FeedKrystallinisch
NaturlehreBrockhaus 1882

Krystallinisch heißen im Gegensatz zu den amorphen diejenigen Mineralsubstanzen, deren Moleküle eine bestimmte und regelmäßige Anordnung zeigen, welche sich darin ausspricht, daß solche Substanzen nach verschiedenen Richtungen eine verschiedene Elasticität besitzen, oder auch abweichende Kohärenzverhältnisse aufweisen. Mit dieser physik. Eigenschaft des innern Baues sind nicht nur die regelmäßig ausgewachsenen Krystalle begabt, sondern auch jeder davon abgesprengte Splitter, jedes Bruchstück bleibt derselben teilhaftig. Als krystallinisch bezeichnet man aber auch ein Aggregat von unregelmäßig contourierten und verkrüppelten Mineralindividuen; so ist krystallinischer Kalkstein ein Gestein, welches aus eng miteinander verwachsenen eckigen Rallijat von Kalkspat besteht. rystallisation heißt der physik. Prozeß beim Übergange gewisser Körper aus dem flüssigen oder dampfförmigen in den festen Zustand unter Annahme ganz regelmäßiger Formen, welche von ebenen, unter bestimmten Winkeln gegeneinander geneigten Flächen begrenzt sind. Dieselbe, dem Amorphismus entgegengesetzt, ist als eine besondere Art der Außerung der Anziehungskraft der kleinsten Teile anzusehen, und man hat nach Hauys Vorgang vielfach versucht, den Grund der verschiedenen Krystallformen in einer Verschiedenheit der primären Form der sich an⸗ und aufeinanderlagernden kleinsten Teilchen zu finden, während andererseits Ampere und andere gezeigt haben, daß man auch aus einer gleichen primitiven Kugelgestalt aller Atome die Krystallformen ableiten könne. Der dynamischen Ansicht von den Körpern kann natürlich weder die eine noch die andere Ansicht genügen. Die Körper krystallisieren teils bei der Abkühlung ihrer Dämpfe, so Schwefel, arsenige Säure, Eisenchlorid, teils beim Erstarren aus dem ges chmolzenen Zustande, wie Metalle, Schwefel und viele Salze, teils beim Erkalten heiß gesättigter Auflösungen, wenn sie in dem kalten Lösungsmittel weniger auflöslich sind, teils endlich, wenn man ihnen das Lösungsmittel durch Verdunstung entzieht. Befördert wird die K. durch Darbietung vieler Ansatzpunkte für die Krystalle und durch gelinde Bewegung, verzögert wird sie durch möglichst niedrige Temperatur und völlige Ruhe. Man kann die Krystallbildung oft dadurch bedeutend befördern, daß man, wenn die betreffende Flüssigkeit schon dem Punkte, wo sich Krystalle abzusetzen beginnen, nahe ist, an das Gefäß, worin sie sich befindet, einen geringen Stoß ausübt, der die Masse in schwache Bewegung setzt und den kleinsten Teilchen die Trägheit überwinden hilft; oder daß man den Stoff, der krystallisieren soll, mit einem bereits fertigen Krystall derselben Materie in Berührung bringt, in welchem letztern Falle offenbar die Adhäsion begünstigend wirkt. Je rascher man krystallisiert, desto zahlreicher werden die Krystalle; aber sie bleiben kleiner, stören sich gegenseitig in der Ausbildung, und man erhält krystallinische Massen statt deutlicher Krystalle. Diese Umstände werden technisch benutzt; 0 läßt man Salz unter stetem Umrühren krystallisieren, damit es kleinkörnig werde; Zucker wird in den Formen gestört, um ihn feinkörnig-krystallinisch zu machen; Candiszucker, Alaun, Blutlaugensalz und andere Salze läßt man dagegen langsam und ruhig krystallisieren, indem man durch die Flüssigkeit Fäden oder Stäbchen als Ansatzpunkte zieht. Metalle, Glas u. s. w. darf man nicht zu ras — erkalten lassen, damit sie nicht im Innern krystallinisch und spröde werden. Bei völliger Ruhe können geschmolzene Körper, z. B. Schwefel, oft weit unter den Erstarrungspunkt abgekühlt, Salzlösungen, z. B. Glaubersalzlösung, weit unter den Hrphuldiloung ein. erkaltet werden, ohne daß Krystallbildung eintritt; sowie aber eine leichte Erschütterung stattfindet, erscheinen die Krystalle mit einem mal unter Freiwerden von Wärme. Merkwürdig sind die beim Krystallisieren mancher Stoffe auftretenden Lichterscheinungen. Löst man z. B. nicht krystallinische arsenige Säure in verdünnter kochender Salzsäure auf und läßt die Auflösung langsam erkalten, so leuchtet, im Dunkeln beobachtet, jeder Krystall im Moment seines Ausscheidens lebhaft mit einem blitzartigen Funken. Bd. II, S. 197.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 647Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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