FeedKenotiker
ReligionBrockhaus 1882

Kenotiker und Kryptiker hießen zwei Parteien in der luth. Kirche zu Anfang des 17. Jahrh. Die einen (Kenotiker), vertreten durch die gießener Theologen, lehrten, daß der Gottmensch im Akte der Inkarnation sich nach seiner menschlichen Natur der dieser zu eigen gewordenen I Eigenschaften, Allmacht, Allwissenheit u. s. w., für die Dauer seines Erdenlebens völlig entäußert habe, während die andern (Kryptiker), vertreten durch die tübinger Theologen, behaupteten, daß er die göttlichen Eigenschaften auch während seines Erdenlebens besessen und nur heimlich gehalten habe. Neuerdings bezeichnet man als Kenotiker diejenigen orthodoxen Theologen, welche die Menschwerdung des Sohnes Gottes als eine Selbstverendlichung seiner Gottbeit, oder als Verwandlung seiner wesentlich göttlichen in eine wesentlich menschliche Daseinsform fassen. Diese schon von der Konkordienformel mit ihren ärgsten Flüchen belegte Ansicht ist heute sowohl bei luth. Theologen wie Liebner, Geß, Hofmann, Thomasius, Kahnis, Luthardt, als bei reformierten, wie P. Lange, Ebrard u. a. verbreitet.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 233Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 6

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Religion 6