Waldmeister oder Waldmeier, auch Herzensfreud, Mu sch, Möschen oder Meserig, d. h. Muskatkraut, sind die poetischen Namen jenes vegetabilischen Maikönigs, ohne den die Maibowle ein erst noch zu entdeckender Genuß sein würde, wie sie das für die Griechen, die Römer und sogar die „alten Teutschen“ war; denn obgleich das schmucke, saftgrüne, duftende Kraut mit den weißen Blüthendolden, das heutzutage in Paris während der Wintermonate sogar als Topfpflanze eine Rolle spielt, in den kühlen Gründen der Laubwaldungen Nord- und Mitteleuropas nichts weniger als selten ist und unmöglich der menschlichen Aufmerksamkeit entgehen konnte, erkannte man doch erst im spätern Mittelalter die herzerquickenden Kräfte desselben und gebrauchte es auch dann nur als Mediein, nicht als Würze, denn der Maitrank des Mittelalters und noch des 17. Jahrhunderts wurde ausschließlich nach pseudomedieinischen, nicht nach gastronomischen Principien zusammengestellt. Noch der Freiherr v. Hohberg (gest. 1688), so sehr er den Waldmeister rühmt, hat von der Maibowle keine Ahnung! Freilich spielte die „Herzensfreud'“ auch damals schon in den Maitränken die Hauptrolle, aber erst das 19. Jahrhundert hat ihre Verdienste ohne Einschränkung anerkannt und sie von der ebenso lästigen wie überflüssigen Begleitung der Erdbeer-, Himbeer- und Gichtbeerblätter, der Schafgarbe, des Veilchens, des Fingerkrauts, der Gänseblume u. s. w. befreit. Der köstliche Duft des Waldmeisters, in dem Grade mit unserm Erinnerungsbild vom Frühling verwachsen, daß er uns selbst im dicksten Winter augenblicklich an Maienluft und Waldesgrün gemahnt, beruht auf dem Gehalt nicht blos der Blüthen, sondern auch der Blätter an Cumarin, jenem kampherähnlichen Stoff, der sich auch in der Tonkabohne und in anderer Mischuug auch im Steinklee findet. Bei der Bowlenbereitung theilt sich das Cumarin dem Wein mit, wie jeder Bowlenverehrer weiß. Nicht jeder aber scheint zu wissen, daß die Bereitung des käuflichen Waldmeister-Extraets auf dieselbe Weise geschieht, und daß er grausam geprellt wird, wenn man ihn dies äußerst einfache Präparat als ein Wunder der neuern Chemie bezahlen läßt.