FeedKinematik
TechnikBrockhaus 1882

Kinematik (vom grch. k1LVYPE, d. i. die Bewegung), durch Ampere so bezeichnet, heißt Bewegungslehre und behandelt als übergangswissenschaft von der Geometrie zur Mechanik diejenigen Fragen in Bezug auf die Bewegung eines Punktes, Körpers oder Körpersystems, zu deren Lösung es nicht notwendig ist, den Stoff der Körper, ihre Trägheit und die zwischen den Teilen der Materie wirkenden Kräfte in Betracht zu ziehen. Der K. steht die Kinetik oder Kinetrik (von urpov, d. i. Hilfsmittel zur Bewegung) als die Lehre von der Erzeugung der Bewegung durch Kräfte gegen-Über. Entsprechend den Arbeiten der verschiedenen Schriftsteller, wie Carnot, Monge, Betaucourt, Laboulaye, muß man eine reine und eine angewandte K. unterscheiden. Die reine Kinematik, auch Phoronomie genannt, beschreibt und klassifiziert die Gesetzmäßigkeit der Fortbewegung der Körper, indem sie die bezüglichen allgemeinen Lehrsätze aufstellt. (Von Interesse ist, daß schon Kant eine beachtenswerte Arbeit über Phoronomie geliefert hat.) Die angewandte K. stützt sich auf die in der erstern durch geometr. und mathem. Betrachtung erhaltenen Lehrsätze und Regeln. In Deutschland versteht man nach dem Vordnge Reuleaux' unter K. fast immer die Anwenung der Sätze der allgemeinen Bewegungslehre auf die Bewegung der Körper, welche die Apparate und Maschinen bilden. Nach den neuesten Erscheinungen der Litteratur auf dem betreffenden Gebiet scheint sich jedoch diese Auffassung auf Deutschland zu beschränken. Reuleaux hat sich die Aufgabe gestellt, eine systematische Kinematik zu schaffen, die die Gesichtspunkte, unter welchen die mannigfachen Maschinen und Apparate zu betrachten sind, auf eine allgemeine Basis zurückführt. Von der allgemeinen Auffassung ausgehend, daß die Maschine sich als ein Körpersystem charakterisiert, bei welchem jeder Körper durch beständige Berührung mit einem oder mehrern andern in seiner Beweglichkeit beschränkt wird, zerlegt man die Maschine in Elemente, d. h. solche Körper, die sich in ihrer Beweglichkeit gegenseitig hindern. Die Elemente der Maschine werden als vollständig widerstandsfähig vorausgesetzt, und da auch keine Rücksicht auf ihre Masse genommen wird, so sind nur die geometr. Eigenschaften derselben von Bedeutung. Bei der Verfolgung des angedeuteten Ideenganges ergibt sich, daß die Maschine aus paarweise zusammengehörigen Körpern, Elementenpaaren, besteht. Der Zapfen und das Lager, die Schraube und die Schraubenmutter sind solche Elementenpaare. (S. Bewegungsmechanismen.) Mit Elementenpaaren, z. B. mit Schraube und Mutter, kann man relative Bewegungen des einen Elements gegen das andere bewirken und so ihre Eigenschaften ausnutzen; durch Kombination mehrerer Elementenpaare können die verschiedenartigsten Bewegungen, wie sie für gewisse Zwecke erforderlich sind, erzielt werden. Die Verbindung mehrerer Elementenpaare heißt eine kinematische Kette; der Körper, welcher aus der Verbindung zweier Elemente verschiedener Paare entstanden ist, heißt Glied der Kette. So bildet ein cylindrischer Zapfen mit der ihn umschließenden Hülse ein Glied. Wird ein Glied der kinematischen Kette festgehalten, so wird die Kette zum Mechanismus oder Getriebe, weil jetzt eine bestimmte, absolute Bewegung der Kette möglich ist. Der Mechanismus wird zur Maschine, wenn auf eins seiner beweglichen Glieder eine mechan. Kraft einwirkt, welche die Lage desselben zu ändern im Stande ist. Die Aufgabe der Getriebelehre ist daher zugleich eine analytische und eine synthetische. Die K. zieht indes nicht nur die eigentlich starren Körper in ihren Bereich, sondern auch die im Maschinenbau so wichtigen Seile (welche Zugkraftorgane heißen), so- wie die Flüssigkeiten, Gase und Dämpfe (kinematische Druckkraftorgane genannt). Das System Reuleaux' wird noch durch eine kinematische Zeichensprache unterstützt, deren Zweck derselbe ist, wie ihn die Chemie durch ihre nißt, sind unter C anfzusuchen. Formeln verfolgt, nämlich eine allgemeine Ausdrucksweise zu schaffen, die bei Analyse und Synthese als Direktive dient. Vgl. Reuleaux, «Theoretische K.n (Berl. 1875).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 278Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

In anderen Lexika 1

Alle Lexika nebeneinander →

Auf derselben Druckseite 4

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Technik 6