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TierreichAppetit-Lexikon 1894

Vanille, die Trüffel der Tropen, erscheint als langgestreckte, dunkelbraune, etwas fettglänzende, weiche und biegsame, mit glänzend weißen Krystallen bedeckte Schote von 15 —24 em Länge, 6 -8 mm Breite, 2¼½ — 3 mm Dicke und 4 bis 5g Schwere, und ist die Kapselfrucht (keine Schote!) eines mächtigen Schlinggewächses, des Vanillestrauchs, einer der sehr wenigen Orchideen, die nicht als Schmarotzer leben, sondern bodenständig auf eigenen Wurzeln fußen. Die Heimat der Pflanze ist Mexico, wo sie schon von den Azteken cultivirt und zur Aromatisirung des Cacao benutzt wurde, mit dem zugleich die Spanier sie kennen gelernt haben. Zu Ende des 16. Jahrhunderts bekam Clusius die Frucht bei dem Hofapotheker Morgan in London zu Gesicht und gab dürftige Nachricht davon. Ausführlicher berichtet 1694 der Franzose Pomet, daß Vanille in beträchtlicher Menge aus Spanien eingeführt und in Frankreich zur Parfümirung der Chocolade und des Schnupftabaks verwendet werde. Die nämliche Verwendung fand sie nach dem „Compendieusen Haushaltungs-Lexikon“ um 1728 auch in Deutschland, während Marperger, der Verfasser des „Küch- und Keller-Dictionariums“, sie 1716 noch durchaus nicht kannte. Nachdem die Vanille 1721 in den englischen Arzneischutz aufgenommen worden, gelangte 1739 auch die lebende Pflanze in die englischen Gewächshäuser, und ein Jahrhundert später (1836) glückte es dem Gärtner Neumann, sie im Pariser Pflanzengarten zum Fruchttragen zu bringen. Inzwischen war der Preis des kostbaren Gewürzes von 20—24 Thaler per Kilo auf 60—80 Thaler gestiegen, der Botaniker Perrotet unternahm daher 1839 die Verpflanzung des Vanillestrauchs nach der Insel Réunion, und zehn Jahre später (1849) kamen die ersten drei Kilo jener Bourbon-Vanille in den Handel, die jetzt den Markt beherrscht, da die Ausfuhr aus Mexico, die 1802 noch 1793 000 Stangen betrug, immer mehr herabgeht, und auch in Java, wo man schon 1819 Versuche angestellt, aber erst seit 1841 mit der Vanillezucht Erfolg hatte, der Anbau seinen Höhepunkt überschritten hat. Neben der echten Vanille wird in Mexico noch von den wildwachsenden Pflanzen die dürre und weit weniger aromatische wilde Vanille eingesammelt. Außerdem kommen die 2—3 em breiten Früchte des südamerikanischen Guyana-Vanillestrauchs als Guyana— Vanille, die nur 5 em langen und 1½ em breiten Früchte des Palmen-Vanillestrauchs als Palmen-Vanille und hauptsächlich die 14—15 em langen und bis 2½ em breiten Früchte des Pompona-Vanillestrauchs als La Guayra⸗ und Pompona-Vanille oder kurzweg Vanillon im Handel vor, unterscheiden sich aber von der echten, vollwerthigen Waare nicht blos durch die angegebenen Größenmaße, sondern vor Allem auch durch den Geruch, der insbesondere beim Vanillon weniger an Vanille als an Tonkabohne und Benzos erinnert. Wie bei der Trüffel, nur in noch höherm Grade, ist nämlich auch bei der Vanille das eigenartige Aroma die Hauptsache. Dies wundervolle, undefinirbare, weil unvergleichliche Aroma, das auf dem Gehalt der Schote an Vanillin beruht, macht den Ruhm und das Verdienst der echten Vanille aus und hebt sie thurmhoch über alle Surrogate und anderen Gewürze hinaus. Auf diesem zauberischen Duft beruht auch die Reizwirkung, die ihr keineswegs ohne Ursache zugeschrieben wird. Unsere Damen hat der Instinet aber längst auf die rechte Fährte gebracht, und nichts erscheint ihnen leckerer, anziehender, begehrenswerther als Vanille-Chocolade, Vanille-Eis, Vanille-Crème, Vanille-Zucker, Vanille-Nudeln und Vanille-Strudeln. Vielleicht eben darum ist aber auch die Vanille nicht blos das köstlichste, sondern zugleich nächst dem Safran das kostspieligste aller Gewürze, das in guter, „krystallisirter“ Waare schon im Großhandel 40—50 Mark pro Kilo kostet und im Einzelverkauf nur zu 0˙·50—0˙85 Mark per Schote zu haben ist — wenigstens in Oesterreich.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 566Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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