Saccharin, eine culinarische Errungenschaft der jüngsten Neuzeit, wird gleich den prächtigen Anilinfarben aus dem nichts weniger als anmuthigen Steinkohlentheer gewonnen und erscheint als gelblich-weißes, krystallinisches Pulver, das in Wasser und noch leichter in Alkohol löslich ist. Dreihundertmal süßer als Zucker, stellt es das Ideal eines Süßmittels dar und wird in allen den Fällen mit Vortheil verwendet, wo eine starke Versüßung erforderlich und namentlich wo der Zucker als Gährungserreger verpönt ist, also in der Küche für Diabetiker und Magenleidende. Im Gegensatz zu Zucker und Honig ist nämlich das Saccharin kein der Gähruug unterworfener Nährungsstoff, sondern ein reines Gewürz, das unverändert in den Kreislauf übergeht und unzersetzt wieder ausgeschieden wird. Auf dieser Eigenschaft aber beruht wie einerseits seine Ueberlegenheit, so andererseits auch sein Minderwerth gegenüber dem Zucker, denn die mit Saccharin bereiteten Speisen sind eben deshalb nie so vollmundig und nie so nährkrästig wie die mit Zucker bereiteten. Das Saccharin kann also nie den Zucker vollständig ersetzen, vielmehr empfiehlt es sich, im Interesse des guten Geschmacks das neue Süßmittel so weit möglich immer nur mit Zuckerzusatz zu verwenden. Mit Unrecht dagegen ist es als Störenfried der Magenthätigkeit verdächtigt worden; die Erfahrung hat vielmehr ergeben, daß es in den kleinen Mengen, in welchen es 30* bei seiner großartigen Süßkraft immer nur verwendet werden kann, durchaus keinen nachtheiligen Einfluß weder auf die Verdauung noch sonst auf den Organismus ausübt. Der Consum hat daher namentlich in der Liqueurfabrication und in der Obsteonserven-Bereitung bereits einen ziemlichen Umfang angenommen und wird sich voraussichtlich neben dem Zuckerverbrauche etwa in derselben Weise und zu derselben Höhe entwickeln, die der Cichorienconsum neben dem Kaffeeverbrauch erreicht hat. Befindet sich doch das Saccharin erst seit zehn Jahren auf dem Markte; denn 1879 von dem Deutschrussen Constantin Fahlberg (geb. zu Tompow am 22. December 1850) erfunden, wurde es zuerst 1884 von Adolf List in Leipzig in den Handel gebracht und wird erst seit 1887 von der Saccharinfabrik von Fahlberg, List & Co. zu Sabke-Westerhüsen a. d. Elbe im Großen hergestellt. Generalvertreter dieser Fabrik für Oesterreich-Ungarn ist die Firma Julius Jalowetz in Wien, Kaiser Josefstraße 20.