Krystalle nennt man die regelmäßigen und ursprünglichen polyedrischen Formen, welche die Substanzen beim übergange aus dem flüssigen oder dampfförmigen Zustande in den festen freiwillig annehmen. Der Prozeß ihrer Bildung heißt Krystallisation (s. d.). Alle K. sind in bestimmter Form und Zahl von ebenen Flächen begrenzt, welche in Kanten zusammenstoßen, die ihrerseits einander wieder in Ecken treffen. An allen vollflächig ausgebildeten K. wird beobachtet, daß für jede Fläche auf der entgegengesetzten Seite des K. eine mit ihr parallele Fläche vorhanden ist, sodaß es hier lauter Flächenpaare sind, welche den K. begrenzen. Eine Fläche erleidet keine Veränderung ihres krystallographischen Charakters, wenn dieselbe parallel mit sich selbst verschoben gedacht wird: es kommt also nicht auf die absolute, sondern nur auf die relative Lage derselben an. Unter einer Zone versteht man den Inbegriff von mindestens drei Flächen, welche untereinander parallele Kanten an den K. bilden, oder welche einer und derselben Linie im Raum parallel gehen. Durch Erhöhung oder Verminderung der Temperatur erleidet der Zonenverband keine Störung oder Beeinträchtigung. Gleichwertige Flächen eines K. sind solche, von denen bei einer vollkommenen Ausbildung desselben niemals die eine ohne die andere auftreten kann. Da wegen der Möglichkeit einer parallelen Verschiebung die gleichwertigen Flächen nicht denselben Abstand vom Mittelpunkt des K. zu haben brauchen, so können sie untereinander sehr verschiedene Größe und Gestalt besitzen, bedingt durch die zufälligen Umstände, welche die Ausbildung des K. begleiteten. Die gegenseitige Richtung indessen, unter welcher sich die gleichwertigen Flächen einer krystallisierten Substanz schneiden, ist, solange keine Anderung der Temperatur eintritt, allemal konstant, die Winkel, welche sie miteinander einschließen, sind dieselben. Es ist dies das Gesetz von der Konstanz der Kantenwinkel. Die an einem K. vorhandenen, untereinander gleichwertigen Flächen denkt man sich zu einer selbständigen Gestalt vereinigt, welche eine einfache Krystallform genannt wird. Diese einfachen, bloß gleichwertige Flächen aufweisenden Formen sind teils geschlossene, deren Flächen den Raum ringsum allseitig abschließen, teils offene, welche den Raum nach gewissen Richtungen hin offen lassen. Eine Krystallgestalt, welche von den Flächen mehrerer, nebeneinander ausgebildeter einfacher Formen begrenzt wird, nennt man eine Kombination dieser Formen; eine solche weist daher ungleichwertige Flächen auf, und es erscheinen die Flächen der einen Form an der Stelle gewisser Kanten und Ecken der andern Form, weshalb diese Kanten und Ecken durch jene Flächen gleichsam wie abgestumpft, zugeschärft oder zugespitzt aussehen. Um überhaupt die K. einer n Herteltunan Untersuchung unterwerfen zu können, bezieht man ihre Gestalt auf Achsen, d.h. auf ein Koordinatensystem von Linien, welche durch den Mittelpunkt der K. gezogen gedacht werden, und welche in zwei gegenüberliegenden gleichartigen Flächen, Kanten oder Ecken übereinstimmend endigen. Alle Teile des K. liegen regelmäßig oder symmetrisch um dieses Kreuz von idealen, einander durchschneidenden Linien verteilt. Mit Rücksicht auf den durch die verhältnismäßige Länge gegebenen Wert, auf die Anzahl und die gegenseitige Lage der Achsen, lassen sich die K. in sechs verschiedene Abteilungen oder Systeme bringen. Die Formen des ersten werden auf drei gleichwertige Achsen bezogen, welche sich unter rechten Winkeln durchkreuzen; daher enthält dies sog. reguläre System, welches das höchste Maß von Symmetrie besitzt, lauter geschlossene Gestalten von ganz bestimmter Flächenzahl und ringsum gleichen Dimensionen; es gehören hierher: das Oktaéder (s. Tafel: Krystalle, Si 1), der Würfel oder das Hexäder (Fig. 2), das Rhombendodekäder (Fig. 3), der Pyramidenwürfel oder das Tetrakishexaéder (Fig. 4), das Pyramidenoktader oder das Triakisoktaéder (Fig. 5), das Ikositeträder (Fig. 6) und der Achtundvierzigflächner oder das Hexakisoktader (Fig. 7), von welchem die ersterwähnten sechs Gestalten gewissermaßen nur Spezialfälle darstellen. An dem Würfel stumpft z. B. die Kombination mit dem Oktaäder die Ecken (Fig. 8), diejenige mit dem Rhombendodekader die Kanten gerade ab (Fig. 10). Alle andern Systeme haben wenigstens eine Achse von ungleicher Länge oder von abweichendem Werte. Beim tetragonalen System schneiden 00 zwei gleichwertige Achsen in einer Ebene unter rechtem Winkel, während eine dritte längere oder kürzere rechtwinkelig darauf steht. Alle Gestalten desselben (Fig. 23—29) können aus der von acht gleichen gleichschenkeligen Dreiecken mißt, sind unter C aufzusuchen. begrenzten tetragonalen Protopyramide abgeleitet werden. Das hexagonale System besitzt drei gleiche unter 60 einander schneidende Achsen, auf deren Ebene eine vierte, abweichend lange senkrecht steht; auch hier werden alle Formen (mit ihren Kombinationen) auf die hexagonale Protopyramide (Fig. 30 und 31) bezogen, z. B. das hexagonale Prisma (Fig. 32), dessen sechs vertikale Flächen man durch gerade Abstumpfung der horizontalen Randkanten jener Pyramide erhält. Die drei übrigen Systeme haben Achsen von dreifach verschiedenem Wert, welche sich beim rhombischen noch rechtwinkelig kreuzen; die Grundpyramide desselben (Fig. 39 u. 40) ist von acht gleichen ungleichseitigen Dreiecken begrenzt; außerdem weist dieses System daraus abgeleitete andere Pyramiden, die drei Pinakoide (Fig. 41), vertikale Prismen, horizontal gelegene Längs⸗ und Querdomen auf (Fig. 42—48). Im monoklinen System handelt es sich um zwei verschieden lange Achsen, welche sich schiefwinkelig kreuzen, wobei eine dritte rechtwinkelig auf beiden steht; die monokline Pyramide (Fig. 49) ist daher eigentlich keine einfache Form mehr, sondern bereits eine Kombination, und alle Gestalten dieses Systems (3. B. Fig. 50—54) sind vorn oben und vorn unten nicht mehr übereinstimmend ausgebildet. Das trikline System zeigt eine schiefwinkelige Durchkreuzung dreier ungleich langer Achsen (Fig. 55—57), und hier ist außerdem auch die Übereinstimmung zwischen rechts und links auf der vordern Seite verloren gegangen. Man kann den Begriff eines Krystallsystems auch so definieren, daß man dasselbe als die Gesamtheit aller Krystallformen bezeichnet, welche bei vorhandener Vollflächigkeit denselben Grad der Symmetrie besitzen, der sich in dem Vorhandensein oder Fehlen von Hauptsymmetrieebenen und gewöhnlichen Symmetrieebenen ausspricht. Von diesem Gesichtspunkte aus besitzt das reguläre System drei Hauptsymmetrieebenen (die Richtungen der Würfelflächen) und sechs gewöhnliche Symmetrieebenen (diejenigen des Rhombendodekaäders), das tetragonale eine Hauptsymmetrieebene (die horizontale Endfläche) und vier gewöhnliche Symmetrieebenen, das hexagonale eine Hauptsymmetrieebene und sechs gewöhnliche, das rhombische bloß noch drei gewöhnliche (die Richtungen der drei Tafelflächen, Fig. 41), das monokline nur noch eine gewöhnliche Symmetrieebene, das trikline überhaupt keine Symmetrieebene mehr. Wenn mit einer Form andere in Kombination treten, so sind dies nur solche, welche denselben Grad von Symmetrie besitzen. Ein und derselbe Körper kann leicht unzählige, abwechselnd gestaltete Kombinationen von Formen desselben Systems entwickeln, wie denn deren z. B. bei dem Kalkspat weit über 1000 bekannt sind. Bemerkenswert ist noch, daß es namentlich im Bereich des regulären und hexagonalen Systems Formen gibt, welche bei gleicher Lage der Flächen deren nur halb so viel zählen als andere Formen, weshalb man von diesen auf jene gelangt, wenn man die symmetrisch verteilte Hälfte ihrer Flächen sich verschwunden, die andere ausgedehnt denkt; dies begründet den Unterschied zwischen den holöädrischen (vollflächigen) und hemiédrischen (hälftflächigen) Formen. So zeigt Fig. 17, wie aus dem Oktaäder dessen Hälftflächner, das Tetraäder, durch Ausdehnung der abwechselnden Flächen hervorgeht; Fig. 18 ist der Hälftflächner derjenige von Fig. 7, Fig. 21 der von Fig. 4, Fig. 36 der von Fig. 30. Zwei gleichgestaltete, nur zum Teil ausgebildete K. wachsen oft in nicht paralleler Stellung nach sehr bestimmten Gesetzen zu Zwillingskrystallen zusammen, welche für manche Mineralien besonders charakteristisch sind (3. B. Fig. 58 ein Zwilling von Fig. 1, Fig. 60 ein solcher von Fig. 32, Fig. 62 ein solcher von Fig. 50). Die K. sind auf ihren wohlausgebildeten Flächen in der Regel mehr oder weniger glänzend; das Regelmaß ihrer Ausbildung ist manchen zufälligen Beeinträchtigungen unterworfen, indem einseitige Verlängerungen oder Verkürzungen, Krümmung, Streifung, treppenähnliche Vertiefung der Flächen u. s. w. sich einstellen. Wegen der nach verschiedenen Direktionen abweichend beschaffenen Kohärenz der Masseteilchen gibt es in ihrem Innern bestimmte Richtungen, nach welchen sie sich vorzugsweise leicht spalten lassen, und die so zu erzeugenden Spaltungsflächen sind in ihrem gesetzmäßigen Verhältnis zu den Achsen des K. wichtige Mittel zur Bestimmung der Grundgestalt. Namentlich durch die Abwesenheit dieser mit der äußern Form übereinstimmenden innern Struktur unterscheiden sich die sog. Afterkrystalle oder Pseudomorphosen (s. d.). Die K. des regulären Systems zeigen nur einfache Brechung des Lichts, diejenigen aller andern Systeme sind doppeltbrechend; doch besitzen die K. des tetragonalen und hexagonalen Systems eine Richtung, nach welcher nur einfache Brechung herrscht Richtung der sog. optischen Achse, hier parallel mit der krystallographischen Hauptachse oder Vertikalachse), während die rhombischen, monoklinen und triklinen K. zwei derartige Richtungen einfacher Brechung aufweisen, welche nicht mehr mit krystallographischen Achsen zusammenfallen (optisch zweiachsige K.). Durch Erwärmung dehnen sich die K. des regulären Systems nach allen Richtungen hin gleichmäßig aus, bewahren also ihre Gestalt unverändert, wogegen die K. der übrigen fünf Systeme nach verschiedenen Richtungen eine ungleichmäßige Ausdehnung erleiden, und folglich einer Veränderung ihrer Kantenwinkel unterworfen sind, deren Größe von der Temperatur abhängig ist. Die Fortpflanzung der Wärme erfolgt in den regulären K. nach allen Richtungen gleichmäßig, also nach einer Kugelfläche, während diese Fortpflanzungsform der Wärmewellen in den tetragonalen und hexagonalen K. durch ein verlängertes oder abgeplattetes Rotationsellipsoid, in den rhombischen, monoklinen und triklinen durch ein dreiachsiges Ellipsoid dargestellt wird. Die Wissenschaft, welche sich mit den gesetzmäßig morphologischen Verhältnissen der K. befaßt, heißt Krystallographie, und hat unter den Deutschen vorzüglich Christ. Samuel Weiß, Karl Friedr. Naumann und Gust. Rose viel zu danken. Insofern sie die Winkel der K. mißt, die Formen und Achsenverhältnisse danach berechnet, wird sie auch Krystallometrie genannt. Vgl. Naumann, Elemente der theoretischen Krystallographien (Lpz. 1856); G. Rose, «Elemente der Krystallographiev (3. Aufl., herausgeg. von Sadebeck, Berl. 1873); C. Klein, «Einleitung in die Krystallberechnung» (Stuttg. 1876); Liebisch, Geometrische Krystallographie» (Lpz. 1881). Die Krystallophysikerforscht die physik. Eigenschaften der Krystalle, mißt, sind unter C aufzusuchen. namentlich auch unter Berücksichtigung der damit in Zusammenhang stehenden formellen Gestaltung.