FeedKirchenlied
ReligionBrockhaus 1882

Kirchenlied nennt man das Lied, das zur Erbauung der Gemeinde in der Kirche oder überhaupt bei einer gottesdienstlichen Feier gesungen wird. Das älteste christl. K. ging aus der Nachbildung der alttestamentlichen Psalmen hervor, welche auch selbst vielfach in der christl. Kirche gottesdienstlich gebraucht wurden. Christl. Psalmen begegnen uns schon im Neuen Testament. (Vgl. die Lobgesänge des Zacharias und der Maria, Luk. 1, 46—55; 68—709, und das Danklied Apostelg. 4, 25—30.) Daneben werden Hymnen erwähnt (Kol. 3, 16; Eph. 5, 10), welche in der Form wohl den griech. Hymnen nachgebildet waren. Berühmt geworden ist in der alten Kirche besonders der Hymnus des Clemens von Alexandria auf den Erlöser. Gnostiker, wie Bardesanes und Harmonius, suchten ihre eigentümlichen Lehrmeinungen durch Hymnen zu verbreiten. Um dieselben zu verdrängen, dichtete in der syr. Kirche Ephrem kath. Hymnen. In der griech. Kirche traten (außer dem Häretiker Arius) besonders Gregor von Nazianz, Chrysostomus, Basilius d. Gr. und ebliche W in der lateinischen Ambrosius, der angebliche Verfasser des Te Deum laudamus, Hilarius, Gregor d. Gr., Fortunatus, Prudentius u. a. als geistliche Dichter auf. Die mittelalterliche Frömmigkeit brachte eine große Anzahl geistlicher Lieder in lat. Sprache, zum Teil von ergreifender Schönheit hervor. Unter den Dichtern sind namentlich Peter Damiani, Bernhard von Clairvaur. Thomas von Celano (Dichter des „Dies iraen), Jakobus de Benedictis (Dichter des Stabat matero) u. a. zu nennen. Alle diese Lieder aber blieben dem Volke fremd. Die ältesten geistlichen Gesänge in deutscher Sprache waren Festlieder (Weihnachts⸗, Ostern⸗ und Pfingstgesänge), Wallfahrts⸗ und Begräbnislieder, namentlich Marienlieder, meist übersetzungen aus dem Lateinischen, teilweise der Sprache nach halb deutsch, halb lateinisch. Aber der öffentliche Gottesdienst blieb das ganze Mittelalter hindurch lateinisch. Erst die Reformation ist auch die Mutter des deutschen K. geworden. Die ersten evangelischen K. dichtete Luther selbst, dem wir 37 Gesänge verdanken, und Paul von Spretten (Speratus). Bald folgten andere nach, wie Nikolaus Decius, Johann Graumann (Poliander), Erasmus Alberus, Joh. Matthesius, Markgraf Albrecht von Brandenburg-Kulmbach, Nikolaus Selneccer, Martin Schalling, Phil. Nicolai, Nik. Hermann, Barthol. Ringwaldt, Ludwig Helmbold, Kaspar Bienemann (Melissander) u. a. Die K. der Reformationszeit sind von der frischesten religiösen Begeisterung und ursprünglichen Kraft und Sicherheit der Glaubensgewißheit getragen. Daher die seitdem nie wieder erreichte Kraft und Volkstümlichkeit ihrer Sprache. Schärfer schon tritt das Dogmatische als solches, die creine Lehreß, im Gegensatze zu anderweiten theol. Anschauungen in den Liedern seit Ende des 16. und im 17. Jahrh. hervor. In den Nöten des Dreißigjährigen Kriegs nahm das K. einen neuen Aufschwung. Die formelle Umgestaltung unserer deutschen Poesie, welche durch Martin Opitz angebahnt ißt, sind unter C aufzusuchen. wurde, berührte das geistliche Lied sehr wenig. Man behielt für dieses die ältern volkstümlichen Formen bei und dichtete, wie die fromme Empfindung es eingab, frei von dem lästigen Zwange und der gelehrten Unnatur der durch die erste und zweite Schlesische Dichterschule aufgebrachten Kunstpoesie. Nächst Paul Fleming ist besonders Paul Gerhardt zu nennen, in dessen Liedern die geistliche Dichtung jener Zeit ihren Höhepunkt erreicht. Ihnen zur Seite stehen Joh. Heermann, Simon Dach, Heinrich Albert, Luise Henriette, Kurfürstin von Brandenburg (Gemahlin Friedrich Wilhelms) und Georg Neumark. Außerdem sind zu nennen Joh. Rist, Mart. Rinckart, Andr. Gryphius, Justus Gesenius, David Denike, Mich. Schirmer, Joh. Frank, Christ. Keimann, Tobias Clausnitzer, Amalie Juliane, Gräfin von Schwarzburg-Rudolstadt, Anna Sophie, Landgräfin von Hessen. Seit Ende des 17. und Anfang des 18.Jahrh. nimmteine spielende, süßliche, in subjektiver Empfindung schwelgende Richtung überhand, die oft zur Empfindelei ausartet und welche mit der ganzen Wendung, die das geistige Leben jener Zeit nahm, zusammenhängt und ihren kirchlichen Ausdruck im Pietismus fand. Statt der Glaubensgemeinschaft und der Gewißheit des objektiven Heils spricht sich in den Liedern des Pietismus die persönliche Herzensfrömmigkeit des einzelnen aus, nach der Weise der Zeit nicht ohne Sentimentalität, die bei den Epigonen des Pietismus zu völliger Geschmacklosigkeit entartet. Der frühern bessern Zeit gehören an Val. Ernst Löscher, theol. Gegner des Pietismus, aber von dessen wärmerer Frömmigkeit innerlich berührt; ferner Phil. Jak. Spener, Benj. Schmolke, Erdmann Neumeister, Joh. Kasp. Schad, Joh. Tersteegen. Dagegen gehören Joachim Lange, Joh. Anast. Freylinghausen, K. H. von Bogatzky, Ernst Gottl. Woltersdorf schon der Zeit des Verfalls an. Die Aufklärungsperiode, welche das Hauptgewicht in der Religion auf das Moralische legte, hat für das K. sich nicht sehr fruchtbar erwiesen. Klopstock, 9018 kühne Phantasie oft genug die Schranken des volkstümlichen Liedes überflog, und Gellert hielten im wesentlichen noch am alten Dogma fest. Doch tritt bei letzterm, dessen Lieder eine große Verbreitung fanden, schon eine stark moralisierende und lehrhafte Richtung hervor. Noch bestimmter prägt sich dieselbe in den Liedern von Cramer, J. A. Schlegel und Diterich aus, welche (ebenso wie Klopstock und Herder) namentlich durch Umdichtung, beziehungsweise Modernisierung älterer Lieder bekannt geworden sind. Ein zugleich phantastisches Element tritt neben sehr prosaischen Reflexionen bei Lavater hervor. Die neue religiöse Bewegung, welche seit den Freiheitskriegen durch das deutsche Volk ging, hat auch dem geistlichen Liede einen neuen Aufschwung gegeben. Die Lieder von Novalis und Ernst Moritz Arndt, von denen jene stark den Charakter der Romantik tragen, bilden den übergang zu dem neuern K., als dessen namhafteste Vertreter C. J. Ph. Spitta, A. Knapp und Julius Sturm zu bezeichnen sind. Der Charakter desselben ist das Streben nach einer Vereinigung der dem ältern lutherischen K. eigentümlichen Vorzüge mit der subjektivern Frömmigkeit und den ästhetischen Forderungen der neuern Zeit. Letzterer gehört auch das Streben an, die alten, in der Zeit der Aufklärung mißhandelten K. wieder in ihrer ursprünglichen Gestalt herzustellen. In diesem Sinne wirkten Raumer, Bunsen, Stier, Knapp u. a. nicht ohne Erfolg. Die kirchliche Reaktion hat sich jedoch mit den maßvollen Bemühungen jener Männer nicht begnügt, sondern wollte alles Alte ohne jede Veränderung wiederherstellen. (S. Gesangbücher.). Die reform. Kirche duldete lange Zeit keine andern Lieder in den Kirchen als alttestamentliche Psalmen. Doch hat wenigstens die deutsch-reform. Kirche längst das deutsche K. sich angeeignet, und unter den neuern geistlichen Dichtern gibt es auch Reformierte. Dagegen halten 3. B. die franz. Calvinisten noch heute mit Zähigkeit an ihren Derdrnth und deren eintönigen Melodien fest. In der kath. Kirche sind erst in neuester Zeit vereinzelte Versuche gemacht worden, den deutschen Kirchengesang einzuführen. Doch hat es auch unter ihren Bekennern gemütvolle Dichter geistvoller Lieder gegeben. Unter den neuern ist besonders Diepenbrock zu nennen. Vgl. Hoffmann (von Fallersleben), 4Geschichte des deutschen K. bis auf Luthers Zeito (Berl. 1832; 3.Aufl., Hannov. 1861); Wackernagel, «Das deutsche K. von Martin Luther bis auf Nik. Hermann (Stuttg. 1841); derselbe «Das deutsche K. von der ältesten Zeit bis zu Anfang des 17. Jahrh. »(Lpz. 1862 fg.); Koch, 4Geschichte des K. und Kirchengesangsv (3. Aufl., 7 Bde., Stuttg. 1866 — 72); Fischer, Kirchenliederlexikon (2 Bde., Gotha 1878—79).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 294Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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