Tauben mit grünen Erbsen, der Wappenvogel der Venus, mit der Festschärpe des Wonnemonds umgürtet, bilden das reizendste Stück poetischen Stilllebens, das dem Menschen in natura vorkommen kann. Junge Tauben sind zwar jederzeit zu haben, die Maitauben aber sind entschieden die besten, und übertreffen ihre Geschwister in demselben Grad, wie die ersten grünen Erbsen alle ihre Nachfolgerinnen übertreffen. Eine Schüssel ersten Rangs bilden sie freilich deshalb noch lange nicht, denn die junge Taube an sich — die ältere kommt gar nicht in Betracht, weil sie ihrer Dürre wegen höchstens im Suppentopf verwendbar ist — stellt bei 75/½ Wasser⸗ und nur 1so Fettgehalt einen so überaus magern Bissen vor, daß die Zartheit ihres Fleisches daneben gar nicht zur Geltung kommt. Bei der Taube sind daher Speck und Bratenbutter mindestens ebenso unentbehrlich, wie bei einer Schauspielerin die Schminke und das Lampenlicht, und man darf mit Grund behaupten, daß ihr Ansehen bei den Gastronomen weit mehr auf den Zuthaten als auf ihrem eigenen innern Werth beruht — was freilich, wie man hört, auch beim Menschen bisweilen vorkommen soll. Und das gilt nicht blos von der gewöhnlichen Haustaube, sondern auch von den verschiedenen Wildtaubenarten: der Holztaube, der Ringeltaube und der berühmten Turteltaube. Bei alledem steht aber nicht zu bestreiten, daß die Taube, gehörig gespickt oder gefüllt, am Spieß oder in der Pfanne gebraten, in Butter gedämpft, eingemacht, gebacken oder geröstet, als Salmi, als Ragout, als Cotelette und sogar als Pastete immer einen angenehmen Eindruck macht und die Achtung verdient, mit der man ihr in solchen Fällen begegnet. Ihre ganz besondere Bedeutung für die Küche aber und hauptsächlich für den Krankentisch beruht darauf, daß sie, Dank ihrer vertraulichen Stellung, zur Göttin der Liebe mit unerschöpflicher Liebeslust und Liebeskraft begnadet ist, und es daher in ihrer Familie nie an jungem Nachwuchs fehlen läßt. Diese Productionslust hat insbesondere für Wien die gute Folge, daß es jährlich mindestens 750 000 Tauben verspeisen kann, ohne sich finanziell zu ruiniren, da der Preis hier nur 0·35-0˙85 Mark pro Stück beträgt, während er sich in Paris genau auf das Doppelte stellt. Wie in Oesterreich, steht die Taubenzucht auch in Italien, Frankreich, Belgien, Holland und England in Blüthe, während in Norddeutschland Taubenthürme selten und das Product ein höchst mittelmäßiges ist, so daß Vaerst von der norddeutschen Taube mit vollem Recht sagt: „Ein liebenswürdiger Vogel, schön in der Luft, aber schlecht in der Schüssel“.