FeedLaokoon
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Laokoon, ein Sohn des Kapys und Bruder des Anchises, oder ein Sohn des Antenor, war nach griech. Dichtern Priester des Apollon und wurde mit einem seiner beiden Söhne oder mit beiden (etztere werden auch allein, ohne den Vater, genannt) durch Schlangen getötet, welche auf Geheiß des Apollo über das Meer an das Ufer schwammen. Nach einer Erzählung geschah dies zur Strafe dafür, daß L. seiner 4al0g ntiope im Heiligtum des Thymbräischen Apollon beigewohnt hatte; nach einer andern, weil er überhaupt wider den Willen des Gottes eine Ehe eingegangen war. Nachdem in dem sog. epischen Cytlus schon von L. erzählt worden war, hatte namentlich Aners diese Sage in einer Tragödie behandelt. Anders erzählt Virgil, ohne daß sich mit Sicherheit angeben läßt, wieviel er von griech. Dichtern entlehnt hat. Virgil zufolge eilte L., als die Griechen zur List mit dem hölzernen Pferde ihre Zuflucht genommen hatten und die Trojaner dieses umringten, herbei, um vor dem Betruge zu warnen, und schleuderte seine Lanze in dasselbe. Indessen wurde der gefangene Sinon eingebracht, der allen Verdacht von sich und dem Pferde abzuwenden wußte. Hierauf schlachtete L. einen Stier, um ihn dem Poseidon als Opfer darzubringen. In diesem Moment nahten zwei ungeheuere Schlangen über das Meer von Tenedos her. Alles floh, nur L. und seine zwei Söhne blieben beim Altar zurück. Zuerst umwanden die Ungeheuer die beiden Knaben, als ihnen der Vater zu Hilfe kam, auch diesen selbst. Eine besondere Bedeutung hat L. durch die Laokoongruppe, eine große antike Gruppe, die den Tod des L. und seiner beiden Söhne darstellt. Sie wurde 1506 in Rom bei den Titusthermen gefunden und von Papst Julius II. im Vatikan aufgestellt; der rechte Arm des Vaters und des zu seiner Rechten befindlichen Sohnes nebst der Hand des andern wurde von Cornachini im 17. Jahrh. aus Stuck ergänzt. Die Gruppe stellt das furchtbare Geschick des L. und seiner Söhne in kunstvoller Steierung dar. Während der ältere Sohn noch zu sliehen im Stande wäre, der jüngere aber schon änzlich von den Schlangen umwunden und veroren ist, konzentriert sich in der mächtigen Mittelfigur der furchtbare Moment mit der erhabensten Gewalt. Nicht weniger als diese tiefsinnige, in ihrer Art unvergleichliche Auffassung und Komposition verdienen die vollkommene Richtigkeit der Zeichnung, die schönen, genauen, sanften und fließenden Umrisse der Der Mü die höchste anatom. Kenntnis, das Spiel der Muskeln und die Wirkung des körperlichen Schmerzes auf alle Glieder, sowie die meisterhafte Ausführung des Ganzen die höchste Bewunderung. Doch zeigt die Gruppe in der über das Maß der Kunst der höchsten Blütezeit gehenden Steigerung des Pathetischen und in der etwas virtuosenhaften Technik, daß sie nur ein Werk der Nachblüte sein kann. (S. Tafel: Bildnerei III, Fig. 9.) Als die Meister der Gruppe werden von Plinius die aus Rhodus gebürtigen Bildhauer Agesandros, Polydoros und Athenodoros genannt;: jedoch ist es noch immer eine unentschiedene Streitfrage, ob man die Worte des Plinius so auffassen muß, daß die drei Künstler im 1. Jahrh. n. Chr. unter dem Kaiser Titus arbeiteten, in welchem Falle sie ohne Zweifel Virgils «Aneiso vor sich hatten, oder ob sie dem 3. oder wenigstens dem 2. oder 1. Jahrh. v. Chr. angehörten. Diese Frage ist nach dem Iehnar der Skulpturen von Pergamum aufs neue lebhaft erörtert worden, sowohl wegen der Ahnlichkeiten in Auffassung und Behandlung im allgemeinen, als weil man in L. die Nachbildung insbesondere einer Figur und eines Kopfes des pergamenischen Altarfrieses zu finden glaubte. Doch kann dies keineswegs für erwiesen gelten. Vgl. namentlich Kekulé, Zur Deutung und Zeitbestimmung des L.y (Berl. u. Stuttg. 1883); Trendelenburg, (Die Laokoongruppe und der Gigantenfriesb (Berl. 1884) und Brunn, aüber die kunstgeschichtliche Stellung der pergamenischen Gigan-Kunstsammlungen V. Iury, Berl. 1884). Die Verschiedenheit der Darstellung des Todes des L. und seiner Söhne in der Poesie einerseits und in der bildenden Kunst andererseits bildet die Grundlage zu Lessings berühmter Schrift L., oder über die Grenzen der Malerei und Poesiey (Berl. 1763; neue Ausgabe von R. Borberger, Lpz. 1879). Eine lübersicht der Litteratur über die Laokoongruppe enthält Blümners Ausgabe von Lessings «Laokoono (2. Ausg., Berl. 1880).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 811Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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