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TierreichAppetit-Lexikon 1894

Ente, im höhern Sinne ein schreckliches Wesen, das vom eigenen Vater verleugnet zu werden pflegt, im gemeinen Verstande dagegen eine ganz anmuthige Erscheinung, die namentlich gebraten allgemeine Anerkennung findet, lebt in verschiedenen Arten sowohl zahm auf den Geflügelhöfen als wild auf den Gewässern Europas, Asiens, Nordafrikas und Nordamerikas, erfreut sich ausnahmslos eines sehr gesunden Appetits und einer gesegneten Verdauung und schwärmt förmlich für das stärkste aller Getränke, das liebe Wasser, das bekanntlich mit Panzerkolossen Fangball spielt, unter deren Wucht der Mutter Erde alle Rippen im Leibe krachen würden. Gebratene Ente, mit der eigenen Sauee servirt, ist allemal vorzüglich — wenn die Ente jung war. Leider aber gibt es durchaus kein äußeres Kennzeichen für das Alter einer erwachsenen Ente, und daher sind betrübliche und beklagenswerthe Fehlgriffe beim Einkauf nicht zu vermeiden. Dieses Uebelstandes halber — nicht wegen ihres saumäßigen Hantirens im Schmutz, das ihr in der Thierfabel den Namen „Tibbeke mit der Schmutznase“ zugezogen hat — ist die Ente in der Küche etwas weniger geachtet, als sie wirklich verdient. Denn auch ein altes Exemplar, wenn es sonst nur fett und fleischig ist, liefert gedämpft mit Salmisauce, mit Orangensauce, mit Champignons, mit Sauerkraut, mit Kastanien u. s. w. eine ganz vortreffliche Schüssel, die keinem Gaste zum Unheil und keiner Tafel zur Unehre gereicht. Auf der höchsten Höhe jedoch stehen die gedämpften Entenbrüste mit grünen Erbsen, eine so verführerische, so hinreißende Verbindung des Starken mit dem Zarten, daß man angesichts derselben aufrichtig die geringe Fassungskraft des menschlichen Magens zu bedauern in Versuchung kommt. Die Entensaison umfaßt in Mitteleuropa die vier letzten Monate des Jahres, in Südeuropa dagegen den eigentlichen Winter (December bis Mitte März). Im Königreich Preußen werden im Durchschnitt jährlich 250 000, in Oesterreich dagegen nur etwa 50 000 Wildenten erlegt, von denen in Wien höchstens 1000 Stück neben etwa 10 000 Hausenten zum Consum gelangen. Wie es scheint, lassen hier die vorzüglichen „Backhendl“ die vortrefflichen Enten nicht recht' aufkommen.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 145Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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