Kanem (im weitesten Sinne des Wortes genommen) wird im Westen durch die Strasse begrenzt, welche die Oase von Kauar mit der Nordspitze des T'schad-See verbindet. Im Norden hat es eine Linie zur Grenze, welche von der. Station Belgajifari (odır Belkachifarri) an der vorgenannten Strasse bis nach Birfo führt. ‘Von Birfo ab beugt sich die Grenze ostwärts ab, fast parallel mit dem Tieflande Egat, läuft sodann an Billori (arabisch Bu-Fummjn) vorbei südostwärts in der Richtung des Bachr-el-Ghasal, ohne denselben aber zu erreichen, und stösst von dort aus linksseitig an das nordöstliche Ufer des Sees. Das also begrenzte Gebiet umfasst‘ etwa 7080000 qkm einschliesslich der Brunnenund Weideplätze, welche von den nomadischen Der dauernd bewohnte Teil von K. beläuft sich auf höchstens ein Drittteil des gesamten Territoriums von K.; dessen Grenzen sind: im Norden der Aussenrand der Distrikte Schitati und Lilloa; im Osten eine Linie, welche nach dem Bachr-el-Ghasal zu läuft; im Südwesten der Bachrel-Ghasal selbst. Es stellt demnach ein Dreieck dar, dessen Grundlinie sich auf den See stützt, und dessen südöstlicher Teil in der heimischen Sprache allein den Namen trägt, welchen wir der ganzen Gegend zu geben gewöhnt sind. Im Norden von diesem eigentlichen oder engeren K. erstreckt sich der Distrikt Manga, wohin man durch langsamen Anstieg vom Tschad-See aus gelangt, und von wo ausman unmerklich in das im Nordosten gelegene Tiefland von Egai gelangt. Die Quellen des nordwestlichen Teils von Manga werden von den umherschweifenden, in der Regel weiter südlich, in der Nähe der Strasse von Kuka wohnenden Stämmen besucht; diejenigen des südöstlichen Teils von den Nomaden des Lilloa-Distrikts; nur wenige Thäler, in denen derWasserreichtum grösser ist, werden zeitweise durch die Daura angebaut. Die Weideplätze und Brunnen werden auch durch die Nomaden Schitatis besucht, welche ihre Wanderungen oder Kriegszüge bisweilen bis nach Egai ausdehnen. Die anerkannten Herren aber des Landes sind ve:- schiedene Stämme oder Teile von Stimmen, welch? in gewisser Hinsicht hier ihr Vaterland haben. Dies sind im Nordwesten die Gunda, ein Zweig des Tibesti-Volkes gleiches Namens, welche ein paar Kamele, auch ein paar Ochsen und Pferde besitzen und die nahen Weideplätze an der Strasse von Bornu nach Agaden im Norden besuchen. Mit ihnen weiden Abteilungen der Atereta, Teilstämme von Worda-Kuja und Worda-Ueddia, deren Brüder, die Worda-Sukkoma, in der Umgegend von Mondo wohnen. Weiterhin, im nämlichen Teile von Manga, wohnen die Osima (eine Unterabteilung der Yurva), welche vorzugsweise die Weideplätze von Luro, Rehi, Yunko und Madere aufsuchen und sich am liebsten in der Nachbarschaft von Belgajifari aufhalten; dann die Yorumma, eine Abteilung der Dasa-Sakerda, welche vor Zeiten aus der Gegend des Bachr-el-Ghasal und Egai gekommen sein sollen und aus zwei Gruppen bestehen: den Tommulma und den Kadjeloa. Die vorgenannten Stämme dıingen selten bis nach dem eigentlichen Kanem, mit welchem wir uns hier vorzugsweise beschäftigen; jenem Kanem, dessen von der Natur bevorzugter Boden einer sesshaften Bevölkerung Nahrung giebt; jenem Kanem, das ehemals in der Geschichte des Herzens von Afrika eine hervorragende Rolle gespielt hat, welches die Wiege des Bornu-Staates gewesen ist. Dies K. gehört nur in seinem nördlichen Teile (Schitati, Lilloa ete.) dem nomadischen Element an. Alle seine südlichen Distrikte sind, etwa vom 14. Breitengrade an, von einem Kern sesshaften Volkes besetzt; und diese mehr oder weniger von Wadai abhängigen Distrikte, als dessen Hauptstadt Ma’o angesehen wird, bilden genau das Gebiet, welches man speziell hierzulande mit dem Namen „Kanem“ belegt. Kanem teilt sich demnach in zwei Teile: das eine von den Nomaden besetzte Gebiet, während das andere (das K. der Arbeit und der Produktion) im Besitze von sesshaften Bewohnern ist. Es ist wahrscheinlich, dass die Kanembu (Kanem-Leute), die historischen Herren des Landes, ehemals aus Norden gekommen sind. Das Wort „Kanem* bedeutet in Wirklichkeit „Land des Südens“; es ist aus dem Tubu-Wort anem oder anum, das soviel wie „von Süden“ bedeutet und der Präfix K, welche zur Bildung von Substantiven dient, gebildet. Die Tubu-Stämme sind wahrscheinlich Eingeborene von Tu (Tibesti), und dort oder in Kufra ist der Ausgangspunkt der Herrschaft jener Bardoa zu suchen, welche mit anderen, aus Norden ausgewanderten Völkerschaften an der Gründung des Königreiches Kanem gearbeitet haben. Aber die Kanembu waren vor ihnen in diesem letztern Lande sesshaft, denn die Chronik Ahmeds erwähnt des sagenhaften Königs Sef (Saef) als Gründer einer Dynastie, welche über die Berbern, Tubu, Kanembu und andere Völkerschaften geherrscht hat. Zu welcher Zeit sie dorthin gewandert sind, weiss man nicht genau. Vielleicht haben sie, ehe sie Besitz von. K. ergriffen, eine Zeitlang in den benachbarten Gebieten des Ostens, Egai und Badele, gewohnt, die damals besser bewässert gewesen sein mögen als heute. Uebrigens scheint, abgesehen vom Sinne des Wortes Kanem, ihr nördlicher Ursprung aus der Verwandtschaft ihrer Mundart mit derjenigen der Tubu hervorzugehen. Ein anderer Beweis für die enge Verwandtschaft zwischen den beiden Völkerschaften und ein Anzeichen, dass die Kanembu aus dem Norden haben wandern müssen, ist die überraschende Ausbreitung des Tubu-Stammes der Tomaghera und die Thatsache, dass ein Teilstamm der Gruppe der Kubari-Kanembu den Namen „Borkuleute“ (Borkubu) trägt, was sehr wohl auf eine Bewegung von Nord nach Süd hindeutet. Die Tomaghera werden in der bornuanischen Chronik, in den ersten Zeiten des Kanem-Königreichs unter dem Namen „Kara-Leute* erwähnt. Seitdem lebten sie mit den Kanembu zusammen hier oder wurden selbst Kanembu. Barth ist der Meinung, dass sie ihren Namen dem bornuanischen Distrikt Demagerim gegeben haben. Ein anderer Stamm von Tubu-Ursprung, die Koyam, war ebenfalls in Kanem sesshaft seit den ersten Anfängen’ des Königreichs. Der Rest der Bevölkerung scheint zu späteren Zeiten dorthin gekommen zu sein. Aber ihre Elemente haben frühzeitig äusserst zahlreich sein müssen, da man in der bornuanischen, durch Barth aufgefundenen Chronik, die bis zum Beginn des 13. Jahrh., in der Zeit des Tsilim Ben Bekru, heraufsteigt, findet, dass die Mütter der Könige fast durchgängig Tubu-Weiber waren: ein Umstand, durch welchen es erklärlich wird, wie die vornehme Familie der Sefiya, die aus Arabien stammte, und in deren Händen die Herrschaft verblieben ist, ziemlich lange Zeit hindurch ihren hellen Teint bewahren konnte. Tsilim Ben Bekru, welcher als der erste dunkelfarbige Fürst genannt wird, hatte eine Kanembu - Frau aus Dobiri zur Mutter. Man erkennt gleicherweise den Einfluss der Tubu in dem durch Ibn Batuta berichteten Gebrauch der Könige von Kanem, sich das Gesicht mittelst des „litham“ zu verschleiern, und ferner in der aristokratischen Konstitution des Königreichs, dessen äussere Form sich bis in die Gegenwart hinein in Bornu erhalten hat. Die später kommenden Stämme, welche die Chronik unter dem generellen Namen „Teda“ begreift, ermangelten in ihrer Eigenschaft als undisziplinierte Nomaden nicht, bald mit der geregelten Herrschaft im Lande und seiner sesshaften Bevölkerung in Konflikt zu geraten. Hieraus erwuchsen langjährige Feindseliglichkeiten, welche die Kanembu allmählich zu einer gänzlichen politischen Unterordnung führten. Überall wo die beiden Elemente, die Arbeiter der Scholle und die Nomaden, sich zusammenfanden, blieb den zweiten die Oberhand. Der Sieg, welchen Ende des 16. Jahrh. der König Idri über die Bulala, die Verbündeten der Tubu, erfocht, wurde ebenfalls, wiees scheint, für viele von ihnen die Ursache, nach Bornu auszuwandern. Seitdem hatte sich die politische Lage nicht erheblich verändert, bis in der jüngsten Zeit die Uled Sliman kamen und gewaltsam von Kanem Besitz ergriffen, wodurch die Auswanderung nach dem Süden einen neuerlichen Vorschub erhielt (Nachtigal). Die Bevölkerungsstärke Kanems schätzt Nachtigal auf höchstens 100.000, was also, bei einem Flächenraum von 70-—-80000 km, einem Menschen pro qkm gleichkommt. Er kommt zu diesem Schlusse durch die folgende (wie er selbst sagt, nur höchst relativ richtige) Aufstellung der einzelnen Völkerschaften: 1) Reine und nomadische Stämme (Gunda, Atereta, Worda, Yorua, Mada, Yorumma, Wandala, Dogorda) ae ee 10 000 2) Reine und sesshafte Stimme (Beharoa, Morda,Norea, Aredda) 3000 (Kadama, Dibbiri, Orabba) 4000 4) Vermischte, mehr oder weniger sesshafte Stämme (Kumosoalla, Hawalla,Mo’allemin,Orabba) 5500