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NaturlehreBrockhaus 1882

Jod oder Jodine (abgeleitet vom grch. koerdue, d. i. veilchenfarbig), chem. Zeichen I, Atomgewicht 127, ein nichtmetallisches, zu den Haloiden gehörendes Element, 1811 von Courtois entdeckt, aber erst von Davy und Gay-Lussac genauer untersucht und als Element erkannt. Das J. ist in der Natur sehr weit verbreitet, kommt aber immer nur sehr spärlich und nie im freien Zustande, sondern nur in Verbindungen vor. Es findet sich in einzelnen seltenen Mineralien als Jodsilber, als Jodquecksilber, als Jodammonium, spurenweise in Phosphoriten, Steinkohlen, in sehr vielen Heilquellen, im Meereswasser, in dem Caliche, aus welchem durch Raffination der Chilisalpeter dargestellt wird, in sehr vielen Landpflanzen und den daraus dargestellten Produkten, reichlicher in Meerespflanzen und in den im Meere lebenden Tieren, angeblich soll es auch Bestandteil der Atmosphäre sein. In verhältnismäßig größter Menge findet es sich in den Meeresalgen, Fucus, Laminaria u. a. Diese Gewächse haben eine besondere Befähigung für die Aufspeicherung von Jodverbindungen, in keinem lebenden Naturprodukt findet es sich annähernd in so reichlicher Menge wie in diesen. Dieselben sind daher auch, solange man in Europa J. dargestellt hat, der Ausgangspunkt der Fabrikation des J. gewesen; in den letzten Jahren hat jedoch die europ. Fabrikation in dem sich immer mehr steigernden Import von chilenischem J. eine so erhebliche Konkurrenz erfahren, daß viele Fabriken ihren Betrieb eingestellt haben. In Europa sind nur zwei Distrikte der Jodgewinnung vorhanden: die Umgegend von Glasgow, wo im J. 1882 aber nur noch eine große Fabrik thätig war, und die Westküste von Frankreich, wo im J. 1878 10 oder 12 Fabriken gearbeitet haben sollen. Der Handel hat das J. stets als Spekulationsartikel betrachtet, wodurch die Preise Schwankungen von 9 bis zu 75 Mark pro Kilogramm erfahren haben. Zur Jodgewinnung dienen an der schott. Küste Laminaria digitata (0O,29—0,45 Proz. J.), L. saccharina (0,2s Proz.), Fucus serratus (0,9 Proz.), F. nodosus (0,6 Proz.), F. vesiculosus (O,s Proz.); an der franz. Küste werden F. vesiculosus, nodo-Sus, siliquatus. serratus, loreus, esculentus, bulbosus, saccharinus, digitatus stenolobus, digitatus stenophyllus verarbeitet. Diese Algen, welche zum Teil tief unter Wasser wachsen, werden auf mühsame Weise geerntet, an der Sonne getrocknet und meist in Gruben verbrannt. Die dabei urückbleibende Asche heißt in Schottland Kelp, in Frankreich Vareck. Bei der Darstellung der Asche geht eine große Menge J. durch die übermäßige Hitze verloren. Um diesen Verlusten vorzubeugen, sind verschiedene andere Arbeitsmethoden in Vorschlag gebracht; dieselben haben sich aber bislang im Großbetrieb nicht einzubürgern vermocht. Bei Glasgow wird der Kelp mit warmem Wasser ausgelaugt und die erhaltene Lauge in offenen Pfannen verkocht, wobei die sich abscheidenden Salze herausgefischt werden. Zuerst fällt dabei 7½. 7. Kochsalz aus, welches wegen seines Gehalts an Glaubersalz in Sodafabriken verwertet wird; bei zunehmender Konzentration scheidet sich ein Gemenge von schwefelsaurem Kali und schwefelsaurem Natron ab, welches als Soft sulfates bezeichnet wird. Schließlich läßt man die Flüssigkeit erkalten und erhält eine Krystallisation von Chlorkalium. Die hierbei verbleibende Mutterlauge wird weiter verdampft, worauf nochmals Chlorkalium krystallisiert. Die letzte Mutterlauge die Jodlauge, enthält alle Jodverbindungen in lonzentrierterer Form, daneben aber noch kohlensaure Alkalien, Schwefelalkalien, schwefligsaure Salze etc. Durch Ansäuern mit Schwefelsäure werden diese Salze zersetzt, unter Abscheidung des in den Sulfiden und Sulfiten enthaltenen Schwefels. Die von letzterm getrennte Flüssigkeit wird in einem eisernen Kessel unter Zusatz von Braunstein erwärmt, wobei das freigemachte J. mit den Wasserdämpfen sich leicht verflüchtigt. Um das J. zu verdichten, ist der Kessel mit einem Bleideckel versehen, von welchem die Dämpfe durch Sar weite Röhren in zwei Reihen von thönernen Vorlagen, die so ineinander efügt werden, daß der Hals der ersten in eine odenöffnung der folgenden reicht, geführt werden. In den Vorlagen sammelt sich das J. als krystallinische Kruste, während das gleichzeitig verdichtete Wasser durch eine im Bauch befindliche, nach unten gekehrte kleine Offnung abtropft. Das so gewonnene J. wird in kleinen, aus Eichenholz gefertigten Fässern zu einem engl. Centner Nettogewicht verpackt und in den Handel ebracht. Die als Nebenprodukte gewonnenen Salze trugen früher zur Rentabilität der Jodindustrie erheblich bei; allein dieser Vorteil ist auf ein Minimum reduziert, seitdem die Umgegend von Staßfurt den Handel der Kalisalze beherrscht und deren Preis herabgedrückt hat. Die franz. Jodfabrikation unterscheidet sich von der schottischen durch die Art der Abscheidung des J. aus der Jodlauge. Statt durch Destillation gewinnt man dort das J. durch einen Fällungsprozeß, durch Einleiten von Chlor. Das käufliche J. bildet grauschwarze, dem Graphit ähnliche Stücke oder schuppige Massen. Durch Sublimation läßt es sich leicht in schöne, glänzend schwarze Krystalle verwandeln; ganz dunne Krystalllamellen sind braunrot durchscheinend. Sein spezifisches Gewicht ist 4,is bei 175 In Wasser if es sehr schwer löslich, doch erteilt es dem Wasser welches nur ½000 J. enthält, eine gelbbraung arbe; ein Zusatz von Jodkalium befördert di Slichkeit sehr. In Weingeist und ära ist J leicht feltoh die Lösungen sind intensiv braun; i Schwefelko lenstoff und in Chloroform löst es sic mit violetter Farbe; letztere beiden Agentien ent ziehen selbst minimale Spuren desselben seine wäfferigen Lösungen beim Schütteln und diene durch die dabei eintretende charakteristische Fär bung als sichere Nachweisungsmittel des J. Es schmilzt bei 113—115 C. und siedet über 200 C.; sein schon bei geringstem Erwärmen entstehender Dampf ist dunkelviolett, der gesättigte Dampf bei höchsten Temperaturen blau gefärbt. J. färbt Stärkemehl intensiv blau. Fügt man zu einer wässerigen Jodlösung verdünnten Stärkekleister, so wird die Flüssigkeit bei Spuren von I. himmelblau, bei größern Mengen undurchsichtig dunkelblau. Das Stärkemehl dient als Nachweisungsmittel für J. und umgekehrt wässerige Jodlösung als Erkennungsmittel des Stärlemehls⸗ Hierbei ist aber zweierlei zu beachten, nämlich die Jod-Reaktion tritt nur in kalten, nicht in warmen Flüssigkeiten auf, und ferner wird sie nur durch freies, nicht durch gebundenes J. hervorgerufen. Will man daher Salze auf einen Jodgehalt prüfen, so ist das J. daraus frei zu machen, was am zweckmäßigsten durch Zusatz von wenigen Tropfen roter rauchender Salpetersäure geschieht. Das J. und seine Verbindungen finden Verwendungen in der Medizin, in der Photographie, namentlich aber wird das J. in größten Mengen bei braucht. Alle Bemühungen, dasselbe hier durch das leichter zugängige Brom zu ersetzen, sind bislang fruchtlos gewesen. In seinen Verbindungen 1 J. große Analogien mit dem Chlor und dem Brom, es unterscheidet sich von diesen Elementen im allgemeinen durch schwächere Affinitäten und wird infolge dessen sowohl durch Brom wie namentlich durch Chlor aus seinen Verbindungen abgeschieden. Von den

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 646Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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