FeedZiegenfleisch
Haus & KücheAppetit-Lexikon 1894

Ziegenfleisch ist zäh, lehrt das Sprichwort; es braucht sich daher Niemand zu wundern, wenn er es in keinem Kochbuch erwähnt findet. Dem Schicksal des Gegessenwerdens entgeht aber die „Kuh des Proletariers“ darum doch nicht. Vielmehr bildet ihr Fleisch in Gebirgsländern, so z. B. in der Schweiz, ein durchaus gewöhnliches Nahrungsmittel, das im Allgemeinen dem Schaffleisch gleicht, aber etwas ärmer an Fett, etwas fester in der Faser und etwas strenger im Geschmack ist und daher dem Hammelfleisch niemals vorgezogen wird, obgleich es ganz entschieden nährkräftiger ist als dieses. Anders liegt die Sache beim Ziegenlamm. Das Fleisch des Böckleins und der Kitze gilt noch heute für einen delicaten Bissen gerade wie vor rund 4000 Jahren, als Jacob seinem Vater Isaak einen Braten daraus zurichtete, der den alten Herrn bis in den siebenten Himmel entzückte. Besonders feine Zungen wollen sogar eine Art Wildgeschmack daran wahrnehmen, und so bildet der Ziegenlammbraten nicht blos in Europa, sondern auch in Indien eine Festschüssel, die allerdings höhern Ansprüchen durchaus gewachsen erscheint.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 595Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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