FeedQuendel
PflanzenreichAppetit-Lexikon 1894

Quendel, ein Würzkraut aus der Familie der Lippenblütler und Vetter des Majorans, der Salbei und des Bohnenkrauts, kommt in Oesterreich und Deutschland in zwei Arten vor. Der wilde Quendel, Feldquendel, Feldkümmel oder Feldthymian, ein kleiner, aromatisch riechender Halbstrauch mit stumpfen Blättern und rosen-oder purpurrothen Blüten, findet sich als Wildling auf sonnigen Triften und Hügeln, wird aber in der Küche höchstens als Thee verwendet. Der Thymian dagegen, Gartenquendel oder römische Quendel, in Oesterreich auch Kuttelkraut („Kudelkraut“) genannt, scheint erst im 16. Jahrhundert aus Südeuropa in die deutschen Gärten gelangt zu sein, wo er damals nicht bloß als Küchenkraut, sondern auch als Ziergewächs gepflegt wurde. Die ganze Pflanze riecht und schmeckt durchdringend, aber angenehm gewürzhaft, und findet daher als Fleischwürze, besonders für die Wurstfabrication, sowie zu Saucen und bisweilen auch zur Bowle vielfache Verwendung. OQuinoa-Melde oder Reismelde, ein Meldengewächs mit 1—1½ m hohem Stengel, großen, eiförmigen Blättern und schwärzlichem oder gelbweißem Samen von Hirsekorngröße, wird seit alter Zeit in ihrer Heimat Chile, sowie in Peru und Neu-Granada als Gemüse und namentlich als Getreidepflanze cultivirt. Die grünen Blätter werden als Spinat verzehrt, die Samen aber geben, in Wasser oder Milch gekocht, einen sehr beliebten Brei, sowie, zu Mehl zerstampft und geröstet, eine Art Cancha (eigentlich gerösteter Mais), die zu den alltäglichen Nahrungsmitteln der Südamerikaner gehört. In Europa machten zuerst 1822 die Engländer Anbauversuche mit der Reismelde und 1835 folgte ihnen v. Babo zu Weinheim in Würtemberg, der die Quinoasuppe der Grünkernsuppe ebenbürtig fand — aber ungeachtet des Erfolges dieser Versuche fand die Pflanze keinen Eingang. Erst seit 1875 wird sie in Frankreich etwas häufiger gezogen und dient dort im Juli und August als beliebter Ersatz für den in diesen Monaten seltenen Spinat. OQuitte, mittelhochdeutsch Kitte oder Kütte, in Oesterreich Kide, der goldene Apfel der Venus, der Eris und der Hesperiden, ist in dem weiten Gebiete südlich vom Kaspisee und vom Kaukasus, sowie in Anatolien heimisch und wurde von dorther schon vor mehr als dreitausend Jahren über die ganze Levante und nach Griechenland verpflanzt. Höchst wahrscheinlich ging die Cultur des Ouittenbaums vom nördlichen Persien aus, wie denn die ½.¾ kg schwere Haiwah von Ispahan noch heute an Duft, Fleischigkeit und Größe alle anderen Quitten übertrifft. Die Hebräer hatten zwar keinen eigenen Namen für dies Kernobst, kannten es aber sehr gut, denn Salomo's vielgenannte „goldene Aepfel in silbernen Schalen“ waren nichts anderes als Quitten; den Griechen lieferte ursprünglich das Städtchen Kydon aufKreta (daher der griechische und der danach gebildete lateinische Name eydonia!) die vorzüglichste Sorte, aber schon zur Zeit Theophrast's (um 350 v. Chr.) eultivirte man in Hellas selber die beiden Hauptsorten, die Apfel⸗ und die Birnquitte. In Italien war der Baum schon zu Cato's Zeit (um 200 v. Chr.) bekannt, und nach Deutschland kam er, wenn nicht früher, durch Karl den Großen. Gegenwärtig ist er im ganzen Mittelmeergebiet, in den Donauländern mit Einschluß Niederösterreichs, in Tirol und zum Theile in Süddeutschland vollständig eingebürgert und nicht selten als Wildling zu finden, während er in Norddeutschland gegen das übrige Kernobst sehr in den Hintergrund tritt. Wie hoch man im 16. Jahrhundert die Quitte hielt, erhellt daraus, daß bei der Krönung Maximilian's II. im Jahre 1562 lauter Quittenwerk auf die Tafel kam, das die Herzoginnen von Bayern und von Mantua nebst den übrigen neun Schwestern des Neugekrönten eigenhändig zubereitet hatten, und daß Ferdinand I., als er im März 1564 dem Kurfürsten August von Sachsen Qnittenkuchen schickte, dem Leibarzt Naeve die sorgliche Aufbewahrung dieser Leckerei mit den rührenden Worten an's Herz legte: „Lieber, thut das damit ich den Ruhm meiner Kuchen nicht verlieren möge.“ Damals galten noch die Quitten von Mantua für die besten, hundert Jahre später aber bemerkt Hohberg: „Die aus Tirol von Bozen kommen, werden wegen ihrer Milde, Größe und Güte allen anderen vorgezogen“, und noch heute wird bekanntlich der Quittenkäse von Bozen ganz besonders geschätzt. Im Allgemeinen jedoch läßt sich nicht verkennen, daß die Quitte seit dem 18. Jahrhunderte in Mitteleuropa viel von ihrem ehemaligen Ansehen verloren hat, weil die Cultur, die doch mit Schwanz und Pferdefuß des Teufels fertig wurde, bei ihr Zeit und Mühe umsonst verschwendet und herzlich wenig ausgerichtet hat. Die Quitte ist noch heute ganz so hart und sauer wie vor 3000 Jahren, und noch heute müssen wir uns mit den beiden uralten Hauptsorten, der Apfelkitte mit apfelförmiger und der Birnquitte mit birnförmiger Frucht, begnügen, denn die gewöhnlich als dritte Form aufgeführte portugiesische oder Porto-Quitte ist in Währheit nur eine Spielart der Birnquitte, von der sie sich einzig durch die Größe und die tiefgelbe Farbe unterscheidet. In Wien dreht man übrigens die Sortenbezeichnung um und redet mündlich und schriftlich von „Quittenäpfeln“ uud „Quittenbirnen“, was ungefähr ebenso richtig ist, als wenn jemand Seesalz meint und Salzsee spricht. Wegen ihrer Herbheit wurden die Quitten schon im Alterthume nur ausnahmsweise roh genossen: gewöhnlich röstete man sie oder kochte sie mit Honig ein. Später trat an die Stelle des Honigs der Zucker, und seitdem ist die culinarische Verwendung der duftenden, goldfarbenen Frucht im Wesentlichen dieselbe geblieben, namentlich hat der Quittenkuchen oder Quittenkäse (Quitten mit Zucker und Zimmt, Rosenwasser oder Citronensaft, zu Marmelade verkocht und dann getrocknet), die Codognata der Italiener und Aiwaperwerdessi der Türken, sich durch die Jahrhunderte hindurch unverändert in der Küche erhalten. Quittenspalten, in Wein gedünstet, geben ein leckeres Com pot, Quittenmus mit Zucker, Malaga und Limoniensaft in der Gefrierbüchse ein schmackhaftes Gefrorenes; daneben kommt Quitten-Marmelade und Quitten-Backwerk (Kipfel, Torten, Hohlhippen etc.) auf den Tisch; man bereitet auch wohl noch hin und wieder aus Quittensaft und Zucker Quittenwein — alle diese Präparate aber riechen ein wenig nach der Apotheke, gewähren daher keinen reinen Genuß und kommen immer mehr aus der Mode, so daß die Zeit nicht mehr fern scheint, wo man die Quitte nur noch ihres Duftes wegen schätzen wird.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 429Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Pflanzenreich 6