FeedKisselew (Paul, Graf)
GeschichteBrockhaus 1882

Kisselew (Paul, Graf), russ. General und Minister, geb. 1788, stammte aus einer alten Bojarenfamilie, trat früh in Militärdienste und wohnte dem Feldzug von 1812 als Adjutant des Fürsten Bagration bei, nach dessen Tode er zum Flügeladjutanten des Kaisers Alexander I. ernannt wurde. nahm an dem Kriege in Deutschland und Frankreich teil, war 1814 Oberst, 1817 Generalmajor, 1819 Chef des Generalstabes der zweiten Armee unter dem Kommando Wittgensteins und leitete die Operationen im türk. Feldzuge von 1828, ward zum Generallieutenant und 1829 zum Befehlshaber des 4. Reserve-Kavalleriekorps befördert, mit welchem er dem Pascha von Philippopel eine Niederlage beibrachte. Nach Beendigung des Kriegs ward er russ. Gouverneur der Moldau und Walachei und stellte dort eine geordnete Verwaltung her. Im J. 1833 erhielt K. auch das Kommando des 6. Infanteriekorps, das dem durch die Heere des Vizekönigs von Agypten bedrohten Sultan zu Hilfe eilen sollte, wurde 1834 General der Infanterie, dann nach Petersburg in den Reichsrat berufen und 1838 zum Domänenminister ernannt, welches Amt er, seit 1839 in den Reichsgrafenstand erhoben, 18 Jahre hindurch mit Erfolg verwaltete. Nach dem Orientkriege wurde ihm im Aug. 1856 der Botschafterposten am franz. Hofe übertragen, von dem er seines vorgerückten Alters wegen 1862 zurücktrat. Er lebte seitdem als Privatmann zu Paris, wo er 26. Nov. 1872 starb. Sein Bruder, Nikolai K., geb. um 1800, widmete sich der diplomatischen Laufbahn. Nachdem er längere Zeit als Legationssekretär bei der russ. Gesandtschaft in Berlin gewesen, ward er 1833 Botschaftsrat in London und 1839 in Paris. Als der russ. Botschafter in Paris, General Graf Pahlen, 1841 von dort abberufen wurde, blieb K. als Geschäftsträger zurück und leitete fortan die Angelegenheiten der Gesandtschaft selbständig. Im J. 1851 wurde er zum Geheimrat und Chef der Gesandtschaft in Paris ernannt. Nach Ausbruch des Orientkriegs verließ K. 4. Febr. 1854 Paris und begab sich 1855 als Bevollmächtigter beim päpstl. Stuhl nach Rom. Nachdem er 1864 Gesandter bei der Regierung des Königs von Italien geworden war, starb er 8. Dez. 1869. bayr. Regierungsbezirk Unterfranken, liegt 208 m über dem Meere an den beiden Ufern der Fränkischen Saale höchst anmutig in einem von belaubten Bergen umgebenen Thalkessel, durch eine Zweigbahn nach 2 Danri mit der Linie Schweinfurt-Meiningen der Bayrischen Staatsbahn verbunden, ist Sitz eines Bezirksamts und Amtsgerichts und zählt (1880) 3873 E. 9. Auhe etwa 431 Evangelische und 356 Juden). Außer drei kath., einer prot. und engl. Kirche hat der Ort noch viele schöne und stattliche Gebäude. Als Kurort ist K. erst seit Anfang des 19. Jahrh. in Aufnahme gekommen und wird in neuester Zeit von über 13000 Kurgästen (darunter viele Engländer und Russen) jährlich besucht. An Mineralquellen, die zum Teil schon im 16. Jahrh. zu Heilzwecken benutzt wurden, zählt man gegenwärtig fünf. Der Rakoczy (9 R.), entdeckt 1737, ibt ein vollkommen durchsichtiges bläuliches, sehr art perlendes Wasser, etwas bitter im Geschmack, das mit großem Geräusch emporsteigt und schwach eisenhaltig, aber sehr kohlensäurereich ist. Der Pandur (8,7 R.), früher Badebrunnen genannt, die älteste Trinkquelle K.3, entspringt gleichfalls mit Geräusch, hat im Geschmack, Geruch und Zusammensetzung viel Ahnlichkeit mit dem Rakoczy, entält aber mehr ——— Kohlensäure und weniger feste estandteile. Der Maxbrunnen (8,75 R.) gleichfalls seit alter Zeit bekannt (hieß bis 1815 der Kurbrunnen), ist krystallhell, stark perlend, von prickelndem, säuerlich-salzigem, erfrischendem Geschmack, mit viel freier Kohlensäure. Der 2130 m von K. entfernte Solesprudel (15 R.) entspringt aus einem 108,26 metiefen Schacht mit lebhaftem, brausendem Aufschäumen, tritt hier und da bis auf 4 m zurück (intermittiert) liefert in der Minute 500 1 Wasser von sehr salzigem, schwach eisenartigem, säuerlichem Geschmack. Aus dem Schachte steigen in der Minute 2—6000 1 Kohlensäure auf. Der Schönbornsprudel, 3650 m von K. entfernt, ist in seiner Zusammensetzung dem vorigen gleich, liefert in der Minute 5—6000 1 Wasser und 4—6000 1 Wrsäure. Ihrer Zusammensetzung und ihren Wirlungen nach gehören die beiden ersten zu den eisenhaltigen Kochsalzquellen, die dritte zu den kochsalzhaltigen Säuerlingen, die beiden letzten zu den Solequellen. Außer seinen Kochsalzquellen besitzt K. auch ein Bitterwasser, welches hinsichtlich seiner Zusammensetzung dem Friedrichshaller Bitterwasser am nächsten euch Zur Trinkkur werden gegenwärtig alle Quellen benutzt, am meisten der Rakoczy, zu Badezwecken die Solequellen, selten noch Pandur. Außerdem sind noch Vorrichtungen zu Bädern in kohlensaurem Gas, in salzsaurem Dampf, in der Mutterlauge des Solesprudels und in einem kohlen- und salzsäurehaltigen Schlamm, sowie Einrichtungen für Soleinhalation, eine Molkentrinkanstalt, Kaltwasserheilanstalt, pneumatische und elektrische Anstalt mit den übrigen Badeeinrichtungen verbunden. K. besitzt drei trefflich eingerichtete Badeanstalten, in welchen während einer Saison 123— 125000 Bäder abgegeben werden, und zwar die königl. Saline-Badeanstalt (seit 1876 samt Wasserversendungsgeschäft für K. und Bocklet an den Hofrat Streit von Würzburg für jährlich 50000 Mark verpachtet), das Badehaus am königl. Kurhaus und die 1869 eröffnete, höchst komfortabel eingerichtete Aktienbadeanstalt mit dem sehr eleganten Casino. Die Versendung des Rakoczy beträgt jährlich 5— Die Wirkung der Mineralquellen von K. äußert „sich durch Anregung der Funktionen der Schleimhäute, gelinde Erregung der Darmthätigkeit und eschleuni ung des Blutlaufs, also durch Beförderung des Stoffwechsels. Ihr Gebrauch wird daher „empfohlen bei Verdauungsbeschwerden, chronischem Magenkatarrh, Hämorrhoidalleiden, Hypochondrie, Hysterie, Schwäche der Unterleibsorgane, chroni-Rheumatismus, Gicht, Katarrh, Augen⸗ und Ohrleiden, Hauttrankheiten, sowie gegen chronische tGebärmutterleiden. Dagegen ist der Gebrauch dieser Quellen durchaus denjenigen Personen zu widerraten, bei welchen das arterielle, das Herz- und Lungensystem, vorherrscht, welche an arteriellen Kongestionen zur Brust und den Lungen leiden, welche Anlage zu Lungenkrankheiten haben, und „Unamentlich solchen, welche bereits an der Lunge oder entzündlichen Zuständen eines Organs leiden. „Im J. 1842 ließ König Ludwig I. mit einem Kostenaufwand von 500000 Fl. über der Rakoczy⸗ und Pandurquelle einen prachtvollen Pavillon aus Gußeisen aufführen, der zugleich als Trinkhalle dient und mit dem 1838 erbauten, 1875 renovierten Konversationssaal die größte Zierde des Kurplatzes ist. Im Kurgarten befindet sich eine Statue des Königs Max II. von Bayern. Der Kurgast findet in K. alles, was er zu seiner Erholung und Zerstreuung bedarf: Theater, Konzerte, Bälle und Lese-Institute. Hieran schließt sich eine höchst angenehme Umgebung mit vielen durch Naturschönheit oder histor. Interesse ausgezeichneten Punkten, die durch Anlagen zugänglich gemacht sind. Viele Badegäste begeben sich zur Nachkur nach Brückenau (s. d.) oder Thüringen. Oberhalb der Stadt K. liegen zwei Salinen, welche aber in neuerer Zeit nur zur Gewinnung von Mutterlauge betrieben werden. Am 10. Juli 1866 fand bei K. ein heftiges Gefecht zwischen Preußen und Bayern statt. Am 13. Juli 1874 war K. der Schauplatz eines von dem fanatisierten n Böttchergesellen Kullmann gegen den Reichskanzler Fürst Bismarck verübten Attentats; zur Erinnerung daran wurde 29. April 1877 das Bismarck-Denkmal (eine 3,5 m hohe Bronzestatue des Reichskanzlers auf einem 4,8 m hohen Sandsteinsockel) in den Anlagen der königl. Salinenbadeanstalt enthüllt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 311Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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