FeedKopernikus
HimmelskundeBrockhaus 1882

Kopernikus (Nikolaus) oder Coppernicus, wie er sich selbst schrieb, der Begründer der modernen Astronomie, geb. 19. Febr. 1473 zu Thorn, wo sein Vater Niklas Koppernigk, aus Krakau gebürtig mißt, sind unter C aufzusuchen. und aus Frankenstein in Schlesien stammend, sich als Großhändler niedergelassen hatte. Auf der Schule seiner Vaterstadt vorbereitet, studierte K. seit 1491 in Krakau, 1495 — 1500 in Bologna die Rechte, wurde 1497 durch den Einfluß seines Oheims mütterlicherseits, des Bischofs von Ermland, Lukas Watzelrode, in das ermländische Domkapitel aufgenommen und begab sich 1500 nach Rom, wo er öffentliche Vorträge aus dem Gebiete der Astronomie hielt. Nach einem kurzen Aufenthalt in der Heimat 1501 studierte er noch in Padua Medizin, erwarb sich 1503 zu Ferrara die Insignien eines Doctor deécretorum und lebte seit 1506 sechs Jahre im Schlosse zu Heilsberg. Hier gelangten K. kosmische Ideen zu festerer Gestaltung; auch war er hier als Berater des Bischofs Watzelrode thätig. Damals ließ K. eine lat. ÜUbersetzung der Episteln des Theophylactus Simocatta in Krakau erscheinen. Nach dem Tode des Oheims begab sich K. nach Frauenburg, dem Sitze seines Domstifts, wo er den größten Teil seines spätern Lebens zubrachte, mit astron. Forschungen und dem Aufbau seines Systems beschäftigt. Von 1516 bis 1520 wohnte er auf dem Schlosse zu Allenstein, um die Verwaltung der Ländereien des Domstifts (etwa 80 qkm) zu leiten. Im J. 1523 wurde er bei einer Sedisvakanz zum Generaladministrator der Diöcese erwählt. Von 1522 bis 1529 war er mehrmals zu den preuß. Landtagen deputiert, um bei der Regulierung des zerrütteten Münzwesens mitzuwirken; zwei Denkschriften K. über die Reform der Landesmünze sind erhalten. Auch war K. als Arzt thätig. Jeder histor. Begründung aber entbehrt die spät entstandene Sage, daß er Wasserleitungen in Preußen angelegt habe. K. starb im Mai 1543 und ist in der Domkirche zu Frauenburg begraben. Sein berühmtes Werk De revolutionibus orbium coelestiumo, durch welches die Umgestaltung unserer Weltanschauung begründet worden ist, hatte K. im wesentlichen bereits um 1530 vollendet; er entschloß sich zu dessen Veröffentlichung jedoch erst kurz vor seinem Tode auf das dringende Zureden seiner Freunde, des gelehrten Bischofs von Kulm, Tiedemann Giese und seines Schülers, des einstigen Genossen von Melanchthon in Wittenberg, Joachim Rheticus. Letzterer erhielt das Manuskript und brachte es nach Nürnberg, wo es unter seiner und Osianders Aufsicht gedruckt wurde; ein ganz unveränderter Abdruck erschien 1566 zu Basel; die dritte Ausgabe (Amsterd. 1617) ist mit erläuternden Anmerkungen versehen. Der zu Warschau 1854 besorgte Abdruck sollte beweisen helfen, daß K. der poln. Nation angehöre; es ist ihr deshalb auch eine poln. übersetzung beigegeben. Die Ausgabe von 1873 wurde zur 3. Säkularfeier des Geburtstags von K. von dem thorner Coppernicus-Verein veranstaltet. Eine deutsche übersetzung (von C. Menzzer) hat ebenfalls der Coppernicus-Verein 1879 veröffentlicht. K. entwickelt in seinem Werke mit mathematischer Schärfe die Stellung der Erde im Weltsystem und beweist, daß die Sonne der Mittelpunkt sei, um den sich die Erde, gleich den übrigen Planeten, drehe. Die bisher vielverbreitete Annahme, daß K. seine kosmischen Anschauungen nur in hypothetischer Umhüllung überliefert habe, ist ein Irrtum, welcher durch die in der editio princeps von Osiander untergeschobene Vorrede hervorgerufen ist, in der allerdings aus Furcht die damals noch kirchlich anstößige!! Lehre der Erdbewegung als Hypothese bezeichnet ist. Luther und Melanchthon hatten sich jederzeit mit großer Entschiedenheit gegen die neue Lehre ausgesprochen. Die kath. Gelehrten waren geteilt; auch die offenen dencha unter ihnen traten nicht entschieden auf, weil das Werk des K. durch die höchste Autorität gedeckt schien, es war dem Papste Paul III. zugeeignet. Erst bei Gelegenheit der Galilei-Wirren (1616) wurde es auf den Index librorum prohibitorum gesetzt, aus welchem es im J. 1757 durch einen Beschluß des Heiligen Officiums entfernt wurde; im J. 1822 ward dann ganz allgemein beschlossen, daß der Druck aller Werke, welche die Bewegung der Erde lehren, erlaubt sei. Die0 erste ausführlichere Biographie von K. verfaßte, lediglich auf gedruckte Quellen gestützt, P. Gassendi (1654); sie blieb zwei Jahrhunderte hindurch die alleinige Grundlage aller spätern Lebensbeschreibungen. Erst in der neuesten Zeit ist durch eifrige archivalische Forschung Näheres über die Lebensverhältnisse von K. ermittelt worden; auf ihnen beruht die von Leopold Prowe verfaßte Biographie «Nicolaus Coppernicus (2 Bde., Berl. 1883), deren dritter Band (1884) die Urkunden entält. Denkmäler wurden K. 1830 zu Warschau (von horwaldsen) und 1853 zu Thorn (von Tiech) errichtet; das letztere trägt die Inschrift: Nicolaus Copernicus Terrae Motor, Solis Coelique Statoro; auf dem warschauer Denkmal wird die vermeintliche Zugehörigkeit zur poln. Nation von K. hervorgehoben. Die Frage nach der Nationalität ist Gegenstand erbitterten Streites geworden; die poln. Ansprüche hat Leopold Prowe in der Schrift De patria Copernicio (1860) und in einer Abhandlung der Historischen Zeitschrifte (1872) zurückgewiesen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 517Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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