FeedHelmstadt
ErdkundeBrockhaus 1882

Helmstadt, Marktflecken im bayr. Regierungsbezirk Unterfranken, 16 Km westlich von Würzburg, mit (1880) 1112 E., wurde geschichtlich namhaft durch das Gefecht am 25. Juli 1866. Gegen 1½ Uhr nachmittags stieß die preuß. Division Beyer bei Neubrunn auf bayr. Vortruppen und warf diese, sowie vier auf dem Sesselberge und bei H. mit 4 Geschützen aufgestellte bayr. Bataillone, welche ohne einheitliche Leitung fochten. H. wurde besetzt, wodurch sich die Division Beyer unbewußt zwischen die bayr. Divisionen Stephan und Prinz Luitpold eindrängte. Der linke Flügel der Division Prinz Luitpold wurde vom altersheimer Berge nach längerm Gefechte vom preuß. 32. Infanterieregiment bis Waldbrunn zurückgedrängt, und auch der rechte Flügel wich. Das Gefecht schien um 6 Uhr beendet, als plötzlich hinter dem preuß. linken Flügel 4½ Bataillone und 2 Batterien der Division Stephan erschienen. Die Hauptmacht der Division Beyer ging von der Ziegelhütte bei H. aus sofort gegen diesen Gegner vor und trieb denselben bis littingen, wo mehrere bayr. Batterien zur Aufnahme standen, zurück. Erst die Nacht machte dort der Kanonade ein Ende. „Helmstedt, Kreisstadt im Herzogtum Braunschweig, 37 kmeöstlich von der Stadt Braunschweig, an einem Bache in einer weiten Thalsenkung zwischen Lappwald und Elm,‚, 111 meüber dem Meere, Station der Linien Jerxheim-H. und Braunschweig-H. der Braunschweigischen Bahnen und der Linie Eilsleben-H. der Preußischen Staatsbahnen, ist Sitz einer Kreisdirektion und eines Amtsgerichts, hat ein Gymnasium, eine landwirtschaftliche Schule, zwei Bürgerschulen und eine höhere Töchterschule, zählt (1880) 8684 E. (darunter 579 Katholiken und 13 Juden) und hat Fabrikation von landwirtschaftlichen Maschinen, Schuhwaren, Thonwaren, Seifen, Tabak, Pfeifen, Erdfarben, Watte, eine Dampfmahlmühle, Branntweinbrennereien, zwei Wollgarnspinnereien, eine Zuckerraffinerie und eine weithin bekannte Fabrik für die Maschinen der Seifenindustrie. H. hat jährlich elf stark besuchte Kram- und Viehmärkte. Die von Herzog Julius gestiftete, 15. Okt. 1576 eingeweihte Universität stand besonders im 17. Jahrh. in hoher Blüte, wurde aber 10. Dez. 1809 durch die westfäl. Regierung aufgehoben. In dem im edelsten Renaissancestil aufgeführten Universitätsgebäude (Juleum) befinden sich jetzt die Reste der alten Universitätsbibliothek (18 — 20000 Bände). Sonst sind von Gebäuden ausgezeichnet die got. Stephanskirche aus dem 12. Jahrh. mit den Epitaphien berühmter Professoren und die westlich der Stadt, auf einer Anhöhe gelegene, 1256 eweihte, jetzt stilvoll renovierte Kirche des luth. ir ehemaligen Augustinernonnentifts Marienberg, eine Pfeilerbasilika, deren prachtvolles Hauptportal für ein Meisterwerk des übergangsstils gilt; ferner das dem Juleum im Stil angepaßte neue Gymnasium. Auf dem Corneliusberg, eine Viertelstunde westlich vor der Stadt, liegen die Lübbensteine genannten Granitblöcke. In der Umgegend werden an vielen Stellen Braunkohlen gewonnen und Koprolithen gegraben. Unfern in einem Thale des Lappwaldes liegt Bad Helmstedt und Klarabad mit eisenhaltigen Quellen, besonders von Gichtleidenden besucht, mit einem Denkmal der 1870—71 gefallenen Braunschweiger. H. ist historisch bekannt seit 798, als Ludgerus, der erste Bischof von Münster, hier taufte und das 1803 säkularisierte Benediktinerkloster St. Ludgeri stiftete, jetzt Domäne mit kath. Kirche, unmittel-Conversations-Lexikon. 13. Aufl. IXV. bar östlich vor der Stadt; unter der Kirche liegt die St. Felicitas-Kapelle aus der ersten Hälfte des 11. Jahrh. Auf dem ehemaligen Kreuzganghofe befindet sich eine restaurierte Doppelkapelle, deren obere Kapelle um 1000 erbaut ist, während die untere Kapelle mindestens aus dem 10. Jahrh. stammt. Unter den Abten von Werden an der Ruhr wuchs der um 900 im Gau Derlingo gegründete Ort heran, erhielt 1099 Stadtrechte, trat 1457 dem Hansabunde bei und kam 1490 an Braunschweig. Etwa 7 km östlich von H. liegt das gräfl. Gneise— nausche Gut Sommerschenburg mit dem Grabe des Feldmarschalls Gneisenau. Westlich von H. liegt das ehemalige Cistercienserkloster Marienthal mit einer schönen, neu restaurierten Kirche (erbaut in der ersten Hälfte des 12. Jahrh.) und vielen Resten der Klostergebäude. Der Kreis Helmstedt zählt auf 788 qkm (1880) 57 809 meist evang. E. Vgl. Kunhard, «Beiträge zur Geschichte der Universität H.» (Helmst. 1797); Ludewig, 4Geschichte und Beschreibung der Stadt H.v (Helmst. 1821), «Geschichte der ehemaligen Hochschule Julia Carolina zu H.»(Helmst. 1876).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 96Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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