Lamettrie (Julien N de), franz. Philosoph, geb. 25. Dez. 1709 zu St.⸗Malo, war ursprünglich zum Geistlichen bestimmt, studierte dann unter Boerhaave Medizin und wurde vom Herzog von Gramont als Arzt bei dessen Regiment angestellt. Er folgte demselben in die Schlacht von Dettingen und zur Belagerung von Freiburg, wo er gefährlich erkrankte. Die Bemerkung, die er hierbei machte, daß die geistige Kraft mit dem Körper schwinde, veranlaßte ihn zur Abfassung seiner angeblich aus dem Englischen Übersetzten Histoire de naturelle de l'mer (Haag 1745; neue Aufl. 1748). Wegen des darin, wenn auch noch vorsichtig angedeuteten Materialismus und Atheismus wurde dieses Werk verbrannt. Nach dem Tode Gramonts und nach der Verbrennung seiner gegen die Ärzte gerichteten Schrift „La politique de médecin de Macchiavel, ou le chemin de la fortune ouvert aux médecinso (Amsterd. 1746) sah sich L. genötigt, Frankreich zu verlassen und nach Holland zu gehen. Als er jedoch hier das satirische Lustspiel La faculté vengéen (1747), welches später den Titel Les charlatans démasqués o (Par. 1772) erhielt, und sein Hauptwerk „Lhomme machiney (Leid. 1748) hatte erscheinen lassen, wurde er auch aus Holland vertrieben und förmlich verfolgt; da bot ihm Maupertuis im Namen Friedrichs II. ein Asyl an. Friedrich II. stellte ihn als seinen Vorleser an, gab ihm eine Stelle in der Akademie und machte ihn zu seinem Gesellschafter. Hier schrieb er neben witzigen Satiren gegen Ärzte seiner Zeit unter anderm L'homme planten (Potsd. 1748), (Réflexions philosophiques sur l'origine des animauxo (Berl. 1750), Les animaux plus que machineso (Berl. 1750), Vénus métaphysique, ou Er starb 11. Nov. 1751. Friedrich II. selbst schrieb L.s Eloges (Haag 1753); auch ließ er eine Ausgabe von dessen „Oeuvres philosophiques, etc.v Berl. 1751; neue Aufl., 3 Bde., 1796) veranstalten. L. ist der vielgeschmähte, auch von seinen gleichdenkenden Nachfolgern verketzerte Stimmführer des franz. Materialismus, welchen er mit feiner Jronie aus der mechanistischen Naturphilosophie Descartes' entwickelte und dessen Konsequenzen er von philosophisch recht unsichern Grundlagen aus immer offener und rückhaltloser aussprach. Er verletzte nicht nur dadurch, sondern noch mehr durch die gleiche Offenheit, mit welcher er aus dem Materialismus und dem herrschenden Eudämonismus den gemeinsamen Schluß zog, daß des Menschen höchstes Glück im Sinnengenusse bestehe, wie er das in seiner L'art de jouiro (Berl. 1751) und in seinem Anti-Seénèquep (Potsd. 1748) niederlegte. Seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse waren nach dem Umfange des damaligen Wissens bedeutend, seine philos. Originalität gering, sein Stil lebhaft, elegant und voller glücklicher Wendungen. Die frühere kritiklose Unterschätzung und Verleumdung L.s ist in neuester Zeit wesentlich infolge der Untersuchungen F. A. Langes («Geschichte des Materialismusp, 2. Aufl., Bd. 1, Iserl. 1873) einer gerechtern, aber ihrerseits nun wieder zur überschätzung geneigten Würdigung gewichen. Vgl. Quépat, La philosophie matérialiste au XVIII siècle. Essai sur L., sa vie et ses uvreso (Par. 15720 Du Bois-Reymond, 4Lamettrien (Berl. 1875).