Katharina II., Kaiserin von Rußland, 1762 —96, geb. 2. Mai 1729 zu Stettin, wo ihr Vater, Christian August, Fürst von Anhalt-Zerbst, damals als preuß. Generalmajor Gouverneur war. Von der Kaiserin Elisabeth auf Friedrichs II. Vorschlag zur Gemahlin ihres Neffen Peter, den sie zu ihrem Nachfolger eingesetzt hatte, erwählt, wurde, nachdem sie zur griech. Kirche übergetreten, wobei sie die Namen Sophie Auguste mit Katharina Alexiewna vertauschte, 1. Sept. 1745 die Vermählung vollzogen. Unter den Freunden ihres Gemahls zog Sergéi Soltikow die Aufmerksamkeit der Großfürstin auf sich, und bald entstand zwischen beiden ein vertrautes Verhältnis (1754). Später gewann Stanislaus August Poniatowfki ihre Zuneigung. Seit der Thronbesteigung Peters III., 5. Jan. 1762, mehrte sich die Spannung zwischen beiden Gatten. Peter lebte mit einem Hoffräulein, Elisabeth Woronzow, so vertraut, daß seine Gemahlin befürchtete, er möchte sie verstoßen und seine Geliebte heiraten. Dabei machte sich Peter durch seine Vorliebe für die preuß. Kriegszucht, durch arge Charakterfehler und seine Politik auch seinen Unterthanen mit jedem Tage verhaßter. So kam durch den Hetman Graf Rasumowskij, den Grafen Nikita Panin, die unternehmende Fürstin Daschkow und einen jungen Gardeoffizier Gregor Orlow, der nach Poniatowskis Abgange K.s Zuneigung fesselte, und dessen Bruder Alexei Orlow eine Verschwörung gegen den Kaiser zu Stande. Durch die Orlows wurde die Garde bewogen, ihr als Monarchin zu huldigen, und der nachmalige Senator Teplow vermocht, in der kasanschen Kirche ein Manifest abzulesen, das die Erhebung K.s auf den Thron verkündigte. Peter III., dessen man sich versichert, wurde nach einigen Tagen (17. Juli) im kaiserl. Landhause Ropecha, wo unter andern Teplow und Alexei Orlow ihn besuchten, erdrosselt. Die jetzt allein herrschende, hochbegabte Kaiserin K. wußte bald die Gunst des Volks zu gewinnen. Sie bewies für die Religion große Achtung, ließ sich mit Pracht in Moskau krönen, beschäftigte sich sehr augenfällig mit den Mitteln, Gewerbfleiß und Ackerbau zu befördern, und war für die innere Verwaltung wie für die auswärtigen Verhältnisse Rußlands außerordentlich thätig. Ein Jahr nach ihrer Thronbesteigung zwang sie die Kurländer, den neuen Herzog, Karl von Sachsen, abzusetzen und den dem Adel verhaßten Biron zurückzurufen. Nach dem Tode des Kurfürsten August III. von Sachsen, Königs von Polen, brachte sie es dahin, daß Stanislaus Poniatowski zu Warschau gekrönt wurde. In ihrem eigenen Reiche nahm aber inzwischen die Zahl der Mißvergnügten bedeutend zu, und in Moskau und Petersburg wurden mehrere Anschläge gegen sie angezettelt. Der junge Iwan (s. d.) belebte die Hoffnungen der Verschworenen, und nur seine Ermordung in der Festung Schlüsselburg (16. Juli 1764) konnte die Pläne der Unzufriedenen vernichten. Um eine Verbesserung der Gesetzgebung herbeizuführen, wurden 1767 Abgeordnete aus allen Provinzen nach Moskau berufen. Doch das mit vielem Aufsehen begonnene Unternehmen endigte ohne Ergebnis. Nachdem die Versammlung ihr den Namen einer Mutter des Vaterlandes beigelegt, wurde sie im Febr. 1768 nach Petersburg verlegt, im Dezember desselben Jahres entlassen und nie wieder berufen. Rascher durchgreifend war die Thätigkeit der Kaiserin 9991 außen. (S. Rußland.) Die erste Teilung Polens 1772 und der mit dem Frieden von Kutschuk-Kainardsche 1774 endende Türkenkrieg vergrößerten Rußlands Macht, während im Innern fast um dieselbe Zeit durch die Unterdrückung des gefährlichen Aufstandes Pugatschews (s. d.) das Ansehen der Kaiserin aufs neue befestigt wurde; ihre Absicht, Griechenland zu befreien, erreichte die Kaiserin indessen nicht, obgleich die sich auf ihren Wink erhoben und Graf Alexei Orlow die türk. Flotte bei Tschesme vernichtete. Einen nur allzu unbeschränkten Einfluß auf K. übte seitdem der übermütige Potemkin aus. Als die Kaiserin, nachdem sie die wieder beruhigten Provinzen bereist hatte, 1787 auch Taurien kennen zu lernen wünschte, machte Potemkin aus dieser Reise einen vollständigen Triumphzug. Auf einem Wege von beinahe 5000 km sah man nichts als Feste, theatralische Ausschmückungen und Blendwerk. Paläste erhoben sich mitten auf wüsten Feldern, um einen Tag bewohnt zu werden; Dörfer und Städte waren in den Wüsten angelegt, wo kurz vorher die Tataren ihre Herden weideten; allenthalben erschien eine mit Gewalt zusammengetriebene Bevölkerung als ein künstliches Bild des Glücks und Wohlbefindens. Auf dieser Reise verabredete K. einen für Rußland vorteilhaften Bund mit Kaiser Joseph II., welcher sie besuchte. Die Folge davon war ein neuer Türkenkrieg, der 1792 im Frieden von Jassy nicht minder Vorteile brachte als der erste. Ebenso vermehrten der 1790 beendigte Krieg mit Schweden, die beiden letzten Teilungen Polens und die Einverleibung Kurlands (26. April 1795) Rußlands Macht. An dem Kriege gegen Frankreich nahm die Kaiserin keinen Teil, obgleich sie alle Verbindungen mit der Französischen Republik abbrach, die Emigranten thätig unterstützte und mit England ein Bündnis gegen Frankreich schloß. Nachdem sie eben einen neuen Krieg gegen Persien unternommen, den ihr Nachfolger nicht fortsetzte, endigte ein Schlagfluß 17. Nov. 1796 ihr Leben. mißt, sind unter C aufzusuchen. Bei allen Schwächen ihres Geschlechts ist K. doch die Thatkraft einer großen Regentin nicht abzusprechen. Sie beförderte die Wissenschaften, begünstigte den Handel, verbesserte die Gesetzgebung, legte Städte, Kanäle, Hospitäler und Erziehungsanstalten an und bemühte sich, den Mißbräuchen in der Staatsverwaltung, Rechtspflege, sowie in der Erhebung der Abgaben ein Ende zu machen. Aber zwei Leidenschaften beherrschten sie bis ans Grab,, die Wollust und die Ruhmsucht. Die Stellung ihres jedesmaligen Liebhabers, der im Palast wohnte, einer bestimmten Geschäftsordnung in seinem Günstlingsberuf unterworfen war, bestimmte Vorrechte genoß, außerordentlich befördert wurde und große Geschenke erhielt, glich Aerichenndeieinem Staatsamte. Ihre schriftstellerischen Leistungen waren mannigfach und großenteils von hohem Wert. Unter ihren Arbeiten sinden sich acht aus dem Russischen übersetzte Lustspiele, ferner: „Aufsätze betreffend die russ. Geschichten (7 Tle., Berl. 1786—88). Großes Aufsehen erregten die „Mémoires écrits par elle-méme et précédés d'une préface par A. Herzeno (Lond. 1859). Ausgezeichneten Schriftstellern pflegte sie mit wohlberechneter Eitelkeit zu schmeicheln. Sie hatte in Frankreich an Grimm einen litterarischen Agenten, lud Voltaire mehreremal zu sich ein, schlug d'Alembert vor, seine Encyklopädie in Petersburg zu beendigen und die Erziehung des Großfürsten zu übernehmen, und vermochte Diderot, sie zu besuchen. Abgesehen von unzähligen andern, von ihr ausgegangenen amtlichen Schriftstücken füllen allein die bisher edierten Briefe der Kaiserin K. eine große Anzahl von Bänden. Unter ihren Korrespondenten nehmen Friedrich II., Joseph II., Voltaire, Grimm, Zimmermann, Falconet, die Damen Geoffrin und Bjelke die erste Stelle ein. Ein Denkmal K.s (von M. Mikeschin) wurde 6. Aug. 1873 in Petersburg enthüllt. Vgl. Castéra, Histoire de Catharine II (3 Bde., Par. 1800); Brückner, „Katharina II.» (Berl. 1883).