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Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Kroatische Litteratur ist die Bezeichnung nicht sowohl für ein einheitliches, zusammenhängendes Schrifttum, als für drei auf verschiedenem Boden und unter verschiedenen Bedingungen entstandene Litteraturen: 1) Die slaw. Litteratur der dalmatinischen Städte und Inseln vom Ende des 15. bis zum Ende des 17. Jahrh. (die sich in sehr verkümmerter Gestalt noch durch das 18. Jahrh. fortsetzt); sie wird kroatisch genannt, weil ihre Sprache kroatisch (westserbisch-⸗kroatisch) im alten histor. Sinne war; im Süden (in Ragusa) machen sich in der Sprache von Anfang an Einwirkungen des Serbischen (südl. oder herzegowin. Dialekts) geltend, die im Laufe der Zeit die Oberhand gewinnen, sodaß im 17. Jahrh. die Sprache dieser Litteratur ein mit kroat. Eigentümlichkeiten ausgestattetes Südserbisch genannt werden könnte. Die slaw. Schriftstellerei dieser Städte war von Anfang an eine Nachahmung der jeweiligen ital. litterarischen Richtungen und trägt keine national-slaw. Färbung. Ein beträchtlicher Teil der vorhandenen Werke besteht aus übersetzungen oder Bearbeitungen ital. Litteraturprodukte. Die Prosalitteratur fehlt fast ganz, die poetische dagegen ist dem Umfange nach den Verhältnissen Dalmatiens gegenüber bedeutend. Vertreten sind wesentlich die Gattungen: lyrische Poesie im engern Sinne, namentlich Liebesgedichte, zwar nicht in Form, aber in Ton und Auffassung der ital. Sonettenpoesie gleichend; die poetische Erzählung (zum Teil idyllenartig) und das größere Kunstepos; das Lehrgedicht; das Drama in Tragödie und Komödie (die letztere zum Teil in Prosa). Der Hauptsitz dieser ganzen Litteratur war die Republik Ragusa, der älteste Vertreter ist indes Marko Marulie in Spalato (1450—1524), der fast durchgängig biblische oder erbauliche Stoffe behandelt und in der Form noch unvollkommen ist. Außerhalb Ragusas ragen noch hervor Hannibal Lucic (1480—1525) mit lyrischen Gedichten und Drama (Robinjay) und Veter Hektorovic (1486—1572) mit dem beschreibend-erzählenden Gedicht «Ribanjen (Fischfang), beide von der Insel Lesina, durch sprachliche Gewandtheit und Versform ausgezeichnet. An der Spitze der ragusanischen Dichter stehen Menketic (1457—1501) und Gi. Drzic (gest. um 1507), beide wesentlich Lyriker im Sinne der ital. Sonettenpoesie. Während des 16. Jahrh. weist Ragusa eine große Zahl von Dichtern auf, meistens von geringer Originalität in Stoff und Form; der originellste ist Mavro Vetranicé (1482—1576) mit frommer, zum Teil ascetischer Richtung, wodurch auch größtenteils die Wahl seiner Stoffe bestimmt ist (z. B. (Remetav [eDer Einsiedlero]; religiöse kleinere Gedichte; Dramen: «Abrahams Opferv, Auferstehung Christi v u. a.); in seiner Bedeutung unerklärt ist das lange, doch unvollendete allegorische Gedicht Pelegrino (Der Pilgero). Als Dramatiker ist vor allen zu nennen Marin Drzic (1520 — 80), der in seinen Komödien (in Prosa) zum Teil ragusanisches Leben einflicht. Den Höhepunkt erreichte ragusanische Litteratur in Jvan Gundulieé (s. d.). Sein etwas jüngerer, sehr fruchtbarer Zeitgenosse Junius Palmotié (1606—57) steht ihm in der Gewandtheit des Versbaues und der äußern Form gleich, erreicht ihn aber nicht an poetischem Gehalt; er schrieb eine große Anzahl Dramen, eine «Christiades (Bearbeitung der (Christiasy des Vida) und kleinere Sachen. Nach der Zerstörung Ragusas durch das Erdbeben von 1667 sank mit dem Wohlstande der Stadt sehr schnell auch die Litteratur zu nennen ist aus dieser Zeit noch Jak. Palmotie Dionorié, gest. 1680, der den Untergang und Wiederaufbau Ragusas in seinem Dubrornik ponovljeno [Das erneuerte Ragusav] besang); während des 18. Jahrh. fristet sie nur noch ein kümmerliches Leben. Die Werke der dalmatinischen Dichter werden herausgegeben von der Südslawischen Akademie in Agram: „«Stari pisci hrvatskio (Agram 1869—84; bisjetzt 14 Bde.). 2) Die Litteratur des heutzutage gewöhnlich als Kroatien bezeichneten Landes (Provinzialkroatien) im kajkawischen Dialekt (s. Kroatische Sprache), die von der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. bis in die dreißiger Jahre des 19. Jahrh. Erzeugnisse aufweist. Diese hält sich mit wenigen Ausnahmen (chronikenartigen Aufzeichnungen und Gedichten) auf dem Gebiete der populärkirchlichen, erbaulichen und sonst dem Volke zugänglichen Stoffe und blieb immer unbedeutend. 3) Die neuere kroatische Litteratur seit dem Wiedererwachen des serb. und kroat. Nationalbewußtseins im 19. Jahrh. Sie wurzelt in dem Bestreben nach litterarischer, überhaupt geistiger Vereinigung der Serben (im engern Sinne, durchweg der orient. Kirche angehörend) und der Kroaten (durchweg römisch-katholisch), hat daher auch den von Vuk zur Schriftsprache erhobenen südserbischen (herzegowiner) Dialekt mit einigen Modifikationen angenommen und ist nicht mehr scharf von der serb. Litteratur zu scheiden. Von einigen ältern unwirksamern Bestrebungen abgesehen knüpfen sich die Anfänge dieser Litteratur wesentlich an die Thätigkeit von Ljudevit Gaj (s. d.) in Agram von 1834 an. Man nannte Sprache und Litteratur nach einem ältern Vorgange aillyrischo, um so einen Gesamtnamen zu haben, der keine Eifersucht der verschiedenen Stammes⸗ und Landesteile hervorriefe. Den Namen behielt die ganze Bewegung auch bis 1818. Von da an erlangen die Bezeichnungen «kroatisch »oder eserbo-kroatischo das Übergewicht. Die Zahl der Schriftsteller ist in Betracht der Ausdehnung des Volks recht bedeutend, die Zahl der Werke, sowohl der wissenschaftlichen, wie der populären Prosalitteratur, als auch der poetischen sehr gestiegen. Die wissenschaftliche Litteratur hat ihren Mittelpunkt in der zu Agram 1866 gegründeten Südslawischen Akademie. Von den Vertretern der poetischen Litteratur seien erwähnt außer Gaj der Slowene Stanko Vraz (1810—51), J. Kukuljevie (geb. 1816), als besonders hervorragend Ivan Mazuranic, Ergänzer des 14. und 15. verlorenen Gesanges von Gundulic Osmanv und Verfasser des vielgerühmten erzählenden patriotischen Gedichts „Smrt Smail-age Cengijiéar, und Peter Preradovic (1818—72), als Lyriker wohl der bedeutendste neukroat. Dichter; Aug. Senoa als Romanschriftsteller. Auch in Dalmatien erwachte die Litteratur wieder im Anschluß an die neuern Bestrebungen (als Dichter zu nennen sind Anton Kazali, Matth. Ban, rmißt, sind unter C aufzusuchen. 40* Sundekic neben manchen andern). Gegenwärtig bildet die in Ragusa erscheinende Zeitschrift KSlovinac einen Mitkelpunkt der dortigen litterarischen Bestrebungen. Die kroat. Volkspoesie ist weniger reich als die serbische; die jetzt verschwundene oder im Verschwinden begriffene epische Poesie war im 16. und 17. Jahrh. ziemlich reich und besaß eine besondere Versform (15⸗ und 16silbiger Vers), fällt aber dem Stoffe nach wesentlich mit der eigentlich serbischen zusammen. Die handschriftlich erhaltenen epischen Volkslieder sind gesammelt herausgegeben von Bogisié (Narodne pjéesme iz starijih zapisa, Belgrad 1878), zum Teil von Miklosich (4Beiträge zur Kenntnis der slaw. Volkspoesie. I. Die Volksepik der Kroaten⸗, Wien 1870).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 627Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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