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NaturlehreBrockhaus 1882

Leben ist das Prinzip der Thätigkeit in allen mit innerer Selbsterregung oder Selbstbewegung begabten Wesen. Das höchste und eigentlichste L. ist das des Geistes, dessen Grundthätigkeiten die des Erkennens, des freien Handelns und des höhern Fühlens und Strebens sind, also das intellektuelle, moralische und religiöse L. Tiefer steht das bloß psychische oder sinnliche, mit Empfindung und freier Gliederbewegung versehene animalische, am tiefsten das empfindungslose oder vegetative L. Die lebendigen Körper unterscheiden sich von den leblosen durch folgende Eigentümlichkeiten ihrer Gestaltung, ihres Stoffs und ihrer Thätigkeit: 1) Ihre Form ist aus kleinen, ursprünglich rundlichen Zellen gebildet, welche sich zu Fasern, Röhren, Häuten u. s. w. umbilden und zu größern Körperteilen von eigentümlichem Bau (Organe) zusammensetzen, deren äußerer, meist in rundlichen Linien gezeichneter Umriß und innerer Gesamtbau derartig konstant ist, daß jedes Individuum andern von derselben Art und Gattung entspricht (gleichsam nach einem Urbilde, einem Typus geformt ist). 2) Hinsichtlich der chem. Beschaffenheit ihres Stoffs bestehen lebende Körper aus ternär und quaternär zusammengesetzten Grundbestandteilen (sog. organischen Radikalen, darunter namentlich die eiweißartigen Substanzen), welche außerhalb des lebenden Körpers und nach dessen Tode sehr geneigt sind, durch die äußern Einwirkungen (besonders die des atmosphärischen Sauerstoffs) zersetzt zu werden, die aber, solange sie Bestandteile des lebenden Körpers bilden, dieser Zerstörung mittels eines steten Stoffwechsels widerstehen, sodaß man den Lebensprozeß in chem. Hinsicht als eine stete Umwandlung, Ausscheidung und meubildung bezeichnen kann, mittels deren die Form a ind innere Struktur des Individ rhalten oder vielmehr neu geboren wird (Verjün-r ung). 3) Hinsichtlich ihrer Thätigkeit unterscheiden ich die lebenden Körper dadurch nnen heraus ohne unmittelbaren äußern Anstoß er-d olgt (Selbsterregung, Selbstthätigkeit, Spontanei-t ät). Sie wachsen durch innere Vervielfältigung k und Umwandlung der zelligen dach einem innewohnenden Urbilde (Entwickelung); ie erzeugen aus sich durch Sprossen, durch Samen oder durch Eier neue Geschöpfe derselben Art (Fortpflanzung); sie besitzen im Inner flüssigkeit, welche dieselben durchtränkt (Pflanzen und niedere Tiere), oder in e kreist (höhere Tiere: Blut); si haupten meist einen bestimmten Temperaturgrad (Eigenwärme); die höher entwickelten Lebewesen besizen die Fähigkeit, äußere Einflüsse zu empfinden, und sich selbst (vom Orte weg bewegen. Ihre Cxistenz ist auf dauer beschränkt, während deren sie eine allmähliche Umwandlung vom Jung⸗ zum (Lebensstufen). Endlich fallen iener Lebenseigenschaften (Sterben, Tod) dem zerstörenden Einwirken der all emeinen physik.⸗chem. Kräfte anheim (Verwesung, Fäulnis). Im Gegensatze zu diesen Eigentümlichkeiten sind die leblosen Körper der Natur entweder innerlich formlos (amorph) oder in Krystallform radlinigen Flächen begrenzt) vorhanden. Sie sind ferner binär (aus je zwei oder 2 ½. 2 u. s. w. Urstoffen) zusammengesetzt; sie unterliegen den zersetzenden Einwirkungen der Außenwelt (dem Verwittern), ohne sich zu reproduzieren; sie wachsen nicht durch innere Fortentwickelung, sondern höchstens scheinbar durch Ansatz von außen * (wie die Eiszapfen oder die Ciskrystalle gefrieren scheiben); demnach nicht fort, haben keinen Kreislau Empfindung u. s. w. Das L. erscheint in folgenden Hauptformen oder Graden: 1) Das latente oder Keimleben, wie wir es an den Samen oder Eiern beobachten. Diese Körper behaupten, wenn nichtübermäßig zerstörende Einflüsse der Außenwelt (3. B. sengende Hitze) sie treffen, ihre Gestalt, Mischung und Lebensfähigkeit viele Jahre lang. (S. Keim.) Ahnliche Zustände beobachtet man beim Larven-oder Puppenzustand mancher Insekten, beim Winterschlaf vieler Pflanzen und Tiere, beim Scheintod. oder vegetative Leben, welches in Wachstum, Ernährung (Reproduktion), Abs onderung und Fortpflanzung, ohne deutlich nachweisbare Empfindung für äußere Einflüsse und ohne Ortsbewegung be; steht. Doch gibt es hier schon Ausnahmen, z. B. die Selbstbewegung der sog. Sensitiven (Aimoss pudica), der Fliegenfalle DDionaea muscipula), der agilen und Schwärmzellen vieler niedern Pflanzer u. s. w. 3) Das animalische oder tierische Le. ven, in Empfindung und Selbstbewegung (Willens bewegung) sich äußernd, als deren Träger und Ver mittler ein Nervensystem vorhanden ist. Vom pflanz lichen L. unterscheidet es sich auch dadurch, daß sein Glieder nicht wuchern, d. h. Säfte nicht zur Bildung immer neuer Glieder ver wendet, sondern in eine allgemeine Lebensflüssigkei (das Blut) zurückgeleitet werden, aus welcher di Glieder des Tierleibes, ähnlich wie die Pflanze aus den unmittelbaren Elementen, ihre Nahrung ziehen. Das tierische L. zeigt sich innerhalb der Tierreihe von den Säugern bis zu den niedern Formen der Wirbellosen herab in sehr verschiedenen Graden der Entwickelung. Während bei den höhern Tieren die verschiedenen psychischen Vermögen: Beobachtungsgabe, Erinnerung, Phantasie u. s.f., zu unverkennbarer Außerung kommen, ist in seinen niedersten Formen das tierische L. von dem pflanzlichen nicht mit Sicherheit unterscheidbar. 4) Das psychische Leben des menschlichen Organismus, welches daxin besteht, daß sich auf der Grundlage der äußerlich-sinnlichen Empfindung und der animalischen Gliederbewegung die dem innern Sinn und dem Selbstbewußtsein angehörigen Thätigkeiten entwickeln, nämlich die des Gedächtnisses, der dichtenden Phantasie und der durch artikulierte Sprache sich kundgebenden Vernunft oder Überlegungskraft in ihrer dreifachen Gliederung als eines theoretischen, praktischen und ästhetischen Vermögens. In übertragener Bedeutung redet man 5) vom geistigen Leben; dasselbe bethätigt ch auf erfindende und handelnde Art in der Weltgeschichte als das L. der menschlichen Gesellschaft, dessen Organe die einzelnen Personen ihrer moralischen Bestimmung nach sind. Das Ganze dieses L. ist das Gesamtleben der Menschheit, wozu sich das Familienleben, Volksleben, Staatsleben, Kirchenleben u. s. w. als einzelne integrierende Bestandteile verhalten. Dasselbe besteht in Vereinen als Kollektivpersonen zu gemeinsamen durch sie zu verrichtenden Handlungen und Werken, in denen sich ein ihnen gemeinsamer Geist offenbart, von welchem sie untereinander beseelt sind. Die Lehre von den Lebensgesetzen und Lebenserscheinungen heißt die Biologie (s. d.). Vgl. Treviranus, Biologiev (6 Bde., Gött. 18⁰0² —22); Schultz-Schultzenstein, Die Verjüngung des menschlichen L.v (2. Aufl., Berl. 1850); Moleschott, „Der Kreislauf des L.v (5. Aufl., Mainz 1875): J. G. Fichte,Anweisung zu einem seligen L. v(1806); Krause, «Die reine Lebenslehre zur Begründung der Lebenskunstwissenschaft» (Gött. 1843); Jung, „Das Geheimnis der Lebenskunsto (Lpz. 1858) Preyer, «über die Erforschung des L.»(Jena 1873).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 870Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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