FeedIndische Vogelnester
TierreichAppetit-Lexikon 1894

Indische Vogelnester, eßbare oder chinesische Schwalbennester, gehören zu jenen außerordentlichen und wunderbaren Delicatessen, bei deren bloßem Namen man auf die Knie fallen und Gott danken möchte — daß er Europa gnädigst vor solcher faden Albernheit bewahrt hat. Diese famosen Nester sehen nämlich aus wie austernförmig platte oder auch löffelartig vertiefte Stücke durchscheinenden weißen Leims von etwas blättrigem Gefüge, verwandeln sich in heißem Wasser oder Fleischbrühe ohne Umstände in Gelée und schmecken — absolut nach nichts. Daraus wird nun mit möglichst kräftiger und vor Allem stark gewürzter Kraftbrühe die berühmte Vogelnestsuppe (potage aux nids d'hirondelles) hergestellt, für die man in Havre 5 Franes, in Hamburg 3 Mark pro Portion bezahlt, wenn sie gerade zu haben ist, denn die Nester werden nur immer zufällig von einem Java⸗ oder Chinafahrer mitgebracht und bilden in Europa keinen Handelsartikel, weil jeder nur einmal auf diese Fünffranken-Suppe hineinfällt und dann nie wieder. China dagegen, wo das Gericht, und bei dem dort beliebten übermäßigen Gewürzzusatz gewiß nicht ohne Grund, als Aphrodisiacum erster Klasse gilt, importirt jährlich 88 ½ Millionen Stück Schwalbennester hauptsächlich aus Java und läßt dafür etwa 1½ Millionen Dollars ins Ausland gehen. Auch Oesterreich versuchte daher im vorigen Jahrhundert Antheil an diesem Handel zu gewinnen und legte 1778 zu Camorta auf den Nikobaren eine Factorei für den Vogelnesterhandel an, die aber keinen Bestand hattte. Was den Ursprung der Nester anlangt, so werden sie von der Salangane oder Nesterschwalbe aus dem zähen Schleime oder Speichel hergestellt, den die Speicheldrüsen dieses Thierchens zur Nistzeit in großer Menge absondern, und besonders auf Java von einer eigenen Zunft der „Nestpflücker“ unter dem Protectorate einer eigenen Gottheit, der Ratu-Loro-Segoro-Kidul (d. h. jungfräulichen Königin des Meeres), dreimal im Jahre, im April, im Juli und November, mit Lebensgefahr von den Felswänden herabgeholt, nach ihrer Reinheit von fremden Stoffen (Federn, Vogelkoth etc.) und ihrer Weiße in zwei Sorten gesondert und in Kisten zu 35 kg Schwere zum Versandt gebracht. Auf Java selber ist man vernünftig genug, diesen Leckerbissen unangetastet an sich vorübergehen zu lassen.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 240Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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