichbretpfluge angehäufelt. Die Haupternte erfolgt im September und Oktober, die frühesten Sorten (D Ausnehmen werden schon Mitte Juli reif. Das Ausnehmen geschieht mit Hacke und Forke, oder mit dem Pfluge. Der Ertrag wechselt zwischen 6000 und 24000 kg pro Hektar und beläuft sich im Mittel auf 15000 kg (200 hl à 75 kg). Die Aufbewahrung der Knollen geschieht in Erdgruben, Mieten und Kellern. Abgesehen von verschiedenen Krankheiten (s. Kartoffelkrankheit) schaden der K. namentlich: Engerling, Drahtwurm, Nonne, Saateule, Totenkopf, Tausendfuß, dann in neuerer Zeit in Amerika der Coloradokäfer (s. d.), dessen Verschleppung nach Europa bis jetzt mit Erfolg verhindert worden ist. Unter der zahlreichen Litteratur ist hervorzuheben: Gülich, «Der Kartoffelbaur (3. Aufl., Altona 1869); Busch, »Der Kartoffelbauv (Danzig 1874); Werner, Der Kartoffelbau nach seinem jetzigen rationellen Standpunkter (Berl. 1876); „Die K. und ihre Kultur. Amtlicher Bericht über die Kartoffelausstellung zu Altenburg 1875 (Berl. 1876); Giersberg, Der rationelle Kartoffelbauv 63 1879).